Aktuelles aus dem Institut für Katechetik, Religionspädagogik und Pädagogik

Antrittsvorlesung von Professorin Helena Stockinger am 27.09.2021

Nach einer kurzen Vorstellung durch die vorherige Lehrstuhlinhaberin Professorin Ilse Kögler – sie begrüßte auch herzlich eine Vielzahl von Fachkolleg*innen aus dem ganzen deutschen Sprachraum, die vor Ort oder virtuell an der Feier teilnahmen – behandelte Professorin Helena Stockinger in ihrer Antrittsvorlesung mit Verletzlichkeit ein Thema, das ihr wissenschaftliches Denken und Arbeiten maßgeblich prägte und auch zukünftig einen der Arbeits- und Forschungsschwerpunkt am Institut für Katechetik, Religionspädagogik und Pädagogik der KU Linz bilden wird.

Ausgehend von konkreten Beispielen – verletzenden Situationen und problematischen Erfahrungen von Kindern und Jugendlichen in Bildungseinrichtungen – skizzierte Helena Stockinger "Konturen einer verletzlichkeitssensiblen Religionspädagogik". In diesem Konzept geht es zunächst grundlegend darum, institutionelle und gesellschaftliche Strukturen und eigene Vorstellungen laufend kritisch zu reflektieren – etwa im Blick auf den Umgang mit religiöser und weltanschaulicher Vielfalt. Anhand der miteinander verschränkten Aspekte der Macht, der Zugehörigkeit, des Umgangs mit Heterogenität und Emotionen kann das Verletzungspotenzial von Bildungsprozessen befragt werden: Wie lassen sich beispielweise Heterogenität und Differenz bearbeiten und Bildungsprozesse gestalten, damit Schüler*innen sich wertgeschätzt fühlen, ohne als "Andere" festgeschrieben zu werden?

Die unterschiedlichen Aspekte von Verletzlichkeit als Bildungsinhalt zu etablieren und welchen Beitrag religiöse Bildung hier leisten kann, fokussiert der zweite Teil des Vortrags: Gerade die theologische Auseinandersetzung sensibilisiere dafür, dass Verletzlichkeit eine conditio humana ist, die es anzuerkennen gelte – und dass darin eine Voraussetzung für Beziehungsfähigkeit, Solidarität und Verantwortung liege. Gleichzeitig kann die Einsicht, dass Personen in bestimmten Situationen verletzlicher als andere gemacht werden, den Blick auf Ungerechtigkeiten schärfen und zu Kritik und Emanzipation motivieren. In Wirken und Worten Jesu etwa sind Widerstandserzählungen enthalten, die im Religionsunterricht bearbeitet als Motivation fungieren können, sich mit ungerechten Strukturen auseinanderzusetzen und diese zu verändern.

Ein sensibler Umgang mit Verletzlichkeit im Kontext Schule brauche jedoch Ermöglichungsräume: Räume, in denen die Auseinandersetzung mit der eigenen Verletzlichkeit möglich ist und in denen Kinder und Jugendliche ungerechte Verhältnisse kritisieren und Handlungsoptionen reflektieren können. Diese zugleich intellektuellen wie emotionalen Auseinandersetzungen erfordern aber auch den Mut, sich unliebsamen und komplexen Fragen zu stellen, ohne diese immer beantworten zu können. Der Religionsunterricht könne, so unterstrich Helena Stockinger abschließend, ein solcher Ermöglichungsraum werden.

Die Antrittsvorlesung ist abrufbar auf YouTube.

Seit 1. September 2021 hat Univ.-Prof. Dr. Helena Stockinger den Lehrstuhl für Katechetik und Religionspädagogik an der KU Linz inne. Neben ihren Lehramts- und Diplomstudien Katholische Religion, Katholische Religionspädagogik, Katholische Fachtheologie, Psychologie und Philosophie absolvierte sie u.a. den Unilehrgang Supervision, Coaching und Organisationsentwicklung. Für ihre Dissertation, eine ethnographische Studie an Kindergärten in katholischer und islamischer Trägerschaft, wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Zuletzt hatte Helena Stockinger die Lehrstuhlvertretung für Religionspädagogik und Didaktik des Religionsunterrichts an der Ludwig-Maximilians-Universität München inne. Sie war Lehrbeauftragte an Universitäten in Wien, München und Linz und absolvierte Forschungs- und Lehraufenthalte in Belfast, Warwick, Leuven, Münster und Tübingen.