Eröffnung des Studienjahres 2026/27: Antrittsvorlesung von Elisabeth Fritz.

Im Zeichen der Antrittsvorlesung von Professorin Elisabeth Fritz stand die feierliche Eröffnung des akademischen Studienjahres 2026/27 am 1. Oktober 2026 an der Katholischen Privat-Universität Linz. Im Anschluss an den Welcome Day und den Eröffnungsgottesdienst mit Bischof Manfred Scheuer stand eine perspektivenreiche Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Bedeutung von Gegenwartskunst auf dem Programm.

Zur „Infrastruktur der Freiheit“ gehören Spielräume der Kunst und Kultur, des kritischen Denkens, auch des Suchens und Irrens, betonte Bischof Manfred Scheuer beim Eröffnungsgottesdienst in der Kapelle des Bischöflichen Priesterseminars im Anschluss an das Get together beim mittlerweile traditionellen Welcome Day. Freiheit sei dort bedroht, wo wir uns kolonisieren lassen, etwa indem wir Verantwortung leichtfertig abgeben oder ganz an Maschinen und KI auslagern. Gerade eine katholische Universität müsse stets bewusst machen, dass Wahrheit und Wahrheitssuche kein eifersüchtig gehüteter Besitz sind, sondern Geschenke, die es zu teilen gilt: Studieren, Lehren und Forschen vollziehe sich in den Spielräumen von Freiheit, Schönheit und Wahrheit – einer Wahrheit, die die Vielfalt nicht fürchtet.

Anschließend fanden sich die Universitätsgemeinschaft sowie zahlreiche Vertreter:innen aus Wissenschaft, Kultur, Kirche und Gesellschaft im Auditorium der KU Linz ein. Nach einem Rückblick auf die jüngsten Entwicklungen an der KU Linz – u.a. das große internationale Symposium zur Synodalität im Schloss Puchberg und die Teilnahme der Universität am Ars Electronica Festival – eröffnete Rektor Michael Fuchs den Abend mit der Vorstellung der akademischen Laufbahn und der wissenschaftlichen Leistungen von Elisabeth Fritz, die seit März 2026 die Professur für Kunstwissenschaft und Ästhetik sowie die Leitung des Instituts für Geschichte und Theorie der Kunst bekleidet. Anhand beispielhaft ausgewählter Publikationen, so der Habilitationsschrift „Gesellschaft im Freien. Figurationen von Geselligkeit in Fêtes galantes“, die voraussichtlich nächstes Jahr in Buchform erscheinen wird, zeichnete er das Bild einer bestens vernetzten, interdisziplinär arbeitenden Wissenschaftlerin. Ihr Renommee zeige sich auch in der vor wenigen Tagen in Frankfurt am Main erfolgten Verleihung des Margret-Stuffmann-Preises zur Würdigung herausragender kunstwissenschaftlicher Leistungen auf dem Gebiet der französischen Kunst durch den Städelschen Museums-Verein. Prämiert wurde ein Aufsatz zur französischen Genremalerei des 18. Jahrhunderts.

Im Wurzelwerk der Gegenwartskunst

Anders als der bewusst abstrakte Titel der Antrittsvorlesung vielleicht vermuten ließ – „Die soziale Palette rekonfigurieren. Oder: Ein Rezept als Kunstwerk?“ –, war der Ausgangspunkt der Antrittsvorlesung von Universitätsprofessorin Elisabeth Fritz eine minutiöse Analyse zweier konkreter Werke der in Nigeria geborenen und heute in Belgien lebenden Künstlerin Otobong Nkanga. Denn, so betonte Fritz, die Ausbildung und Anwendung von Theorien sei „untrennbar mit der objektenahen Analyse und kontextspezifischen Verortung konkreter Werke verknüpft“. Schwerpunktmäßig an den Arbeiten „Recipe for Repairs“ (2019) und „Carved to flow“ (2017) führte sie vor, welche Bedeutungs- und Handlungshorizonte zeitgenössische Kunst birgt und welche gesellschaftlichen Bezüge darin begründet liegen.

In Nkangas hochkomplexen, auch einen breiten Traditionsstrom – von barocker Emblemkunst bis zum Futurismus der 1930er Jahre – aufnehmenden Arbeiten werden Aspekte der Instandsetzung, Wiedergutmachung und Heilung in postkolonialen Verhältnissen thematisiert. Die Arbeiten selbst sind eine Art der Intervention, eine soziale Praxis, die sozioökonomische, geopolitische, erinnerungskulturelle und identitätsstiftende Dimensionen berücksichtig: Nkangas künstlerische Projekte zielen auf konkrete „heilende“ Effekte. Doch Fritz blieb nicht bei diesem mittlerweile ebenfalls schon traditionsreichen instrumentellen Verständnis von Kunst als „sozialem Rezept“ und heilsamem Mittel stehen. Sie lenkte die Aufmerksamkeit zurück auf das Bild selbst und die Imaginationsräume, die es eröffnet – und auf die künstlerische Auseinandersetzung mit dem gegenwärtigen Bildervorrat und den Möglichkeiten der Darstellung des „Sozialen“.

Welche Bilder machen wir uns vom "Sozialen"?

Elisabeth Fritz’ Forschungsinteresse richtet sich auf Bilder und Ästhetiken des Sozialen in künstlerischen, wissenchaftlichen und alltagskulturellen Kontexten. Mit einer dezidiert kunsthistorischen Perspektive arbeitet sie an einer „Bildtheorie des Sozialen“. Im Zentrum steht dabei nicht die illustrative, sondern vielmehr die konstitutive und konstruktive Rolle visueller Darstellungen bei der Ausbildung von „sozialem Wissen“. In Otobong Nkangas Arbeiten werde der ästhetische Prozess der Generierung von Bildlichkeit und Bildbedeutung konkret dargestellt, etwa durch das Abbilden der in ihren Arbeiten in Acryl auf Papier verwendeten Farbpaletten. Mit Bezug auf wirtschaftswissenschaftliche Theorien fasste Fritz dies unter dem Begriff der „Rekonfiguration“, der auch die Hinterfragung von hegemonialen Machtverteilungen oder den Ausschluss aus politischen und gesellschaftlichen Debatten rund um Diskurse der Heilung und Wiederherstellung beinhaltet.

Es seien, betonte Elisabeth Fritz als transdisziplinär arbeitende Geistes- und Kulturwissenschaftlerin, insbesondere künstlerische Bilder, die uns dazu anregen, die gängigen Visualisierungen und spezifische Konfigurationen unserer „sozialen Palette“ zu ergründen und auf die figurativen und ästhetischen Aspekte des Sozialen zu achten: Denn diese sind ein wesentlicher Teil unserer Wahrnehmung, Deutung und Ausgestaltung der Welt.

Univ.-Prof.in MMag.a Dr.in Elisabeth Fritz absolvierte ein Doppelstudium der Kunstgeschichte und Soziologie an der Universität Wien und wurde 2012 an der Karl-Franzens-Universität Graz promoviert. Die Habilitation für Allgemeine Kunstgeschichte erfolgte 2023 an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Ebenda war sie von 2012 bis 2022 wissenschaftliche Assistentin am Lehrstuhl für Kunstgeschichte bei Verena Krieger. Nach einer zweijährigen Gastprofessur an der Freien Universität Berlin war sie bis Februar 2026 stellvertretende Direktorin am Deutschen Forum für Kunstgeschichte in Paris. Seit März 2026 ist Elisabeth Fritz Universitätsprofessorin für Kunstwissenschaft und Ästhetik an der KU Linz sowie Leiterin des Instituts für Geschichte und Theorie der Kunst. An der KU Linz wird sie ihre Beschäftigung mit Ästhetiken, Ikonografien und Bildtheorien des „Sozialen“ vertiefen und diese in Bezug zu theologischen und philosophischen Fragen setzen.

Zur Person

02.10.2026/RK/HE