DonnaStage im Domcenter: Mutterschaft und Emanzipation – (un)vereinbar?

Ist Mutterschaft eine Frage der persönlichen Entscheidung oder vor allem eine gesellschaftliche Angelegenheit? Wie prägen tradierte Rollenbilder unser Verständnis von Weiblichkeit und Muttersein? Und welche Bedingungen braucht es, damit Mutterschaft und Emanzipation tatsächlich miteinander vereinbar sind? Diesen Fragen widmete sich die jüngste Ausgabe der DonnaStage im Domcenter Linz. Mit der Politikwissenschaftlerin und Gendertheoretikerin Marie Reusch als Impulsgeberin und einem generationenübergreifenden Podium entstand ein vielschichtiger Austausch über Mutterschaft zwischen gesellschaftlichem Anspruch, persönlicher Lebensrealität und politischer Verantwortung.

Muttersein – aber bitte richtig?

Unter dem Titel „Werde Mutter, aber richtig. Mutterschaft als umkämpftes Terrain“ eröffnete Marie Reusch den Abend mit einem historischen und gesellschaftspolitischen Blick auf Mutterschaft. Ihre zentrale These: Die gesellschaftliche Vorstellung von Weiblichkeit wurde über weite Strecken der Geschichte maßgeblich durch Mutterschaft definiert. In einer binären Geschlechterordnung, die sich auf vermeintlich natürliche Unterschiede zwischen Frauen und Männern beruft, galt das Mutterwerden als Höhepunkt und Erfüllung weiblicher Existenz.

Besonders deutlich wurde diese Zuschreibung in den gesellschaftlichen Entwicklungen nach dem Zweiten Weltkrieg. Während Frauen in den Kriegsjahren vielfach selbstverständlich Erwerbsarbeit übernommen hatten, wurden sie in den folgenden Jahrzehnten wieder verstärkt in den privaten Raum verwiesen. Der Mann galt als Ernährer, die Frau als Zuständige für Haushalt, Kindererziehung und familiäre Fürsorge. Dieses Familienmodell erreichte in den 1950er- und 1960er-Jahren seine gesellschaftliche Hochphase. Erst die Frauenbewegungen machten die damit verbundenen Ungleichheiten zunehmend sichtbar und forderten Gleichberechtigung und eine gerechtere Verteilung gesellschaftlicher Verantwortung ein.

Eine Forderung, die bis heute nichts an Aktualität verloren hat: Nicht die individuelle Lebensentscheidung von Frauen darf im Zentrum der Debatte stehen, sondern die gesellschaftlichen Strukturen, unter denen diese Entscheidungen getroffen werden. Es braucht Rahmenbedingungen, die Gleichstellung ermöglichen und Sorgearbeit gerecht verteilen, anstatt sie als private Angelegenheit den Frauen zu überlassen.

Reusch machte zugleich darauf aufmerksam, dass auch feministische Debatten kritisch hinterfragen müssen, von welchen Lebensrealitäten sie ausgehen. Wer über die „Natur der Frau“ oder allgemeingültige Vorstellungen von Mutterschaft spricht, orientiert sich häufig an einem weißen, europäischen und akademisch geprägten Ideal. Damit geraten die vielfältigen Lebensrealitäten von Frauen aus dem Blick. Ein zeitgemäßer Feminismus müsse deshalb intersektional denken, internalisierte Mütterbilder verlernen und die eigenen Privilegien reflektieren. Es gehe darum, Solidarität mit unterschiedlich positionierten und weiblich gelesenen Körpern zu entwickeln und gemeinsam danach zu fragen, was ein gutes Leben für alle ermöglicht.

Zwischen Idealbild und Überforderung

Für eine differenzierte Auseinandersetzung unterschied Reusch zwischen Mutterschaft als gesellschaftlicher Institution, den damit verbundenen Mütterbildern und der konkreten Praxis des Mutterseins. Während Mutterschaft als Institution von gesellschaftlichen Normen und Machtverhältnissen geprägt ist, kann gerade die gelebte Praxis widerspenstig sein: Sie kann tradierte Vorstellungen unterlaufen und das Bild der vermeintlich idealen Mutter porös werden lassen.

Allerdings hat sich das gesellschaftliche Ideal keineswegs aufgelöst, sondern vielmehr verändert. Das Leitbild des 21. Jahrhunderts ist zunehmend die sogenannte „Do-it-all-Mother“ oder „Top-Mom“: eine Mutter, die beruflich erfolgreich, möglichst in Vollzeit erwerbstätig, zugleich jederzeit für ihre Kinder da und darüber hinaus auch noch persönlich ausgeglichen und zufrieden sein soll. Die Anforderungen an Frauen haben sich damit nicht einfach verringert, sondern vielfach erweitert. Was als Vereinbarkeit von Familie und Beruf erscheint, wird nicht selten zur individuellen Zerreißprobe und mündet in mentale und körperliche Überforderung.

Genau in diesem Spannungsfeld verortet Reusch auch ihre aktuelle Forschung zu extrem rechten Bewegungen. Diese greifen gesellschaftliche Überforderungen auf und setzen ihnen medial inszenierte Bilder einer scheinbar glücklichen und erfüllten Mutterschaft entgegen. Rechtspopulistische Aktivistinnen treten dabei als politische Akteurinnen auf, die vermeintlich einfache Antworten auf komplexe gesellschaftliche Herausforderungen anbieten und Handlungsmacht versprechen. Umso wichtiger sei es, solche Narrative kritisch lesen zu lernen und nicht individuelle Lebensentscheidungen zum Maßstab politischer Debatten zu machen.

Mutterschaft müsse vielmehr im Zusammenhang mit ökonomischen, ökologischen und sozialen Bedingungen betrachtet werden: mit Fragen von Arbeit, Wohnen, Gesundheit und gesellschaftlicher Teilhabe. Reuschs Plädoyer lautete daher, Mutterschaft zu entnaturalisieren und damit politisch verhandelbar zu machen. Es brauche „solidarische Räume für ein (Zusammen-)Leben jenseits des Do-it-all“.

Unterschiedliche Generationen, gemeinsame Fragen

Wie diese gesellschaftlichen Widersprüche im Alltag erlebt werden, zeigte sich eindrücklich in der anschließenden Podiumsdiskussion. Die unterschiedlichen Generationen und beruflichen Perspektiven machten deutlich, wie vielfältig die Herausforderungen sind – und wie sehr sie miteinander zusammenhängen.

Die jüngere Generation, am Podium vertreten durch Lucilla Abermann, Maturantin am Aloisianum Linz, blickt auf Mütter, die vielfach mit Mental Load und den Anforderungen eines scheinbar grenzenlosen Zuständigseins konfrontiert sind. Gleichzeitig prägen soziale Medien zunehmend idealisierte Bilder traditioneller Weiblichkeit, etwa durch die sogenannten „Tradwife“-Bewegungen. Dass solche Inszenierungen mitunter verlockend wirken, weil sie einfache Antworten auf komplexe Lebensrealitäten versprechen, wurde durchaus kritisch reflektiert. Umso wichtiger sei es, Haltung zu zeigen und dort Position zu beziehen, wo Unrecht geschieht. Denn gesellschaftliche Veränderungen entstehen nicht von selbst. Zugleich wurde daran erinnert, dass Familie und Mutterschaft nicht nur mit Herausforderungen verbunden sind: In einer Gemeinschaft zu leben, die trägt, sich umeinander kümmert und Verantwortung teilt, kann auch große Freude und Lebensqualität bedeuten.

Elfi Koblmüller, Leiterin des Fachbereichs Personalverwaltung und Dienstrecht der Diözese Linz, unterstrich die Bedeutung konkreter struktureller Maßnahmen für eine gerechtere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Die Diözese Linz habe bereits vor rund 25 Jahren begonnen, Karenzzeiten bei Gehaltsvorrückungen anzurechnen. Ein Beispiel dafür, dass Gleichstellung nicht allein von individuellen Haltungen abhängt, sondern auch durch institutionelle Entscheidungen und verbindliche Rahmenbedingungen vorangebracht werden kann.

Florina Platzer, Co-Leiterin des Vereins maiz, weitete den Blick auf die Notwendigkeit, feministische Perspektiven nicht nur intersektional, sondern auch dekolonial zu denken und in die Praxis zu übersetzen. Frauen und Mädchen mit Migrationsgeschichte seien häufig von mehrfachen Diskriminierungen betroffen. Es brauche daher Lern- und Begegnungsräume, in denen sie eigene Vorstellungen von Freiheit und Gleichheit entwickeln, tradierte Rollenbilder hinterfragen und ihre Handlungsmöglichkeiten stärken können. Feministische Solidarität müsse unterschiedliche Erfahrungen ernst nehmen und politische Maßnahmen einfordern, die strukturelle Benachteiligungen tatsächlich abbauen.

Abena Carty-Pinner, Leiterin des Frauenbüros der Stadt Linz und Kooperationspartnerin der diesjährigen DonnaStage-Reihe, betonte ebenfalls die Bedeutung solidarischer Räume. Feministische Arbeit sei eine gemeinsame und durchaus anstrengende Aufgabe, die unterschiedliche Lebensrealitäten zusammenführen müsse. Gerade Formate wie die DonnaStage könnten dazu beitragen, verschiedene Erfahrungen und Perspektiven sichtbar zu machen, Kräfte zu bündeln und gemeinsam gesellschaftliche Veränderungen anzustoßen.

Solidarische Räume für ein gutes Zusammenleben

Die Diskussion machte deutlich: Mutterschaft und Emanzipation lassen sich nicht gegeneinander ausspielen. Entscheidend ist vielmehr, unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen Menschen Sorgearbeit übernehmen, Familie gestalten und ihr Leben selbstbestimmt führen können. Dafür braucht es eine kritische Auseinandersetzung mit tradierten Rollenbildern ebenso wie konkrete politische und institutionelle Veränderungen.

Das gemeinsame Plädoyer des Abends war deshalb ein ermutigendes: Es gilt, die begonnenen Wege weiterzugehen, unterschiedliche Generationen und Lebensrealitäten miteinander ins Gespräch zu bringen und auch Männer stärker in die Auseinandersetzung über Sorgearbeit und Gleichstellung einzubeziehen. Denn die Frage, wie wir in Zukunft gut miteinander leben wollen, ist keine Frauenfrage. Sie ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Die DonnaStage im Domcenter Linz – eine Veranstaltungsreihe in Kooperation mit der Katholischen Privat-Universität Linz, der Bischof Rudigier Stiftung, dem Frauenbüro der Stadt Linz und unterstützt durch die Oberösterreichische Versicherung – hat dafür einmal mehr einen Raum eröffnet: für Widerspruch, neue Perspektiven, Solidarität und die gemeinsame Suche nach einem guten Leben für alle.

30.10.2026/Martina Resch/HE