DonnaStage im Domcenter Linz: "Heilige Maria – Mutter und mehr".

Im Mittelpunkt des Abends im Domcenter Linz, das bis auf den letzten Platz gefüllt war, standen emanzipatorische und interreligiöse Perspektiven auf eine der bekanntesten und wirkmächtigsten Frauengestalten der Religionsgeschichte. Die Referentinnen beleuchteten biblische und koranische Überlieferungen und zeigten Gemeinsamkeiten, theologische Unterschiede und wechselseitige Bezüge auf. Dabei wurde deutlich, dass die verbreitete Vorstellung von Maria beziehungsweise Maryam als vornehmlich passiver, demütiger und gehorsamer Frau einer differenzierten Betrachtung bedarf. Ein genauer Blick auf die Quellen eröffnete vielmehr das Bild einer Frau, die handelt, Entscheidungen trifft, auf Gott vertraut und ihre Geschichte aktiv mitgestaltet.
Aus christlicher Perspektive stand unter anderem die politische Dimension des Magnificat im Mittelpunkt. Ganz auf dem Boden jüdischer Prophetie stehend, wird in Marias Lobgesang (Lk 1,46–55) eine gesellschaftliche Ordnung in den Blick genommen, in der Machtverhältnisse auf den Kopf gestellt werden, Erniedrigte aufgerichtet und Gerechtigkeit erhofft werden. Maria erscheint damit nicht nur als Mutter des Messias, sondern auch als Stimme der Hoffnung, die die Sehnsucht nach Veränderung bereits selbst verkörpert. Aus evangelischer Perspektive wurde besonders die leibliche Dimension der Inkarnation und die geburtliche Dimension des Mensch-Seins in das Zentrum der Diskussion gerückt, die untrennbar mit dem gebärenden Körper der jungen und mutigen Maria verbunden sind, die sich mit ihrem Ja zu diesem Kind auf einen offenen Weg mit Gott und der Welt eingelassen hat und damit gehörig gängige Rollenvorstellungen in Frage stellt.
Besondere Aufmerksamkeit galt auch der koranischen Maryam, einer herausgehobenen Frauengestalt der islamischen Tradition. In der koranischen Geburtserzählung beispielweise wird auch sie in einer existenziell prekären Situation gezeigt: Allein in der Wüste, ohne jeglichen männlichen Beistand wird sie verletzlich, verzweifelt und zugleich handlungsfähig portraitiert und bewältigt diese Situation, weil Gott sie mit all dem versorgt, was sie in dieser Situation benötigt. Die Erzählung rückt damit eine Frau ins Zentrum, deren Stärke nicht darin besteht, unverwundbar zu sein, sondern sich in einer schwierigen Lage, die mit allen Rollenerwartungen an Frauen bricht, zu behaupten weiß. Die Diskussion machte die besondere Bedeutung Maryams im Islam ebenso sichtbar wie Parallelen und intertextuelle Bezüge zwischen den christlichen und islamischen Überlieferungen.
Ein zentrales Thema war die Spannung zwischen textlicher Quellenlage, religiöser Verehrung und gesellschaftlichen Vorstellungen von Weiblichkeit, die bis heute wirksam sind. Wo der Text Maria / Maryam als starke, eigenständige und Gott nahestehende Frauen überliefert, bringt die patriarchal geprägte Traditionsgeschichte ein anderes Bild hervor, das mit Idealen von Demut, Reinheit, aufopfernder Mutterschaft und Selbstlosigkeit verbunden ist. Die Auseinandersetzung mit den Quellen eröffnete deshalb einen kritischen Blick auf die Rezeptionsgeschichte und Wirkungsgeschichte dieser zentralen Figuren christlicher und islamischer Tradition und rückte die Frage nach der zugrundeliegenden erkenntnisgeleiteten Hermeneutik religiöser Texte in den Fokus.
Die Veranstaltung zeigte, dass Maria beziehungsweise Maryam weit mehr sind als idealisierte, der Geschichte enthobene Mütterfiguren. Ihre Geschichten eröffnen unterschiedliche theologische Deutungen, neue mütterliche Zugänge zur Gottesrede und bieten Anknüpfungspunkte, um über weibliche Subjektivität, Handlungsmacht, Körperlichkeit und Generativität nachzudenken. Als verbindende Figur kann Maria beziehungsweise Maryam den interreligiösen Dialog fördern, ohne die Unterschiede zwischen christlicher und islamischer Tradition und Theologien einzuebnen. Gerade der vergleichende Blick macht sichtbar, wie religiöse Überlieferungen neu gelesen, für die eigenen theologischen Fragestellungen sowie für gegenwärtige intersektional-feministische Fragen nach Geschlechtergerechtigkeit, Mutterschaft, Sichtbarkeit und Handlungsmacht produktiv gemacht werden können.
Im Anschluss nutzten zahlreiche Besucher:innen die Gelegenheit zum Austausch mit den Referentinnen. Die große Resonanz unterstrich das anhaltende Interesse an feministisch-theologischen, gesellschaftlichen und interreligiösen Fragestellungen rund um Maria und Maryam und bekräftigen die Relevanz von DonnaStage als einer solidarischen Bühne für den feministischen Diskurs.
Nächste Veranstaltung:
Feminismus und Mutterschaft – (un)vereinbar?
Ein Gespräch der GenerationenDo., 29. Oktober 2026, 19:00 Uhr
Domcenter Linz, Domplatz 1, 4020 Linz
Die Veranstaltungsreihe wird unterstützt von der Oberösterreichischen Versicherung AG, der Bischof Rudigier Stiftung und dem Frauenbüro der Stadt Linz.
19.10.2026/MR/HE


