Synodalität ist Beziehungsarbeit
DOMRADIO.DE: Darüber, wie Synodalität sichtbar werden kann, haben 187 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus 31 Ländern auf der Konferenz "Shaping Synodality in Europe. From Vision to Roadmap" Mitte September in Österreich
beraten. Was ist für Sie das wichtigste Ergebnis der Tagung?
Prof. Dr. Klara-Antonia Csiszar (Organisatorin der Konferenz "Shaping Synodality in Europe. From Vision to
Roadmap"): Es mag banal klingen, aber es wurde noch einmal deutlich: Synodalität ist Beziehungsarbeit. Das gilt für Pfarrgemeinden und Diözesen ebenso wie für die europäische Ebene und die Weltkirche. Durch Begegnung entsteht
Vertrauen zwischen Menschen aus sehr unterschiedlichen Kontexten.
Zugleich geht es um konkrete Inhalte. Wir werten derzeit die Tischgespräche und einen Fragebogen aus, den die Taskforce für Synodalität in Europa initiiert hat. Dabei fragen wir: Welche Themen und Blockaden müssen auf welcher Ebene bearbeitet werden? Was eine Diözese selbst lösen kann, muss nicht auf die europäische Ebene gehoben werden. Fragen, die einzelne Diözesen oder Bischofskonferenzen überfordern, müssen wir dagegen gemeinsam angehen.
Seit der ersten Kontinentalversammlung üben wir, als Kirche mit der Vielfalt Europas umzugehen. Die Rückmeldungen bei der Tagung zeigen: Wir sind auf einem guten Weg.
DOMRADIO.DE: Die Kirchen in Europa sind sehr unterschiedlich geprägt. Wie kann ein gemeinsamer synodaler Weg gelingen?
Csiszar: Die Unterschiede lassen sich nicht einfach in Befürworter und Gegner der Synodalität aufteilen. In alten wie neuen Demokratien gibt es Zustimmung und Widerstände. Durch die Begegnungen werden aber Erfahrungen sichtbarer, die bisher weniger wahrgenommen wurden, etwa aus dem postkommunistischen Raum.
Ich komme aus Rumänien, meine Muttersprache ist Ungarisch, und ich lebe seit über 15 Jahren in Westeuropa. Manche Spannungen kenne ich deshalb aus eigener Erfahrung. Beim Geschichtsbewusstsein zeigt sich das besonders deutlich: In Westeuropa steht häufig die kritische Auseinandersetzung mit dem kolonialen Erbe oder mit Verletzungen durch
kirchlichen Missbrauch im Vordergrund. In Osteuropa prägen dagegen die Erfahrungen von Unterdrückung und Leid unter sowjetischer Herrschaft das kirchliche Selbstverständnis. Daraus ist das Bewusstsein einer Märtyrerkirche gewachsen.
All diese Erfahrungen gehören zur Geschichte Europas. Manchmal habe ich allerdings den Eindruck, Europa höre in
unseren Debatten bei Wien auf. Wir müssen lernen, die unterschiedlichen Erfahrungen zusammenzubringen. Auch die von Papst Franziskus betonte heilsame Dezentralisierung kann nur aus dieser Beziehungsarbeit wachsen. Ohne sie droht Spaltung.
DOMRADIO.DE: Bei der Tagung entstand die Idee eines europäischen Kirchenforums zur Deutung der Zeichen der Zeit. Was steckt dahinter?
Csiszar: Seit der Kontinentalversammlung in Prag beschäftigt mich die Frage, was die Kirche in Europa gemeinsam tut. Auf anderen Kontinenten erleben wir mehr Dynamik: Die Kirchen greifen gesellschaftliche Themen auf und beraten
darüber. Auch in Europa gab es in den 1970er-, 1980er- und 1990er-Jahren große Symposien, bei denen Theologie und kirchliche Akteure nach Antworten auf gesellschaftliche Veränderungen suchten. Diese Tradition wurde vernachlässigt.
In Prag wurde deutlich, wie wenig wir voneinander wissen – etwa darüber, wie die Kirche in Deutschland oder in der Ukraine lebt. Wir brauchen Räume, um einander kennenzulernen und gemeinsam auf gesellschaftliche
Herausforderungen zu reagieren: auf Zukunftsängste, Polarisierung, Radikalisierung oder die Angst vor Fremden und Vielfalt.
Ein Kirchenforum dürfte sich deshalb nicht nur mit sich selbst beschäftigen. Es könnte aktuelle Themen aufgreifen und fragen, was sie für uns als Kirchen bedeuten. Dabei ist die ökumenische Perspektive wichtig. Dahinter steht auch die Frage, wie es nach der kirchlichen Versammlung 2028 weitergeht: Können wir in Europa zusammenbleiben und etwas gemeinsam entwickeln, auch wenn kein neuer Auftrag aus Rom kommt?
DOMRADIO.DE: Kritiker könnten sagen: Wer strukturelle Veränderungen fordert, dem reicht Zuhören irgendwann nicht mehr. Besteht die Gefahr, Reformdefizite zu spiritualisieren, statt sie zu lösen?
Csiszar: Ja, diese Gefahr besteht. Das wurde auch bei den Tischgesprächen angesprochen. Viele fragen: Wann kommen Entscheidungen und Strukturen, die Synodalität dauerhaft sichern? Sie darf nicht beliebig bleiben oder bei einem
Personalwechsel wieder zurückgenommen werden.
Vor solchen Spannungen habe ich keine Angst. Sie helfen, die nächsten notwendigen Schritte zu erkennen und die
Menschen ernst zu nehmen. Wir können nicht lange für Synodalität begeistern und dann sagen: Das war es jetzt. Das wäre weder theologisch noch didaktisch oder menschlich zu vertreten. Ich hoffe, dass aus diesen Fragen gute
Entscheidungen entstehen – Entscheidungen, die aus dem Miteinander wachsen.
Spannungen sehen wir etwa beim Verständnis kirchlicher Dienste und bei der Beteiligung von Frauen. Deshalb ist ein
Zuhören nötig, das uns verändert. Es reicht nicht, aus Höflichkeit zuzuhören und selbst unverändert zu bleiben.
Transformation war ein Schlüsselbegriff der Tagung: Wie kann aus der Wandlung in der Eucharistie auch eine Wandlung der Gemeinschaft entstehen, die gesellschaftlich wirksam wird – für Frieden, Gerechtigkeit und Liebe? Das ist ein langsamer Weg. Aber wir können ihn uns nicht ersparen, wenn wir Spaltung und vorschnelle Antworten vermeiden wollen.
DOMRADIO.DE: Die Weltsynode ist in der Umsetzungsphase. Was können Ortskirchen selbst verändern, und wo braucht es Entscheidungen aus Rom?
Csiszar: Vieles können wir schon jetzt selbst verändern. Wir sollten fragen: Wer wird nicht gehört? Wen übersehen wir? Wer sitzt nicht mit am Tisch? Daraus ergibt sich Handlungsbedarf, unabhängig davon, wo wir leben oder Verantwortung tragen.
Ein Beispiel ist die Willkommenskultur. Ich bin aus persönlichen und beruflichen Gründen oft umgezogen. Im deutschen Sprachraum habe ich von einer neuen Pfarrgemeinde nie einen Brief bekommen, der mich willkommen hieß. Als Fremde in eine gewachsene, oft geschlossene Gemeinschaft hineinzukommen, ist schwer. Dabei wissen die Gemeinden durch die Meldeämter, wer neu hinzugezogen ist.
Auch bei kirchlichen Gremien und Räten müssen wir fragen: Welche Beteiligung ermöglichen sie? Bilden ihre Mitglieder die Vielfalt des Lebens ab oder bleiben sie eine geschlossene, elitäre Gruppe? Die Menschen lesen nicht unsere
Dokumente, sondern sie erfahren uns. Deshalb wünsche ich mir mehr Konsequenz: Was wir in Dokumenten und Bekenntnissen formulieren, muss erlebbar werden.
DOMRADIO.DE: Was sollte bis 2028 geschehen, damit Synodalität im kirchlichen Alltag spürbar wird?
Csiszar: Es muss erfahrbar werden, dass in unserer Kirche jede und jeder einen Platz hat. Das beginnt bei unseren
alltäglichen Begegnungen: mit Jugendlichen, Migranten, armen, alten oder einsamen Menschen. Was erleben sie, wenn sie Kirche begegnen? Und welches Bild von Kirche vermitteln wir? Bemühen wir uns darum, dass Menschen sich
beheimatet fühlen, oder schrecken wir sie durch ständiges Schlechtreden ab?
Dabei fangen wir nicht bei null an. Die Kirchen in den alten Demokratien arbeiten seit Jahrzehnten daran, eine
Willkommenskultur zu entwickeln und Beteiligung zu ermöglichen. Darauf dürfen wir auch stolz sein. Dahinter steckt die Arbeit vieler Menschen, die sich vor Ort engagieren – unabhängig davon, wer Bischof oder Papst ist und was Rom sagt oder noch nicht sagt. Solche Erfolgsgeschichten sollten wir als Resource betrachten. Aus ihnen können Mut,
Zufriedenheit und Hoffnung auf eine bessere Zukunft wachsen.
Quelle: DR
Theologin Csiszar mahnt konkrete Schritte für synodale Kirche an | DOMRADIO.DE
