Sprache, Macht und Identität: Geschichte und Gegenwart des Ukrainischen.

Nach den einleitenden Worten von Pater Andrii Kityk (Ukrainische Gemeinde in Linz) und Oksana Kuzo (Verein Point of Ukraine) – verbunden mit einem herzlichen Dank an die KU Linz für die Kooperation – spannte Professor Michael Moser in seinem Vortrag „Die ukrainische Unabhängigkeit im Kontext der Geschichte, des andauernden russischen Angriffskrieges und der Sprachenfrage“ zunächst einen historischen Bogen vom Zarenreich über die kommunistische Sowjetunion bis zur Gegenwart der Ukraine. Dabei erinnerte er an die Enteignungen der 1920er Jahre und insbesondere den „Holodomor“ der frühen 1930er Jahre: Zwar habe es in anderen Teilen der UdSSR auch Hunger gegeben, aber die systematisch herbeigeführte Hungersnot in der Ukraine mit mehreren Millionen Opfern müsse als gesellschafts- und kulturpolitisch motivierter Angriff auf die ukrainische Bevölkerung und Kultur beurteilt werden.
Eine Fortsetzung fand dies in den folgenden Jahrzehnten durch eine „Politik der Russifizierung“, die sich u.a. im gesteuerten Zuzug russischer Bevölkerung ausdrückte. Auf dieser Linie lagen auch die Versuche, Russisch als die einzige Hochsprache zu etablieren und andere Sprachen den Bereichen des Brauchtums und der bäuerlichen Kultur zuzuordnen. Bis in die Gegenwart hinein war damit die Erfahrung geläufig, dass Ukrainisch-Sprechende als ungebildet abqualifiziert wurden, während Russisch für Bildung, Kultur und gesellschaftlichen Aufstieg stand. Diese Hierarchie sei ein wesentliches Merkmal der sowjetischen Sprachpolitik gewesen.
Spätestens seit der Unabhängigkeit der Ukraine 1991, noch einmal verstärkt seit dem Beginn des russischen Angriffskrieges 2022, habe das Bewusstsein für den Eigenwert und die Selbstständigkeit der ukrainischen Sprache zugenommen, was sich auch in statistischen Erhebungen zur Sprachverwendung widerspiegelt. Vor diesem Hintergrund wandte sich Moser gegen die bis heute in propagandistischer Absicht lancierte Erzählung, die Unabhängigkeit sei von außen geschaffen oder der Bevölkerung aufgezwungen worden. Zu unterstreichen sei, dass sie von breiten Teilen der ukrainischen Gesellschaft gewollt und aktiv mitgetragen wurde. Anhand der Entwicklung der gesetzlichen Bestimmungen zur Sprachenfrage von der Festlegung des Ukrainischen als Staatssprache der Ukrainischen Sowjetrepublik (1989) bis zum Gesetz zum Schutz und zur Förderung der ukrainischen Sprache (2019) wurde gezeigt, wie gezielt noch in den 2010er Jahren die politische Agenda betrieben wurde, das Ukrainische als Staatssprache auszuhebeln und auf seine Kosten das Russische zu stärken. Dass in der Diskussion bis heute – und gerade auch in Europa – Vokabel wie „russischsprachiger Osten der Ukraine“ unreflektiert übernommen werden, zeuge dabei vom fehlenden Einblick in konkrete Realitäten.
Moser hat dieses Nicht-Wissen, ja auch eine Art von Ignoranz, als junger Student der Slawistik in den späten 1980er und frühen 1990er Jahren selbst erlebt: Ukrainisch stand in der wissenschaftlichen Philologie ganz im Schatten des Russischen und wurde nicht selten als bloßer russischer Dialekt angesehen, eine Sichtweise, die entschieden zurückzuweisen ist: Sprachgeschichtlich gebe es keinen „Stammbaum“, in dem das Russische die „Ursprache“ und das Ukrainische lediglich eine spätere, abhängige Variante sei, vielmehr entwickelten sich die ostslawischen Sprachen parallel. Zudem lasse sich nachweisen, dass Russisch unter der ansässigen Bevölkerung im Gebiet der heutigen Ukraine vor dem 17. Jahrhundert überhaupt nicht gesprochen wurde.
Der Vortrag machte deutlich, dass die Sprachfrage in der Ukraine weit über linguistische Aspekte hinausgeht. Sie berührt Fragen von Geschichte, Macht, Identität und politischer Selbstbestimmung. In der anschließenden Diskussion schilderten Mitglieder der ukrainischen Community in Oberösterreich eindrucksvoll ihre persönlichen Erfahrungen mit Mehrsprachigkeit und unterschiedlichen Sprachbiographien. Mosers Resümee fasste eine zentrale Botschaft des Abends zusammen: „Das Ukrainische gab es, gibt es und wird es immer geben!“
Univ.-Prof. Mag. Dr. Dr. h. c. Prof. h. c. Michael Moser studierte an der Universität Wien Slawistik und Deutsche Philologie und promovierte 1995 ebendort. Seine Habilitation erfolgte 1998. Er ist Universitätsprofessor an der Universität Wien, an der Katholischen Péter-Pázmány-Universität in Budapest sowie an der Ukrainischen Freien Universität München. Seit 2013 ist Michael Moser Präsident der Internationalen Ukrainistenvereinigung. … mehr
26.8.2026/RK/HE


