Kulturwandel in der Kirche? Europäische Kirchenspitzen tagen in Wels.
Allein schon die Zahl der Teilnehmer:innen setzt ein deutliches Zeichen: Mehr als 180 Personen aus über 30 europäischen Ländern von Portugal bis zur Ukraine, Delegationen aus fast ebenso vielen Bischofskonferenzen, darunter 23 Bischöfe und zwei Kardinäle, führende Akteur:innen des synodalen Prozesses wie Nathalie Becquart (Rom) und Erzbischof Gintaras Grušas (Vilnius, Präsident des Rates der europäischen Bischofskonferenzen) sowie Theolog:innen wie Paul Zulehner, Gabriele Eder-Cakl und Tomáš Halík – es ist mehr als eine Konferenz, es ist ein Meilenstein für die Ortskirchen Europas und eine bedeutende Wegmarke in der aktuellen weltweiten Umsetzungsphase des synodalen Prozesses von 2025 bis 2028. Was in Wels damit auch sichtbar wird, ist eine neue synodale Kirche im Werden, eine Kirche, die sich der Verwirklichung von mehr Mitbestimmung und Verantwortung verpflichtet sieht, und das nicht nur mit dem Blick nach innen: Wie gestalten wir, so eine Kernfrage der Tagung, gemeinsam einen tiefgreifenden Transformationsprozess, der Kirche und Gesellschaft gleichermaßen erfasst – und wie kann Kirche dabei selbst zum Modell für Beteiligung, Dialog und gemeinsames Entscheiden werden?
Bei der Pressekonferenz zum Auftakt der Tagung am 14. September 2026 wurde noch einmal deutlicher: Das gemeinsame Bemühen, der Kirche eine neue Gestalt zu geben, soll auch positiv auf Welt und Gesellschaft wirken. In diesem Sinne bestärkt auch Papst Leo XIV. die Teilnehmenden der Tagung in seinem Grußwort, das von Kardinal Nemet verlesen wurde.

Organisatorin Professorin Klara A. Csiszar ist eine treibende Kraft bei der Entfaltung des synodalen Prozesses auf europäischer Ebene. Als Leiterin der Abteilung für Synodalität an der KU Linz koordiniert sie seit 2025 eine Forschungsgruppe von rund 20 Theolog:innen, von Kirchenrechtlern und Religionssoziologen aus Ost- und Westeuropa. Damit Synodalität zu einer Kultur werde und nicht nur ein Programm bleibe, gelte es, so Csiszar, den sehr unterschiedlichen Kontexten Europas gerecht zu werden. Daher werde auch in Wels ein erprobtes Modell der Weltsynode in Rom angewandt: In konzentrierter Arbeit an miteinander geteilten Tischen – an denen jede:r Teilnehmende reden kann und gehört wird – sowie in Elementen von gemeinsamer Meditation und Reflexion, stehe die Praxis im Mittelpunkt: „In welche Richtung kann eine Roadmap gedacht werden und wo liegen in Europa unsere Stärken und unsere Blockaden.“ Ziel sei ein Text, der dem Rat der europäischen Bischofskonferenzen übergeben werden und in die Vorbereitung der Kontinentalversammlung im Frühjahr 2028 eingehen soll. Dabei werden strittige Fragen nicht überblendet, sondern klar angesprochen. Csiszar betont: „Kirchliche Beratung braucht einen Ort, an dem auch unbequeme Befunde ausgesprochen werden können; und sie braucht eine Dokumentation, die später überprüfbar ist. In drei Jahren wird sich so sagen lassen, ob sich etwas geändert hat. Genau dafür sind wir da.“

Als diözesaner Gastgeber der Tagung unterstreicht Bischof Manfred Scheuer: „Synodalität ist für mich zuerst eine geistliche Haltung und ein Stil, Kirche zu sein. Sie ist das Gegenteil einer Gesellschaft, in der jeder in seiner Blase sitzt und sich über die Meinung der anderen ärgert. Miteinander unterwegs sein, mit Gott, mit den Menschen unserer Zeit und mit den anderen Konfessionen.“ Gerade auch der laufende „Zukunftsweg“ der Diözese Linz trage als Lern- und Experimentierfeld für eine weit gedachte Kirche dem synodalen Prozess Rechnung: „Was in Linz möglich ist, kann anderswo ermutigen, und was andere längst tun, kann uns anregen.“ Dabei hebt Scheuer insbesondere das Thema der Mitbestimmung und Verantwortung von Frauen in der Kirche hervor. Die Tagung in Puchberg sei eine wichtige Station auf einem Weg, dem sich auch die Österreichische Bischofskonferenz verschrieben habe: 2027 wird in Mariazell ein Studientag für Fragen der Synodalität stattfinden.

Kardinal Ladislav Nemet, Erzbischof von Belgrad, ist engagierter Brückenbauer zwischen Ost und West und seine Lebensgeschichte zwischen Serbien, Ungarn, Polen, Italien, Österreich und den Philippinen ein Stück gelebter Geschichte. „Diese Biografie hat mich eines gelehrt: Vielfalt ist kein Problem, das man verwalten muss. Sie ist die Normalform der Kirche.“ Dabei gelte es, realistisch zu sein und sich mit dem Gegenüber ernsthaft auseinanderzusetzen: „Unterschiede verschwinden nicht dadurch, dass man sie übergeht. Wer aus einer großen Kirche kommt, sollte sich hüten, sein eigenes Tempo für das europäische zu halten.“ Für gegenseitiges Unverständnis, unterschiedliche Geschwindigkeiten und divergierende kirchliche Selbstbilder gebe es historische Gründe. Diese zu verstehen, sei eine herausfordernde gemeinsame Aufgabe: „Beide Seiten haben einander etwas zu geben, aber beide hören einander zu wenig zu.“ Doch Nemet sieht gute Kräfte am Werk: „Kirchen können in Europa Orte sein, an denen Versöhnung geübt wird.“ Und werde Europa zurzeit auch als Kontinent der Krisen beschrieben, „halte ich daran fest, dass daraus ein Kontinent der Hoffnung werden kann.“

„Eine Kirche, die es lernt, Gegensätze auszuhalten, ohne auseinanderzufallen, und respektvoll in der Verschiedenheit miteinander unterwegs zu sein, hat unseren Gesellschaften etwas anzubieten. Nicht als Belehrung, das auf keinen Fall, sondern als Ort, an dem Menschen einander noch zuhören, Spannungen aushalten und einander nicht vernichten wollen“, so beschreibt Kardinal Jean-Claude Hollerich, Erzbischof von Luxemburg, den Impuls, den die Welser Tagung auch über den engeren Bereich der Kirche hinaus geben könne: Spannungen gehören zu einem gemeinsamen Weg, sie seien kein Betriebsunfall, sondern Ausdruck einer wunderbaren Vielfalt von weltweit 1,4 Milliarden Katholik:innen. Glaube werde in sehr unterschiedlichen Kontexten gelebt, in Afrika, in Asien, in Lateinamerika, in Ozeanien, in Europa – eine gesunde Dezentralisierung sei kein Rückzug der Einheit, sondern ihre reifere Gestalt. Gemeinsam suche man daher nach Wegen, wie Rechenschaft, Transparenz und Mitverantwortung auf allen Ebenen konkret werden können. Und Hollerich findet hier auch sehr deutliche Worte: „Wenn Frauen sich in der Kirche nicht zu Hause fühlen, haben wir als Christen versagt. Und die Kirche hat ein großes Problem.“ Zugleich erinnert Hollerich daran, wo gelebte Synodalität sich bewähren müsse: „Keineswegs in Rom. Es sind die Pfarreien, die Diözesen, die Ausbildungsstätten, die Universitäten, die Fakultäten, die kirchlichen Gremien vor Ort. Dort entscheidet sich, ob dieser Weg Frucht bringt, und ich bin voller Zuversicht, dass er es tun wird, sonst wäre ich heute nicht da.“
Mehr zu Konzept, Inhalt und Programm der Tagung finden Sie hier (Informationen in englischer Sprache).
Über den synodalen Prozess
Papst Franziskus hat „Synodalität“, einen gemeinsamen Weg und damit einen Kulturwandel in der Kirche, zum Programm seines Pontifikats gemacht: Mit der Weltsynode (2021–2024) startete er den größten Konsultationsprozess der Kirchengeschichte – Millionen von Gläubigen auf allen Kontinenten wurden befragt, wie Kirche künftig entscheiden und handeln soll. Mit Oktober 2024 lag das Abschlussdokument vor. Unter Papst Leo XIV. wird der Weg mit einem konsequenten Umsetzungsprozess fortgeführt, der alle Teile der Weltkirche umfasst. Dabei steht eine Frage im Zentrum: Wie wird aus der synodalen Vision gelebte Wirklichkeit und institutionelle Praxis? Erfahrungen und Ergebnisse werden im Frühjahr 2028 bei einer Europäischen Kirchenversammlung und parallel dazu in anderen kontinentalen Zusammenkünften thematisiert, im Herbst 2028 findet in Rom eine - in dieser Form erstmalige - weltweite Kirchenversammlung statt.
Synodalität – vom griechischen syn-hodos, „gemeinsamer Weg“ – steht für einen Kulturwandel in der katholischen Kirche: Es geht um Beteiligung, Transparenz und gemeinsame Entscheidungsfindung – Fragen, die auch demokratische Gesellschaften bewegen und die die Kirche auf ihre eigene Weise beantwortet. Die Wurzeln dieser Praxis, die dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962–1965) wieder ins Bewusstsein gerückt wurde, reichen bis in die ersten Jahrhunderte des Christentums zurück.
14.9.2026/RK/HE


