Bilder von Maria. Prof. Andrea Taschl-Erber zum Fest Mariä Himmelfahrt.

Bilder von Maria
Am Fest Mariä Himmelfahrt begegnet uns eine Frau, die viele Gesichter hat. In Kirchen und Kunst begegnet sie uns oft als zärtliche Mutter mit dem Kind auf dem Arm oder als Schmerzensmutter unter dem Kreuz im Angesicht ihres sterbenden Sohnes oder auch als majestätische Himmelskönigin. Für die einen ist sie Gottesmutter, hilfreiche Fürsprecherin und Trostspenderin, für andere die demütige Jungfrau - ein unerreichbares Ideal für Frauen, die ja normalerweise nicht gleichzeitig Jungfrau und Mutter sind. Viele können mit diesem Frauenbild, das auch für patriarchale Interessen instrumentalisiert worden ist, nichts mehr anfangen. Nicht alle Vorstellungen stammen aus der Bibel. Jede Zeit hat ihre eigenen Bilder von Maria geschaffen – und oft auch ihre eigenen Wünsche und Erwartungen in sie hineingelegt.
Dabei gerät leicht in Vergessenheit, dass das Neue Testament ein überraschend anderes Bild zeichnet. Die Maria im Eröffnungskapitel des Lukasevangeliums etwa ist keine schweigende Randfigur. Sie ist eine junge Frau mit einer eigenen Stimme. Und diese Stimme erhebt sie nicht leise, sondern kraftvoll. Im Lukasevangelium (Lk 1,46-55) spricht Maria das Magnificat – einen der radikalsten Texte des Neuen Testaments. „Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen.“ (Verse 52-53) Das sind keine sanften Worte. Es ist das Lied einer Prophetin, die auf Gottes Gerechtigkeit vertraut und die Welt nicht so hinnimmt, wie sie ist.
Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, Solidarität
Maria träumt von einer anderen Ordnung. Nicht die herrschenden Macht- und Besitzverhältnisse sollen das letzte Wort haben, sondern Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Solidarität. Ihr Lobgesang ist deshalb weit mehr als ein persönliches Dankgebet anlässlich ihrer wunderbaren Schwangerschaft. Er ist eine Hoffnungserklärung für alle, die an den Rand gedrängt und gedemütigt werden, und zugleich eine kritische Anfrage an alle, die sich mit ungerechten Verhältnissen abgefunden oder sie herbeigeführt haben. Ihr Lied ruft die Erfahrungen einer rettenden und befreienden Gottheit in Erinnerung, die hinschaut auf die Not der Erniedrigten und in treuem Erbarmen auf der Seite der Armen steht.
Vielleicht braucht unsere Zeit gerade dieses Bild der Maria neu: eine Frau, die Gottes Verheißungen ernst nimmt und daraus den Mut schöpft, gesellschaftliche Verhältnisse kritisch zu betrachten; eine Frau, die Hoffnung nicht mit Vertröstung verwechselt und zu einer anderen Welt aufruft.
Das Fest Mariä Himmelfahrt erzählt davon, dass Gottes Ja zum Menschen stärker ist als Vergänglichkeit und Tod. Es richtet den Blick auf das Ziel menschlichen Lebens: die Gemeinschaft mit Gott. Doch diese Hoffnung beginnt nicht erst am Ende des Lebens, Sie verändert schon jetzt den Blick auf die Welt. Wer wie Maria an Gottes Gerechtigkeit glaubt, kann nicht gleichgültig bleiben gegenüber Krieg und Gewalt, gegenüber Armut und Ausgrenzung. Ihr Magnificat lädt dazu ein, die Welt mit den Augen der Hoffnung zu sehen – und den Mut zu haben, an einer gerechteren Welt mitzubauen.
Andrea Taschl-Erber, OÖN, 14.8.2026.
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