Theologie: Viele Gründe für ein Studium des Sowohl - als auch.

Theologie zählt zu den ersten Fächern, die an mittelalterlichen Universitäten unterrichtet wurden. Auch im 21. Jahrhundert eröffnet es noch viele Möglichkeiten. Im vierten Teil der diözesanen Reihe über Wege in die Seelsorge schildern Absolvent:innen ihre Erfahrungen aus Studienalltag und Praxis.

Welche Reaktionen darf man erwarten, wenn man sich als Theologie-Student:in outet? „Das war auf Partys der absolute Icebreaker“, meint Julian Kapeller lachend. „Da haben sich rasch Gespräche über die persönliche Glaubensgeschichte des Gegenübers entsponnen. Rückblickend war darin meine Neigung zur Seelsorge schon erkennbar.“ Wie die meisten, die sich an der Katholischen Privat-Universität Linz für Theologie einschreiben, war es nicht seine erste Station auf dem Ausbildungsweg: „Eine überwiegende Zahl hat bereits einen Abschluss – und somit ein Mehr an Lebenserfahrung“, berichtet Klara Csiszar, die seit 2019 als Professorin für Pastoraltheologie an der KU unterrichtet. „Daraus entsteht ein Mehrwert für die Zusammensetzung der Studiengruppen: Die Studierenden ergänzen einander und es gibt kaum Konkurrenz zwischen ihnen.“ Julian Kapeller war ebenfalls ein Quereinsteiger – sowohl in die Theologie als auch in den Glauben: „Ich bin nicht in einem klassisch katholischen Umfeld aufgewachsen und mein Bild von Kirche war klischeebeladen“, erinnert er sich. „Als mir ein Physik-Studienkollege von seinem Zweitfach Religion erzählt hat, habe ich gespöttelt. Da hat er mich eingeladen, in eine Lehrveranstaltung reinzuschnuppern, und als von Natur aus neugieriger Mensch bin ich mitgekommen.“ Dabei springt unerwartet ein wegweisender Funke über: „Meine kritischen Fragen und Ansichten wurden nicht abgewehrt, sondern als Bereicherung des Diskurses gewertet. In diesem Raum wurden die großen Fragen des Lebens gestellt und gemeinsam erörtert, ohne Anspruch auf abschließende Antworten, immer offen für neue Erkenntnisse – das hat mich abgeholt!“ Er sattelt von Mathematik und Physik auf ein theologisches Studium um. In der Endphase des Studiums beginnt Julian Kapeller in der Jugendpastoral zu arbeiten, seit 2024 ist er zudem in der Obdachlosenseelsorge tätig. „Obdachlose sind wie wir alle Abbilder Gottes, nur erfahren sie kaum die daraus erwachsene Würde“, beschreibt er seine Motivation, die sich wesentlich aus der Theologie der Befreiung speist. Er will sich konkret Menschen zuwenden, die ein offenes Ohr brauchen; so, wie er es im Studium erfahren und verinnerlicht hat. Kunst und Spiritualität versteht er als „Schwestern im Geist“, die Menschen mit sich selbst, miteinander und mit den großen Fragen des Lebens in Berührung bringen.

Theologie: Lernen, über Grenzen hinauszudenken.

Auch Eva Ulbrich ist mit verwundert hochgezogenen Augenbrauen vertraut: „Wenn ich mich als angehende Theologin vorgestellt habe, wurde ich hin und wieder gefragt: Was studierst du – Zoologie oder Geologie?“, erinnert sie sich. „Der Begriff Theologie ist nicht allen geläufig.“ Sie selbst wächst in einer kirchlich eingebundenen Familie auf und lernt früh inspirierende Persönlichkeiten in ihrem Umfeld kennen, die Jugendarbeit als Berufswunsch entstehen lassen. Sie engagiert sich in der Katholischen Jugend (kj), wo sie ihren späteren Ehemann Jakob kennenlernt. Gemeinsam ziehen sie zum Studium nach Graz. „Dort konnte ich bei internationalen Größen wie Irmtraud Fischer studieren, einer feministischen Theologin der ersten Stunde“, erzählt sie. „Da lernt man, über Grenzen hinauszudenken.“ Das hilft ihr, als sich 2018 eine einmalige Chance ergibt: Sie wird aufgrund ihrer Erfahrung als Vorsitzende der kj oö als Vertreterin der österreichischen Bischofskonferenz für die Vorsynode der Jugendlichen in Rom vorgeschlagen. 300 junge Menschen aus der ganzen Welt erarbeiten innerhalb einer Woche ein gemeinsames Dokument für die Weltsynode. „Aufgrund dieser Erfahrungen habe ich mich in meiner Diplomarbeit mit den Frauenthemen in der Jugendsynode auseinandergesetzt“, führt sie aus. Nach Abschluss des Studiums geht es zurück in die Diözese Linz, wo sie größere Gestaltungsspielräume nutzen kann. Im pastoralen Einführungsjahr findet sie neben der Jugendpastoral auch Gefallen an der Pfarrseelsorge in Urfahr: „Liturgie zu gestalten und mit den Menschen zu feiern, hat mir mehr Freude bereitet als erwartet“, gesteht sie. Das ist für Klara Csiszar nicht verwunderlich: „Seelsorge ist einer der schönsten Berufe, weil man Menschen von der Wiege bis zur Bahre in ihrem Leben begleiten kann.“ Vom Studium kann Eva Ulbrich viele Kompetenzen nutzen, etwa fundiert Standpunkte zu vertreten und theologisch Rede und Antwort zu stehen. „Egal, ob im Umgang mit Jugendlichen, mit motivierten Ehrenamtlichen oder mit Menschen in persönlichen Krisensituationen: Um Kirche als Zeichen und Werkzeug der Liebe Gottes erfahrbar zu machen, müssen wir auskunftsfähig sein. Manche Antworten kann man in der Dogmatik oder in der Kirchengeschichte finden, aber diese müssen auch ins Hier und Jetzt übersetzt werden.“

Theologie: Verzahnung von Theorie und Praxis.

Sophie Mayr, Jugendseelsorgerin in Linz-Süd, lernt die Katholische Privat-Universität Linz kennen, weil dort Philosophie-Vorlesungen ihres Studiums der Kulturwissenschaften stattfinden. Nach Abschluss ihres Bachelors sammelt sie erste Berufserfahrungen in der Diözese Linz. „Ein Praktikum in der Jugendarbeit hat rasch Klarheit geschaffen, wo ich beruflich hinwill“, erinnert sie sich. Zufällig tut sich zu dem Zeitpunkt eine neue Möglichkeit auf: Um angehenden Seelsorger:innen die theologische Qualifikation zu erleichtern, können sie in Teilzeit arbeiten und bekommen von der Diözese Linz für das Bachelor-Studium „Grundlagen des Christentums“ eine Überzahlung. Anfangs skeptisch, lässt sie sich schließlich auf das Wagnis der Doppelbelastung ein: „Die Arbeit in der Jugendpastoral ist nicht immer leicht mit den Lehrveranstaltungen vereinbar“, gesteht sie. „Dank der guten Gemeinschaft unter den Studierenden hat es aber gut geklappt. Die Professor:innen sind auch sehr entgegenkommend. Das Klima an der KU war spürbar besser als bei meinem Erststudium!“ Das erlebt auch Klara Csiszar so: „Ich schätze es, dass sich hier Lehrende und Studierende mit Namen kennen und dass wir gemeinsam nach Lösungen suchen.“ Vor einigen Monaten schließt Sophie Mayr ihr Studium mit Auszeichnung ab. „Am liebsten waren mir die praxisrelevanten Fächer“, resümiert sie. „Wir haben z.B. in der Projektwerkstatt die Veranstaltung ‚Kirche im Dunkeln‘ entwickelt und durften sie in Leonding umsetzen. So werden Theorie und Praxis ideal verzahnt!“ Die Vielfalt der Studierenden von 18 bis über 70 Jahren hat sie als bereichernd erlebt: „Man lernt, gut zuzuhören und andere Standpunkte gelten zu lassen. Das ist eine seelsorgliche Kernkompetenz!“ Dass andere Menschen negative Erfahrungen mit der Kirche gemacht haben, will sie anerkennen; zugleich möchte sie die Erfahrung einer positiven und offenen Kirche weitergeben, die sie geprägt hat, und ruft zusammen mit Martina Voraberger den Podcast „Update von oben“ ins Leben. Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen liegen ihr am Herzen: „Ihre Ängste und Unsicherheiten nehmen zu, ihre Träume werden kleiner: Ich gehe dorthin, wo ich gebraucht werde.“

Theologie: Kirche weit denken.

Und wie blickt eine, die Theologie zu ihrem Beruf gemacht hat, auf dieses Studium? Was macht die Faszination dieses Fachs aus? Klara Csiszar überlegt kurz, um die Wissensessenz von Jahrzehnten in wenigen Worten zu destillieren, und antwortet dann: „Mit Theologie ist man nie fertig, weil die Welt nie fertig ist. Kirche und Gegenwart stehen in einem wechselseitigen Verhältnis zueinander, weil Gott in der Gegenwart ist, schließlich sprechen wir von ihm stets im Präsens. Theologische Fächer helfen dabei, die Gegenwart zu enthüllen.“ Ihr Weg in die Welt der Theologie beginnt im postsozialistischen Rumänien, wo nur knapp 5 % der katholischen Kirche angehören und 1996 erstmals Lai:innen zum Studium zugelassen werden: „Die Aufnahmekriterien für die 50 Männer und Frauen meines Jahrgangs waren sehr streng und die Bedingungen wenig einladend. Die ersten Vorlesungen haben wir im Jahr 2000 in behelfsmäßigen Klassenräumen im Keller gehört.“ Berufliche Perspektiven gibt es nicht in der Seelsorge, jedoch in Bildung und Kultur, auch wenn – ähnlich wie in den deutschsprachigen Ländern – das Theologie-Studium Anteile enthält, die gezielt auf ein kirchliches Berufsleben vorbereiten. „Dieses Studium befähigt zu vielen Wegen“, ist sie überzeugt. „Die Theologie verknüpft Inhalte aus Philosophie, Politik, Institutionsmanagement, Sprachen, Soziologie, Literatur, Kunstwissenschaft, Ästhetik und Geschichte. Dieses Sowohl-als auch ergibt einen großen Schatz der Menschheitsgeschichte, aus dem sich schöpfen lässt.“ An ihren Studierenden sieht Klara Csiszar immer wieder, was sie auch an sich selbst erlebt hat: das Wachsen durch Wissen – inklusive Wachstumsschmerzen. „Den eigenen Horizont zu erweitern ist Arbeit“, stellt sie klar. „Theologie lebt wesentlich davon, die richtigen Fragen formulieren und zuhören zu können. Die Menschen brauchen keine fertigen Rezepte, sondern Resonanz.“ Für sie war die Mitarbeit als theologische Expertin an der Weltsynode ein solcher Wachstumsraum: „Viele namhafte Theolog:innen von außerhalb Europas habe ich erst dort kennengelernt. Das hat mein Verständnis davon verändert, wie groß und weit unsere Kirche tatsächlich ist. Katholisch bedeutet, entspannt und bejahend mit Vielfalt umzugehen.“ Dann überlegt sie kurz und beantwortet die Eingangsfrage ein zweites Mal: „Synodalität bündelt, was die katholische Kirche sein könnte und sein sollte. Kirche weit denken – das zu erlernen ist Theologiestudium.“

Theologie: Fünf unschlagbare Gründe für das Studium.

  1. Theologische Qualifikationen und Kompetenzen halten wirtschaftlichen Krisen und technologischen Veränderungen stand: KI kann Beziehungsberufe niemals ersetzen.
  2. Mit einem Theologie-Abschluss öffnen sich viele Türen: Absolvent:innen gehen in die Seelsorge, in die Bildung, in die Forschung und überall dorthin, wo der Mensch im Mittelpunkt steht.
  3. Im berufsbegleitenden Studium „Grundlagen des Christentums“ gibt’s fürs Lernen Geld: Die Diözese Linz gewährt für quereinsteigende Seelsorger:innen in Ausbildung eine Überzahlung und übernimmt die Studiengebühren.
  4. Zum Glück ist Theologie in Linz kein Massenstudium: Wer Studierende und Lehrende mit Namen kennen will, kommt an die KU Linz.
  5. Nie mehr Angst vor Smalltalk: Theologie eröffnet immer einen Gesprächseinstieg!

Text: Magdalena Welsch

29.6.2026/HE