Tagung Österreichischer Neutestamentler:innen an der KU Linz.

Nach Ankunft und gemeinsamem Kaffee eröffnete Katharina Grubinger, Universitätsassistentin am Institut für neutestamentliche Bibelwissenschaft der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Graz, die Tagung mit einem Vortrag zur Rolle der Phöbe in Röm 16,1–2. Unter dem Titel „Phöbe als Patronin (Röm 16,2)? Zur Interpretation von prostatis im Verhältnis zum römischen Patronat“ gab sie Einblicke in ihr Dissertationsprojekt „Netzwerkerin, Vermittlerin und Mentorin. Phöbe im Spiegel dokumentarischer Papyri und epigraphischer Zeugnisse“. Dabei ging sie insbesondere der Bedeutung des Begriffs prostatis nach, mit dem Paulus Phöbes Funktion beschreibt, und beleuchtete zugleich die sozialgeschichtlichen Kontexte des Römerbriefs. Während die Einheitsübersetzung das griechische Wort farblos mit „Beistand“ wiedergibt, zeigte Grubinger anhand einer sorgfältigen Untersuchung der Verwendung des Begriffs in antiker Literatur, Inschriften und Alltagstexten auf Papyrus, dass Phöbe treffender als „Patronin“ vor dem Hintergrund antiker Netzwerke im Rahmen des römischen Patronatssystems – oder in moderner Terminologie als „Mentorin“ – verstanden werden kann. In der angeregten Diskussion, die ihrer Präsentation folgte, wurden auch weitere mögliche Übersetzungen, etwa „Vorsteherin“, ins Spiel gebracht.
Nach dem gemeinsamen Mittagessen sprach Eva Puschautz, Postdoc-Universitätsassistentin an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien, über „Selbstermächtigte Frauen in Bewegung: Weibliche Agency im Markusevangelium“. Anhand verschiedener Frauenfiguren legte sie dar, dass Frauen im Markusevangelium häufig aus eigener Initiative handeln – gerade auch im Vergleich zu vielen männlichen Figuren – und dadurch wichtige narrative Wendepunkte herbeiführen. Neben der Figur der Mutter Jesu, die sie im Rahmen ihrer 2025 erschienenen Dissertation „Maria – Mutter im Konflikt: Eine feministisch-historisch-kritische Lektüre von Mk 3,20f.31-35“ eingehend untersucht hatte, bezog sie in die Analyse die Frau mit Blutfluss in Mk 5, die Syrophönizierin in Mk 7 und die salbende Frau in Mk 14 ein. Ihr Vortrag zeigte, wie diese Frauenfiguren religiöse und gesellschaftliche Grenzen überschreiten, trotz Widerständen handlungsfähig bleiben und die Erzählung an entscheidenden Stellen vorantreiben. Teilweise erscheinen sie dabei auch als positive Gegenbilder zu den Jüngern, die Jesu Identität und Handeln oft nur unzureichend verstehen. Im Licht eines Konzepts weiblicher Agency beziehungsweise Selbstermächtigung arbeitete Puschautz ein wiederkehrendes Erzählmuster heraus, das das Markusevangelium zwar nicht als „feministisch“ ausweist, wohl aber als einen Text, der weibliches Handeln zulässt und narrativ produktiv werden lässt. Die selbstermächtigten Frauenfiguren erscheinen dabei als markante Mit-Konstrukteurinnen der markinischen Christologie.
Den Abschluss der Tagung bildete der Vortrag von Andrew Doole, Universitätsassistent und Leiter des Instituts für Bibelwissenschaften und Historische Theologie an der Universität Innsbruck, mit dem Titel „Applying Modern Research on Children of Immigrants to Early Christian ‘Diaspora’ Identity“. Ausgehend von aktuellen Forschungen zu Kindern von Migrant:innen eröffnete er neue Perspektiven auf frühchristliche Diaspora-Identitäten und deren Verständnis im Spannungsfeld unterschiedlicher Zugehörigkeiten. Anhand der Schriften Bardaisans von Edessa zeigte Doole, wie christliche Identität mit den Diaspora-Erfahrungen von Menschen persischer bzw. jüdischer Herkunft verglichen wird, deren Lebensweise unabhängig vom jeweiligen Aufenthaltsort fortbesteht. Im Dialog mit moderner Diaspora-Forschung betonte er insbesondere die Bedeutung von Faktoren wie Sprache, sozialem und kulturellem Kapital sowie der intergenerationellen Weitergabe von Traditionen. Die Anwendung dieser Ansätze ermögliche es, frühchristliche Identität als einen dynamischen und fortwährend neu ausgehandelten Prozess zu verstehen, der nicht von einer tatsächlichen „Heimat“, sondern von gemeinsamen Praktiken und Vorstellungen geprägt ist.
Wie in den vergangenen Jahren machte die Tagung die Vielfalt gegenwärtiger Forschung im Bereich des Neuen Testaments sichtbar. Die intensiven Diskussionen und persönlichen Begegnungen unterstrichen einmal mehr die Bedeutung dieses Forums für die Vernetzung und den fachwissenschaftlichen Dialog der neutestamentlichen bzw. bibelwissenschaftlichen Institute in Österreich.
Den Referent:innen sowie allen Teilnehmenden sei für die anregenden Gespräche und den kollegialen Austausch herzlich gedankt. Ein besonderer Dank gilt Andrew Doole für die bewährte inhaltliche Organisation der Tagung.
Die nächste Jahrestagung der österreichischen Neutestamentler:innen wird am 22. Mai 2027 erneut an der Katholischen Privat-Universität Linz stattfinden. Das Linzer NT-Team freut sich, die Teilnehmenden auch im kommenden Jahr wieder an der KU Linz willkommen zu heißen!
11.6.2026/ATE/HE
