Respekt für Sexarbeiter:innen. Buchpräsentation an der KU Linz.

Das Feld erotischer und sexueller Dienstleistungen ist Gegenstand kontroverser wissenschaftlicher, gesellschaftlicher und politischer Debatten. Welche ethischen Orientierungen, welche rechtlichen Rahmungen und welche Art von politischer Gestaltung führen eigentlich dazu, dass Sexarbeiter:innen jener Respekt entgegengebracht wird, den wir alle einander in pluralen Gesellschaften und liberalen Demokratien schulden? Der Band "Respekt für Sexarbeiter:innen. Ethik – Recht – Politik", dem am 17. Juni 2026 an der KU Linz vorgestellt wurde, versammelt verschiedene Perspektiven dazu.

Nach einer Vorstellung des Sammelbandes Respekt für Sexarbeiter:innen. Ethik – Recht – Politik durch die Herausgeber:innen Univ.-Prof. Christian Spieß und Ass.-Prof.inKatja Winkler vom Johannes Schasching Institut für Christliche Sozialwissenschaften der KU Linz, erfolgte eine kritische Würdigung des Buches durch den Moraltheologen und Sozialethiker Andreas Lob-Hüdepohl, Direktor des Berliner Instituts für Ethik und Politik (ICEP) und langjähriges Mitglied des Deutschen Ethikrats, der eine Kommission zum Thema Sexarbeit beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) leitet und die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) zum Thema berät. Er hob die Bedeutung der im Band vorgenommenen Unterscheidung einer partikular-moralischen Perspektive auf Sexarbeit und einer auf die politische Gestaltung bzw. die rechtliche Ebene bezogenen Perspektive hervor: Abgesehen davon, dass die politische Gestaltung nie eine partikalare Moralauffassung – etwa der Sündhaftigkeit des außerehelichen Sexualaktes – zum Maßstab nehmen dürfe, sondern die grundsätzliche Möglichkeit der allseitigen Zustimmungsfähigkeit einer Rechtsnorm, verbiete sich auch aus einer moraltheologischen Sicht eine Bevormundung des individuellen Gewissens. Kritisch merkte Lob-Hüdepohl hingegen an, dass nicht nur einerseits die Frage zu stellen sei, ob durch ein Sexkaufverbot das Selbstbestimmungsrecht jener Sexarbeiter:innen, die selbstbestimmt sexuelle Dienstleistungen anbieten, desavouiert werde, sondern ob nicht andererseits auch umgekehrt durch die Ablehnung eines Sexkaufverbots die „prekäre Selbstbestimmung“ anderer Sexarbeiter:innen zu wenig berücksichtigt werde. Allerding spreche vor allem der Zweifel daran, dass ein Sexkaufverbot geeignet ist, die vorhandenen Probleme zu lösen, gegen ein Sexkaufverbot.

In der anschließenden Podiumsdiskussion erläuterten einige der Autor:innen des Bandes noch einmal Ihre Perspektiven: Astrid vertrat als Sexarbeiterin und Sexualbegleiterin die Perspektive des Berufsverband Sexarbeit Österreich (BSÖ), Elke Welser schilderte als Sexualpädagogin die Arbeitssituation der Caritas-Beratungsstelle LENA für Menschen in der Sexarbeit und Fabian Lechner OT, stellte Ergebnisse seiner Studie über Positionen und Praxis im Umgang mit Sexarbeit in konfessionellen Einrichtungen etwa der Arbeit mit Menschen mit Behinderung vor. Sowohl in der Auseinandersetzung mit den Beiträgen des Buches als auch mit den Thesen von Andreas Lob-Hüdepohl ist ein beispielhafter Austausch zwischen der Praxis der Sexarbeitenden und der Sozialen Arbeit einerseits und der ethischen Theoriebildung andererseits gelungen. 

Anliegen des vorgestellten Bandes wie dieser Veranstaltung war zum einen ein Beitrag zur dringend nötigen Versachlichung der Debatten um Sexarbeit und zum anderen vor allem die Rücksicht auf die Stimmen jener Personen, die in den verschiedenen Bereichen der Sexarbeit tätig sind. Diesem Anliegen entsprechend finden sich in den Aufsätzen wissenschaftliche, zivilgesellschaftliche und sozialprofessionelle Perspektiven. Die Beiträge wissen sich dabei der sachlichen und wissenschaftlichen Redlichkeit ebenso verpflichtet wie dem Kampf gegen die gesellschaftliche Diskriminierung und Stigmatisierung von Menschen, die in der Sexarbeit tätig sind.

Christian Spieß/Katja Winkler (Hg.), Respekt für Sexarbeiter:innen (Reihe Linzer Schriften zu Gender und Recht Bd. 69), Linz: Trauner Verlag. Bei Interesse an dem Band können Sie sich an c.spiess[at]ku-linz.at oder k.winkler[at]ku-linz.at wenden.

18.6.2026/CS/HE