Dialog aufrecht erhalten. Krieg in der Ukraine Thema bei KU-Förderverein.

Bei der Generalversammlung des Fördervereins "Freunde der Katholischen Privat-Universität Linz" am 27. April 2022 standen nicht nur die üblichen Vereinsagenden auf der Tagesordnung, sondern man trug auch den aktuellen Ereignissen in der Ukraine Rechnung. Statements von Assistenz-Professor Max Gottschlich (KU Linz) zu Deutungsebenen des Krieges und von Vereinsobmann Generaldirektor Klaus Kumpfmüller (HYPO Oberösterreich ) zu volkswirtschaftlichen Auswirkungen eröffneten eine angeregte Diskussion über Perspektiven und Handlungsoptionen in einer auf vielen Ebenen herausfordernden Situation.

Nach der Begrüßung durch Vereinsobmann Generaldirektor Klaus Kumpfmüller zur Generalversammlung, die erfreulicherweise wieder in Präsenz stattfinden konnte, erfolgten ein Rückblick auf das Vereinsjahr 2021 und die Berichte des KassiersKurt Dobersberger sowiedes Rechnungsprüfers Alois Froschauer. Im Anschluss stellte RektorChristoph Niemand Projekte vor, die aus den Spenden der "Freunde der KU Linz" finanziert wurden, zurückliegend etwa die zur Bewältigung der Corona-Herausforderungen und im Blick auf künftige Erfordernisse erfolgten Investitionen in technische Möglichkeiten für die digitale Lehre. Aktuell und künftige Projekte umfassen die personelle Ausstattung von Forschungsprojekten, bedarfsorientierten Studienangeboten, Third-Mission-Aktivitäten und die Unterstützung des als mehrteilige öffentliche Veranstaltungsreihe angelegten Jubiläums "350 Jahre KU Linz" im Studienjahr 2022/23.

Krieg in der Ukraine – Ernstfall für Europa

In seinem Statement legte Ass.-Prof. Max Gottschlich (Institut für Praktische Philosophie/Ethik an der Katholischen Privat-Universität Linz und Mitglied des Strategie- und sicherheitspolitischen Beirats der Wissenschaftskommission des Bundesministeriums für Landesverteidigung) den Schwerpunkt auf Kriegsdeutungen und die damit verbundene Verantwortung, nicht an der Schaffung des absoluten Feindes mitzuwirken. Kein Krieg sei von Deutungen zu trennen, denn diese seien selbst Teil der Kriegsdynamik. Man könne zumindest drei Deutungsebenen benennen: wirtschaftliche Erwägungen, geostrategische Fragen und die mit einer zivilisatorisch-kulturellen Dimension versehene grundsätzliche Frage nach der ‚richtigen‘ politischen Ordnung.

Eine auch in diesem Krieg zu beobachtende gefährliche Entwicklung sei die rein moralische Deutung des Geschehen als Kampf ‚Gut‘ gegen ‚Böse‘. Diese gebiert den Hass auf einen absoluten Feind, den man nicht nur nicht verstehen will, sondern dem man den Status des Menschseins abspricht. Allein schon die Existenz von Massenvernichtungswaffen etwa – Stichwort: Atombombe – impliziere eine solche Entmenschlichung des Gegners.

Angesichts der Kriegsdynamik müsse kritisch hinterfragt werden, wie man auch selbst an der Hervorbringung eines absoluten Feindes mitwirke. Wenngleich man gegen jede Aggression mit Nachdruck auftreten müsse, sei es deshalb nicht gerechtfertigt, Russ:innen weltweit im Sinne einer unterstellten Kollektivschuld anzufeinden. Vielmehr implizieren Gesprächsimpulse wie jene von Kanzler Nehammer – so nutzlos sie vordergründig erscheinen mögen – die Anerkennung des anderen als Mensch. Zu meinen, Isolationspolitik und Waffenlieferungen an die Ukraine würden ausreichen, wäre naiv, so Gottschlich.

Gottschlich plädierte daher für einen festen Willen zu ständigen diplomatischen Initiativen, bei denen vor allem auch Worte mit äußerstem Bedacht gewählt werden müssen: Denn man dürfe gerade in dieser schwierigen Phase, in der das politische Handeln vor den größten Herausforderungen steht, nicht die Bereitschaft verlieren, sich selbst und sein Handeln mit den Augen des anderen zu betrachten.

Mit der Frage: "Wieviel unseres Wohlstands kostet dieser Krieg?" widmete sich HYPO-Gen.-Dir. und Vereinsobmann Klaus Kumpfmüllerden volkswirtschaftlichen Auswirkungen – wie er betonte im vollen Bewusstsein des Leids, das der Krieg für die unmittelbar Betroffenen bedeute und vor dem rein wirtschaftliche Betrachtungen zurücktreten müssen. Während zu Jahresanfang 2022 die wirtschaftliche Lage in Österreich mit hohen Beschäftigungsquoten, großen Wachstumsraten und guten Entwicklungen an Aktien- und Finanzmärkten sogar über Vor-Corona-Niveau war, habe der 24. Februar 2022 alles geändert.

Die Verflechtungen der österreichischen Wirtschaft mit der Ukraine, besonders auch mit Russland sind hoch, so Kumpfmüller. Aus der Ukraine werden vor allem Rohstoffe und Nahrungsmittel bezogen, auch Produktionsstätten österreichischer Firmen befinden sich im Land (etwa Fischer Ski, Agrana, Mayr-Melnhof). Russland war in den letzten Jahren stets unter den Top 20-Wirtschaftspartnern Österreichs, 2021 etwa lagen die Importe aus Russland mit rund 4,7 Milliarden Euro mehr als vier Mal höher als die aus der Ukraine, wobei Erdgas und Erdöl daran den größten Anteil hatten. Das Hauptproblem sei, dass 80 % des Inlandsbedarfs an Erdgas aus Russland bezogen wird.

Die starke Betroffenheit Europas bedeute einen enormen Wettbewerbsnachteil gegenüber den USA. Der Vorteil durch das günstige russische Gas lasse sich konkret im österreichischen Bruttoinlandsprodukt (BIP) berechnen. Ein Stopp der Gaslieferungen würde für Österreich eine dramatische Situation vergleichbar dem Lockdown im März 2020 herbeiführen, der damals einen Rückgang des BIP von über 10 % brachte. Den für diesen Fall von der ÖNB prognostizierten BIP-Rückgang von 3 % hält Kumpfmüller dagegen für eine „sehr konservative Annahme“. Bereits jetzt zeichne sich eine negative Entwicklung des Wachstums ab, was de facto zu einem Wohlstandsverlust führen werde. Als ein Grundproblem benannte Kumpfmüller einmal mehr die Politik der EZB: Angesichts einer Inflationsrate von (voraussichtlich) 5–8 % für 2022 hätte man schon längst das Zinsniveau anheben müssen, um den realen Kapitalverlust abzufangen.

In der anschließenden Diskussion unterstrich Landesrat Markus Achleitner, dass man trotz der klaren Verurteilung des Krieges die Brücken nicht völlig abbrechen dürfe und eine Gesprächsbasis erhalten müsse – auch, um weiterhin Handlungsoptionen zu haben. Beängstigend sei, dass sich die Eskalationsschraube immer noch weiterdrehe und momentan kaum erkennbar sei, wie man dies unterbrechen könne. Auch Achleitner unterstrich mit aller Deutlichkeit, dass zumal für Oberösterreich ein Ende der russischen Gaslieferungen – aus welchen Gründen immer: Embargo oder Gegensanktion – katastrophale Auswirkungen hätte. Von einer schlimmstenfalls zeitweisen Einstellung der Industrieproduktion wären hunderttausende Dienstnehmer:innen betroffen; und aus diesem Bewusstsein unternehme die Bunderegierung nun auch Schritte zum Aufbau von Gasreserven.

Die Diskussionen wurden beim anschließenden kulinarischen Ausklang noch lange und intensiv weitergeführt, u.a. von Generalvikar Severin Lederhilger, Landesrat Stefan Kaineder, Vizepräsidentin Angelika Sery-Froschauer (WK OÖ), Dir. Patrick Hochhauser (Eurothermen), Dir. Thomas Karlinger (OÖV), Niklas Salm-Reifferscheidt, GF Thomas Reiter (OÖ Rundschau), GF Johann Minihuber (KH Barmherzige Schwestern Ried) und GF Peter Ausweger (OÖ Ordensklinikum).

Veranstaltungshinweis: Eine weitere Veranstaltung zum Thema "Krieg in der Ukraine: Erneuerung der Machtpolitik?" mit Generalmajor Bruno Hofbauer (Leiter der Gruppe Grundsatzplanung des Bundesministeriums für Landesverteidigung), Ass.-Prof. Max Gottschlich (Institut für Praktische Philosophie/Ethik, Mitglied des strategie- und sicherheitspolitischen Beirats der Wissenschaftskommission des BMLV), Univ.-Prof. Christian Spieß (Professor für Christliche Sozialwissenschaften und Vorstand des Johannes Schasching SJ Instituts) und Univ.-Prof. Michael Hofer (Moderation) findet am 19. Mai 2022, um 19:00 Uhr an der KU Linz statt. Mehr dazu lesen Sie hier.

Einen Gastkommentar von Max Gotschlich in der "Wiener Zeitung" vom 4. Mai 2022 mit dem Titel "Die Verantwortung der Kriegsdeutung" finden Sie hier

Neue Mitglieder herzlich willkommen. Als Mitglied im Förderverein „Freunde der KU Linz“ profitieren Sie von wissenschaftlichen Impulsen für wertorientiertes Handeln durch spezielle Veranstaltungen und fachspezifische Publikationen. Wir informieren Sie gerne. Mehr dazu lesen Sie hier.

29.4.2022/RK/HE