Chiara Juriatti: Buchpräsentation mit Medienkünstler Mathias Kessler.

Vor genau 210 Jahren verdeckte eine Staubwolke den Himmel in Europa vollständig. Die Sonne kam mehrere Monate nicht zum Vorschein. Diese apokalyptische Stimmung, die zu einem drastischen Absinken der Temperatur und zu Ernteausfällen führte, wurde vielzählig literarisch verarbeitet, beispielsweise in Lord Byrons Gedichten oder Mary Shelleys “Frankenstein”. Die ästhetischen Folgen einer solchen Luftverschmutzung – Sonnenuntergänge, die in satten Orange- und Rottönen erstrahlen – bilden die Grundlage für die Gemäldeserie “Light Phenomena” von Mathias Kessler. Durch eine Gegenüberstellung von historischen Landschaftsgemälden, vorwiegend aus der Romantik, und zeitgenössischen Fotografien des Himmels untersucht der Medienkünstler die Veränderung der Himmelsfarben, indem er diese in Gradient-Malereien übersetzt. Die entstehenden Farbverläufe dokumentieren den Einfluss, den menschlicher CO2-Ausstoß auf die Ästhetik unserer Umwelt hat.
Herausgeberin Chiara Juriatti, Universitätsassistentin am Institut für Kunst in gegenwärtigen Kontexten und Medien, zeigt in der Publikation “The Year Without a Summer” die Vielschichtigkeit der Arbeiten von Mathias Kessler, die nicht nur die Luftverschmutzung historisch dokumentieren, sondern auch Anlass bieten, über das Ausmaß menschlichen Handelns zu reflektieren. Ökologische als auch ästhetische Auswirkungen gehen dabei Hand in Hand. Die Publikation nimmt diese Verflechtung durch interdisziplinäre Beiträge aus den Feldern der Klimaforschung, der Kunstwissenschaft und der Kunstpraxis auf.
Im Rahmen der Buchpräsentation wurden sieben Arbeiten von Mathias Kessler ausgestellt. Die pristinen Farben der abstrahierten Himmel wirken anziehend; der glänzende Lack, der die Gemälde versiegelt, fungiert als Spiegelung der Betrachtenden. Diese ästhetischen Wirkungen unterstreichen die Erhabenheit der Kunsterfahrung: wunderschöne Farbspiele in der Natur gehen auf den Menschen zurück. Denn der übermäßige Ausstoß von Staub- und Schadstoffpartikeln verändert nicht nur atmosphärische Prozesse, sondern schreibt sich unmittelbar in das visuelle Erscheinungsbild unserer Umwelt ein. Der Mensch nimmt so direkten, sichtbaren Einfluss auf die Farbigkeit und Wahrnehmung seines Himmels. Im Gespräch zwischen Kunst, Meteorologie und Kunstwissenschaft wurde die vielschichtige Symbolik des Himmels als Projektionsfläche kultureller Bedeutungen und als sensibles Messinstrument ökologischer Veränderungen ergründet.
15.04.2026/CJ/KH


