Zeit zu Denken: Vortrag von Werner Schmitt.

17. June 2019

18:00 - Uhr

Zum Thema "Welche philosophische Erkenntnis bietet Homers Mythos an?" referiert Dr. Werner Schmitt (Nürnberg) am 17. Juni 2019 im Rahmen der Vortragsreihe "Zeit zu Denken".

Von Hegel und der Sprachphilosophie von Bruno Liebrucks ist uns vorbuchstabiert worden, dass der Mensch sich immer über seine Gegenstände begreift. Wenn der Mythos von Göttern spricht, dann hat er nicht einfach Gegenstände vor Augen, die einer direkten Wahrnehmung zugänglich sind, sondern solche, die erst durch das Denken des Menschen eine Existenz erlangen, also haptisch nicht zu fassen sind. Das entspricht den heutigen allgemeinen Gegenständen, die als Institutionen Gebilde wie Staat und Verfassung sind, die nach Hegel dem objektiven Geist angehören, oder auch Existenzen, die selbst das Denken als Reflexion auf seine Formen des Weltumgangs repräsentieren wie die Sprache, Werke der Kunst, Formen der Religion, aber auch die Wissenschaften.

Im Mythos sind nun göttliche Gestalten solche Gegenstände, über die sich der Mensch selbst als denkendes Wesen zu begreifen beginnt. Er betrachtet in ihnen Gestalten, die durch Bewusstsein und Selbstbewusstsein ausgezeichnet sind, und versucht, deren nur dialektisch zu begreifende reflexive Existenzweise in Form von Bildern und Erzählungen zu erfassen. Weil er in anschaulichen Bildern einen reflexiven und damit in sich widersprüchlichen Vorgang, wie das Denken einer ist, umschreibt, bekommen seine Erzählungen einen phantastischen Zug. Gerade aber in dieser das sogenannte objektive Denken überschreitende Ringen um das Begreifen reflexiver Verhältnisse ist der Mythos auf der Höhe des Begreifens dessen, was den Menschen als denkendes Wesen ausmacht.

Die These lautet: In der Betrachtung göttlicher Gestalten und der Erzählung dessen, was sie tun, spricht der Mythos dem ihn vernehmenden Menschen vor, dass er nicht ein bloß handelndes, sondern in seinen Handlungen sich noch reflektierendes Wesen ist. Damit wird Denken als Reflexion über den je erreichten Weltumgang zur Erkenntnis.

In der Theogonie umspricht Hesiod das reflexive Verhältnis innerhalb der Wahrnehmung in Bezug auf die göttliche Gestalt des Helios. Im Rückgriff auf Hegel wird diese Stelle besprochen. Auch Aphrodite ist nicht nur eine Liebesmacht über andere, sondern wird ihr eigenes Opfer. Und Zeus errichtet eine Neue Ordnung, die über einen verordneten Zwang hinausgeht. Das gelingt nur, indem er den Grund dieser Ordnung in die Einsicht der dazu aufgerufenen Mitstreiter setzt.

Homer spricht von der Kette des Zeus. Auch diese Stelle soll näher auf ihren hinter der Metapher verborgenen Gedanken hin untersucht werden. Die Theomachia selbst kann als ein großer Entwurf eines Bildes betrachtet werden, in dem der Gang über das einander Bekämpfen zum Dialog miteinander beschritten wird.

Der Mythos regt nicht nur zum Denken an, sondern arbeitet sich am Begreifen dialektischer Verhältnisse des Denkens selbst ab.

 

Zum Vortragenden:

Dr. Werner Schmitt lehrte Philosophie in Frankfurt am Main und befasst sich seit einigen Jahren mit der philosophischen Interpretation des griechischen Mythos. Er war der letzte Assistent von Bruno Liebrucks. 

 

Zur Vortragsreihe.

"Zeit zu Denken. Philosophische Vorträge" nennt sich die von Ass.-Prof. DDr. Max Gottschlich organisierte Reihe am Institut für Praktische Philosophie/Ethik der KU Linz. Abseits der auf uns einstürmenden schnellen Antworten und Handlungsanweisungen soll dem Denken Raum gegeben werden. Erst über diesen Umweg wird es möglich, unsere Zeit "in Gedanken zu erfassen" (Hegel).

30.04.2019/sm