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Kontrast

ZEIT ZU DENKEN.

Philosophische Vorträge


„Zeit zu Denken“ will, abseits der auf uns einstürmenden schnellen Antworten und Handlungsanweisungen, dem Denken Raum geben. Erst über diesen Umweg wird es möglich, unsere Zeit „in Gedanken zu erfassen“ (Hegel).

Eintritt frei. Beginn jeweils cum tempore.

Organisation: Ass.-Prof. DDr. Max Gottschlich

Institut für Praktische Philosophie / Ethik

Katholische Privat-Universität

Bethlehemstr. 20, 4020 Linz

m.gottschlich@ku-linz.at

 

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Die nächsten Vorträge:

SS 19

Prof. Dr. Thomas Sören Hoffmann (FernUniversität in Hagen): Freiheit als Ursprung des Rechts und der Sinn des Begriffs 'Liberalismus' (27. 5. 2019, 18-20 Uhr, Hörsaal 2)

Zu den – oftmals undurchschauten, zumindest unausgesprochenen – Voraussetzungen im Streit um das Recht gehört ein grundlegender Dissens in der Frage, ob das Recht Freiheit durch die Gewährung von Freiheitsrechten „distribuiert“ oder aber seine we-sentliche Aufgabe die einer Koordination von Freiheit ist, deren Wirklichkeit als unabhängig von ihm bereits gegeben vorausgesetzt ist. Die Auffassung, daß das Recht Freiheit(en) distribuiert etabliert dabei notwendig eine Asymmetrie zwischen denjenigen, die Freiheit „gewähren“, und denen, die sie „empfangen“; die Legitimation des Rechts er-folgt dann entsprechend nicht aus der Normativität der Freiheit, sondern z.B. aus der Idee der (Verteilungs-)Gerechtigkeit. Dagegen findet die Auffassung vom Recht als einer äußeren Ordnung zum Zwecke der Koordination des Freiheitsgebrauchs die Legitimation des Rechts in der Freiheit selbst, die sie seit Kant als Rechtsursprung zu denken vermag; was Recht ist, ergibt sich aus einer Ordnung wechselseitiger Anerkennung der Freien, und das Kriterium „richtigen Rechts“ ist jetzt die maximale Freiheitserhaltung im Freiheitsgebrauch, d.h. bei der individuellen Wahl der Mittel in der Realisierung des Freiheitszwecks. Der Vortrag zeigt, inwiefern das durch Kant grundgelegte Verständnis von Recht als einer Koordinationsordnung der Freiheit diese zugleich als Ursprung des Rechts ausspricht, das auf diese Weise seinen Sitz im freiheitlichen Selbstbewußtsein menschlicher Praxis erhält und nicht mehr aus nicht-freiheitlichen (letztlich immer auf äußere Macht verweisenden) Instanzen abgeleitet werden kann. Vor diesem Hintergrund sollen auch bestimmte Ambivalenzen im Begriff des „Liberalismus“ geklärt werden, die inzwischen immer wieder die Frage entstehen lassen, wie brauchbar er zur Identifizierung des Rechts der Freiheit (noch) ist.

Dr. Werner Schmitt (Nürnberg): Welche philosophische Erkenntnis bietet Homers Mythos an? (17. 6. 2019, 18-20 Uhr, Hörsaal 2) 

Von Hegel und der Sprachphilosophie von B. Liebrucks ist uns vorbuchstabiert worden, daß der Mensch sich immer über seine Gegenstände begreift. Wenn der Mythos von Göttern spricht, dann hat er nicht einfach Gegenstände vor Augen, die  einer direkten Wahrnehmung zugänglich sind, sondern solche, die erst durch das Denken des Menschen eine Existenz erlangen, also haptisch nicht zu fassen sind. Das entspricht den heutigen  allgemeinen Gegenständen, die als  Institutionen Gebilde wie Staat und Verfassung sind, die nach Hegel dem objektiven Geist angehören, oder auch Existenzen, die selbst das Denken als Reflexion auf seine Formen des Weltumgangs repräsentieren wie die Sprache, Werke der Kunst, Formen der Religion, aber auch die Wissenschaften.

Im Mythos sind nun göttliche Gestalten solche  Gegenstände, über die sich der Mensch selbst als denkendes Wesen zu begreifen beginnt. Er betrachtet in ihnen Gestalten, die durch Bewußtsein und Selbstbewußtsein ausgezeichnet sind, und versucht, deren nur dialektisch zu begreifende reflexive Existenzweise in Form von Bildern und  Erzählungen zu erfassen. Weil er in anschaulichen Bildern einen reflexiven und damit in sich widersprüchlichen Vorgang, wie das Denken einer ist, umschreibt, bekommen seine Erzählungen einen phantastischen Zug. Gerade aber in dieser das sogenannte objektive Denken überschreitende Ringen um das Begreifen reflexiver Verhältnisse ist der Mythos auf der Höhe des Begreifens dessen, was den Menschen als denkendes Wesen ausmacht.

Die These lautet: In der Betrachtung göttlicher Gestalten und der Erzählung dessen, was sie tun, spricht der Mythos dem ihn vernehmenden Menschen vor, daß er nicht ein bloß handelndes, sondern in seinen Handlungen sich noch reflektierendes Wesen ist. Damit wird Denken als Refexion über den je erreichten Weltumgang zur Erkenntnis.

In der Theogonie umspricht Hesiod das reflexive Verhältnis innerhalb der Wahrnehmung in Bezug auf die göttliche Gestalt des Helios. Im Rückgriff auf Hegel wird diese Stelle besprochen. Auch Aphrodite ist nicht nur eine Liebesmacht über andere, sondern wird ihr eigenes Opfer. Und Zeus errichtet  eine Neue Ordnung, die über einen verordneten Zwang hinausgeht. Das gelingt nur, indem er den Grund dieser Ordnung in die Einsicht der dazu aufgerufenen Mitstreiter setzt.

Homer spricht von der Kette des Zeus. Auch diese Stelle soll näher auf ihren hinter der Metapher verborgenen Gedanken hin untersucht werden  Die Theomachia selbst kann als ein großer Entwurf eines Bildes betrachtet werden, in dem der Gang über das einander Bekämpfen zum Dialog miteinander beschritten wird.

Der Mythos regt nicht nur zum Denken an, sondern arbeitet sich am Begreifen dialektischer Verhältnisse des Denkens selbst ab.

WS 19/20

Prof. Dr. Benno Zabel (Universität Bonn): Das Paradox liberaler Gesellschaften. Über Freiheit, Politik und Recht in der Moderne (30.10. 2019)

Dr. Robert König (Universität Wien): Idou. Ho anthropos (Joh. 19, 5). Endlichkeit als die eigentlich philosophische Handlung (tba)

Generalmajor Mag. Dr. Johann Frank, MAS (Leiter der Direktion für Sicherheitspolitik, BMLV): tba (16.1. 2020)

SS 20

Prof. Dr. Barbara Zehnpfennig (Universität Passau): tba


BISHERIGE VORTRÄGE (auch zum Nachhören)

SS 19

Johannes Niederhauser, PhD (London): Ekstatische Zeit und technische Zeit (29. 4. 2019)

Unsere Zeit sei von einem technischen Verständnis von Zeit geprägt: der Zeit als einem vorhandenen Ablauf von Ereignissen, in den man beschleunigend oder verlangsamend eingreifen könne. Dies sei eine Auffassung der Zeit, die an der eigentlichen Bedeutung von Zeit – nämlich der Zeit als "ekstatischer Zeit" – vorbeigehe. So lautete die Grundthese des Vortrages von Johannes Niederhauser, der das Generalthema der Vortragsreihe damit direkt aufgriff und diesen Gedanken im Anschluss an Martin Heidegger entwickelte. An einer Reihe von Beispielen im Zusammenhang mit dem Internet und dem Transhumanismus zeigte er auf, wie greifbar und wirksam die technische Vorstellung der Zeit gegenwärtig bereits geworden ist. Sofern es gelingt, dies ins Bewusstsein zu heben, kann auch der Absprung zu einem reicheren Bewusstsein von Zeit gelingen, das Heidegger in "Sein und Zeit" zum Grundthema seiner Fundamentalontologie machte.

Johannes Niederhauser lehrt Philosophie am Birkbeck College, London.

WS 18/19

Dr. Maria Woschnak (Wien): Wege und Irrwege der Tierschutzethik(22. 10. 2018)

> Aufnahme (mp3, 22,5 MB): DOWNLOAD

Die Hauptfrage, der sich der Vortrag widmete, lautet: Wie kann Tierschutz in haltbarer Weise allgemeinverbindlich begründet werden?Dazu wies die Vortragende zunächst darauf hin, dass Schwierigkeiten in den theoretischen Grundlagen der Tierschutzethik nie bloße Gedankenfehler seien, sondern mit praktischen Konsequenzen einhergehen. Ob ein Ansatz haltbar ist oder nicht, zeige eine Prüfung anhand zweier Minimalkriterien: a) Der Imperativ muss ausführbar sein und b) die Begründung muss universalisierbar sein. Vor diesem Hintergrund präsentierte Maria Woschnak vier Begründungsansätze: jene von Albert Schweitzer, Peter Singer, Ursula Wolf und von Carl Cohen, die als Repräsentanten unterschiedlicher Ethik-Ansätze ausgewählt wurden (Lebensphilosophie, Utilitarismus, Mitleidsethik und Kantische Pflichtenethik). Die Positionen wurden auf ihre Voraussetzungen hin befragt und an diesen mit Blick auf die beiden Kriterien gemessen. Diese Prüfung führte zu dem Resultat, dass nur die Position Cohens haltbar vertreten werden könne.

Maria Woschnak lehrt am Institut für Philosophie der Universität Wien und an der Veterinärmedizinischen Universität Wien.

SS 18 - MARX-SCHWERPUNKT (200. Geburtstag)

Prof. Dr. David James (University of Warwick): Der Begriff der Gleichheit bei Marx(6. 6. 2018)

> Aufnahme(mp3, 33 MB): DOWNLOAD

David James untersuchte in seinem Vortrag die Bedeutung des Begriffs der Gleichheit bei Marx. Entgegen einer verbreiteten Vorannahme, dass die von Marx anvisierte kommunistische Gesellschaftsform eine vom Prinzip der Gleichheit bestimmte sei, zeigte James auf, dass das Prinzip der Gleichheit für Marx zwar ein rechtlich-politisches Befreiungspotential entfalten konnte, jedoch die enge Verbundenheit des Gleichheitsprinzips mit der Herrschaft des Tauschwerts im Geldverkehr dieses als Leitgedanken für eine kommunistische Gesellschaft desavouiert hat.

David James ist Prof. für Philosophie an der University of Warwick/UK.

Prof. Dr. Theodoros Penolidis (Aristoteles-Universität Thessaloniki): Methodologische Probleme der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie (16. 5. 2018)

> Aufnahme: wird in Bälde zur Verfügung gestellt!

Prof. Penolidis bot einen anspruchsvollen und erhellenden Einblick in die denkerischen Voraussetzungen bei Karl Marx und zeigte, wie diese dann in den so bekannten Bestimmungen wie Produktion, Arbeit und Kapital ihren Niederschlag finden. Dabei wurden auch Nähe und Abstand zum „Lehrer“ Marxens, G.W.F. Hegel, deutlich.

Prof. Dr. Theodoros Penolidis ist Lehrstuhlinhaber für Philosophie (Ontologie und Erkenntnistheorie) an der Aristoteles-Universität in Thessaloniki (Griechenland)

Anlässlich des Vortrages war Herr Penolidis zu Gast bei der Ö1-Sendereihe "Punkt 1".

WS17/18

Prof. Dr. Christian Krijnen (Freie Universität Amsterdam): Rational Choice und menschliche Freiheit. Zur Aktualität Kants und Hegels(8. 11. 2017)

> Aufnahme (mp3, 33 MB): DOWNLOAD

Das "rational choice"-Modell von Rationalität – das Abheben auf Nutzenoptimierung bei gleichzeitiger methodischer Ausklammerung der Zweckreflexion – ist Kernstück des neoliberalen Selbstverständnisses des Wirtschaftens. Christian Krijnen zeigte auf, welche Potentiale die Philosophie im Anschluss an Kant und an Hegel bietet, wenn es darum geht, die heute geläufige Verabsolutierung dieser Rationalitätsauffassung zur Universaltheorie menschlichen Verhaltens einer grundlegenden Kritik zu unterziehen. 

Prof. Dr. Christian Krijnen studierte Philosophie und Wirtschaftswissenschaften und ist Associate Professor für Philosophie an der VU Amsterdam. 

SS 17

Dr. Werner Schmitt (Altdorf b. Nürnberg): Das Geld als Bastard der Sprache. Überlegungen zu Liebrucks´ Bestimmung des logischen Orts des Geldes (21. 6. 2017)

> Aufnahme(mp3, 34 MB): DOWNLOAD

Der Blick auf das Wesen des Geldes hilft, unsere Situation zu begreifen: Was passiert, wenn der Mensch sich nicht mehr mit Hilfe der Sprache mit den Menschen und der Welt vermittelt, sondern zwischen sich und die Dinge das Geld als realen Vermittler schiebt? Das Geld als "Bastard der Sprache " (Liebrucks) hat die Tendenz, nicht nur den technisch-praktischen Weltumgang des Menschen zu dirigieren, sondern über diese Umgangsform kulturelle Institutionen auszuhöhlen. Der Vortrag geht den gedanklichen Wurzeln dessen nach.

Dr. Werner Schmitt war letzter Assistent von Bruno Liebrucks an der Johann Wolfgang Goethe-Universität/Frankfurt am Main. Er ist mit Arbeiten zum Begriff des Selbstbewusstseins, der Sprache und – aktuell – zur philosophischen Bedeutung des griechischen Mythos hervorgetreten.

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