Severin-Akademie: Wissen und Glauben. Zur politischen Relevanz der Religion.

Unter dem Titel "Wissen und Glauben" erörterte Martin Breul, Professor für Systematische Theologie an der Technischen Universität Dortmund, im Rahmen der 28. Severin-Akademie am 8. Jänner 2026 an der Katholischen Privat-Universität Linz die politische Relevanz von Religion.

Die Abgeordnete Marjorie Taylor Greene erklärte ihre Abkehr von Donald Trump jüngst damit, sie wolle "mehr wie Christus sein" (Frankfurter Allgemeine, 9.1.2026). Dieses kleine Beispiel verdeutlicht, wie aktuell und auch brisant die Gemengelage zwischen Religion und Politik wieder ist.

Unter dem Titel "Wissen und Glaube. Zur politischen Relevanz der Religion" befasste sich Universitätsprofessor Dr. Dr. Martin Breul genau mit diesem Thema. Anhand der beiden katholischen US-Präsidenten J. F. Kennedy und Joe Biden zeigt er, wie unterschiedlich der Zugang sein kann: Religion als reine Privatsache, so wie es viel später z. B. auch die Gründer des Fliegenden Spaghettimonsters sahen, oder Religion als Anker der politischen Entscheidungsfindung. Bei letzterem stelle sich aber oft die Frage, ob Religion Teil der Lösung oder Teil des Problems ist. Dies erläutert Herr Prof. Breul eindrucksvoll mit Blick auf drei Bereiche, in welchen unsere Gesellschaft eine Transformation vollzieht, welche so nicht absehbar war, als Jürgen Habermas 2001 den Begriff der "postsäkularen Gesellschaft" prägte und in einer persönlichen Kehrtwende mit dem Statement, Religion sei aus philosophischer Sicht interessant, quasi einen Lösungsvorschlag präsentierte, der zwischen den beiden oben skizzierten Polen vermitteln könnte. 

Als erstes Anwendungsfeld betrachtete der Referent jenen neuen Rechtspopulismus, der das Vertrauen in die Rationalität demokratischer Entscheidungsfindung untergräbt und daher nicht bloß eine von mehreren Stimmen des demokratischen Diskurses ist. Weiters die Digitalisierung der politischen Öffentlichkeit, bei welcher die Hoffnung auf eine weltweite Ermächtigung - alle dürfen mitmachen und werden vernünftig argumentieren - sich zusehends ins Gegenteil verkehrt (Filterblasen und Emotionen statt Vernunft), sowie die ökologischen Krisen, wobei die Klimakrise insofern eine neue Qualität aufweist, als der Mensch entscheidet, wie das Antlitz der Erde in den nächsten Jahrtausenden aussieht.

Die Religion könnte eine wertvolle Ressource für diese transformierende Gesellschaft sein, aber leistet sie das?

Die Kirche hat durch die Missbrauchsskandale ihre Glaubwürdigkeit eingebüßt. Wenn sie nun zu politischen Fragen Stellung nimmt, wird ihr mit Skepsis begegnet. Die religiöse Indifferenz nimmt zu: Damit wird die Religion wieder ins Private verschoben. Und die politische Theologie von rechts trägt bei, autoritäre Herrschaft zu legitimieren.

In Anbetracht dieser Probleme war es richtig wohltuend, dass der Referent auch die Potentiale der Religion ausführte: Die Rede von Schöpfung als politisches Widerlager gegen Inakzeptables (z. B. Laudato si), die Grundbotschaft der Christen als Widerlager gegen die Fantasien der technischen Verfügbarmachung des Menschen, die Kirche als Raum für politische Öffentlichkeit, welche, anders als die Digitalkonzerne, nicht daran verdienen muss.

Fazit: Auch wenn die Öffentlichkeit der Religion ambivalent ist, bleibt die Religion sowohl in ihrem Selbstverständnis als auch in ihrer gesellschaftstheoretischen Rezeption eine öffentliche und politisch relevante Angelegenheit. Wenn sie um ihre Überzeugungen als Glaubensüberzeugungen weiß, kann es ein produktives Verhältnis zwischen Glauben und Wissen sowie Religion und Politik geben, mit der großen Chance einer Kritik jenseits des Rahmens der Immanenz.

20.1.2026/Cornelia Erber/HE