Ästhetik (Forschungsschwerpunkt)

Die traditionellen Wahrheiten und Erzählungen, die uns früher wie eine „zweite Haut“ umgeben haben, sind ebenso wie die klassischen ästhetischen Ideale der Schönheit schwach und unglaubwürdig geworden. Gerade im Zeichen dieses Traditionsverlustes, der Krise und Brüche Europas, des Wegbrechens historischer und geistiger Kontinuitäten sowie symbolischer Ausdrucksformen ist die Theologie dazu aufgefordert, die Frage nach einem Neuanfang und einem möglichen Wieder-Finden der Sprache zu stellen und gleichzeitig einen sprachlichen und narrativen Raum zu schaffen, in dem Menschen unserer Zeit ihre Fragen, Erwartungen und Erfahrungen ins Wort bringen können. 

In diesem Sinne ist mit „Ästhetik“ nicht in erster Linie ein spezieller Bereich der Philosophie gemeint, sondern vielmehr das dynamische und mannigfaltige Feld der sinnlichen Wahrnehmung als einer Weise des ursprünglichen, vorreflexiven Verstehens bzw. als eine Art der elementaren Weltbegegnung des Subjekts. Es handelt sich nicht um eine ornamentale oder ergänzende Dimension, sondern um die aisthesis als ursprüngliche Form der Beziehungen zwischen Subjekten sowie zwischen den Subjekten und ihren Lebenswelten.

Das handbuchartige Paradigma, das durch die Form der „summa“ oder des Kompendiums unser Wissen erschöpfend zu sammeln versuchte und einer positivistischen, geschlossenen Darstellung der christlichen Wahrheit entsprach, erscheint im zeitgenössischen Kontext als nicht mehr fähig, die dringenden individuellen und kollektiven Fragen zu berücksichtigen und adäquat aufzunehmen. Denn dieser theoretische und analytische Charakter der wissenschaftlichen Kultur hat nicht zuletzt die Fähigkeit der Theologie, die Kräfte zu symbolisieren, ohne ihre Natur zu verlieren, abgeschwächt und unterminiert. 

Diese Schwächung der Kraft des Symbolischen bleibt nicht ohne theologische, kulturelle und sozio-politische Bedeutung. Wenn die elementaren Affekte und Gefühle nicht verarbeitet und gestaltet werden, wiederholen sie sich umso triebhafter im gesellschaftlichen Kontext. Nicht nur angesichts der medial omnipräsenten religiösen Fundamentalismen und Radikalismen u.a. im Namen von Religion, sondern auch mit Blick auf die zunehmenden Virtualisierungsprozesse der menschlichen Geschichte(n) erscheint das theologische Denken in besonderer Weise dazu aufgefordert, die lebendige, wiewohl bisweilen auch unheimliche Komplexität der Triebe und Kräfte, die unser Zusammenleben prägen und bewegen, anzunehmen und zu verarbeiten. Es handelt sich hierbei um die Arbeit der Symbolisierung, d.h. des Sprechens, des Erzählens, des Sich-Erinnerns und des Verarbeitens, welche die dynamische, lebendige und sogar abgründige Dimension des Realen (Jacques Lacan) in all seinen Ausformungen artikulieren soll, ohne sie einfach zu domestizieren.