Heft 1/2026: Kirchen in islamischen Ländern

Kirchengebäude und kirchliche Gemeinschaften in der islamischen Welt – über beides weiß man in Westeuropa wenig oder ahnt nur Verzerrtes. Das neue Heft von "kunst und kirche" stellt das reiche geistliche und kulturelle Erbe der Christentümer im Nahen Osten und in Nordafrika vor: von spätantiken Basiliken über mittelalterliche Fels- und Klosterkirchen bis zu osmanisch geprägten Gemeindekirchen. Aber auch heute entstehen unter anspruchsvollen Bedingungen Kirchen, die zeitgenössische Formen entwickeln. Ist die christliche Kultur auch an vielen Orten in ihrer Existenz bedroht, so zeugen die Beiträge der Autor:innen zugleich davon, wie christliche Gemeinschaften in der islamischen Welt ein engagiertes Gemeindeleben entfalten. In einer Zeit aufgeladener Diskurse möchte "kunst und kirche" mit dem Themenheft auch einen Raum nüchterner Auseinandersetzung bieten – und zum Dialog einladen.

Vorwort

Es hat sich herumgesprochen: Die gute alte Zeitschrift auf Papier ist unter Druck geraten. Dabei hat sie Qualitäten, die sowohl den kurzatmigen Tagesmedien wie den langatmigeren Büchern abgehen. Sie kann ein komplexes Thema anhand von exemplarischen Beispielen mit einer gewissen Ruhe betrachten und analysieren, ohne Vollständigkeit oder Endgültigkeit zu beanspruchen. So kann sie ein Gespräch erweitern und vertiefen, ohne es abschließen zu wollen.

Dies versucht kunst und kirche auch in diesem Heft. Es widmet sich den Kirchen in der islamischen Welt – den Kirchengebäuden und den kirchlichen Gemeinschaften. Über beides weiß man in Westeuropa zu wenig oder ahnt nur Verzerrtes. Mehrere Anliegen haben uns sowie die Autorinnen und Autoren zu diesem Heft motiviert: Wir möchten das reiche geistliche und kulturelle Erbe der Christentümer im Nahen Osten und in Nordafrika vorstellen.

Dazu gehört auch ihr außergewöhnlich vielfältiges architektonisches und ikonographisches Erbe. In Ländern wie Ägypten, Syrien, der Türkei, im Libanon, Iran, Tunis, Mauretanien, Gaza und Katar finden sich Kirchenbauten von bemerkenswerter historischer Tiefe und gestalterischer Qualität. Viele von ihnen – von spätantiken Basiliken über mittelalterliche Fels- und Klosterkirchen bis zu osmanisch geprägten Gemeindekirchen – weisen eine Baukultur auf, die weit über regionale Grenzen hinaus wirkt. Zugleich entstehen auch heute unter anspruchsvollen Bedingungen neue Kirchen, die zeitgenössische Formen entwickeln und diese Tradition fortschreiben. Einige bedeutende Sakralbauten wurden aufgrund ihrer universellen Bedeutung in das UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen; sie prägen Stadtbilder, bewahren charakteristische ikonographische Traditionen und zeigen eine bemerkenswerte Vielfalt räumlicher und liturgischer Ausdrucksformen.

Hier liegt die historische Wiege des Christentums, auch der christlichen Sakralarchitektur – nicht etwa in der Schweiz, Österreich oder Deutschland. Wir möchten darauf aufmerksam machen, dass diese christliche Kultur an vielen Orten in ihrer Existenz bedroht ist. Ihr Ende wäre auch für uns in Westeuropa ein Verlust. Wir wollen aber auch einen Eindruck davon vermitteln, wie christliche Gemeinschaften in der islamischen Welt nicht nur überleben, sondern ein beeindruckendes Gemeindeleben entfalten und sich für ihr Gemeinwesen engagieren. Dies geschieht unter Bedingungen, die unsereinen resignieren ließen. Und schließlich möchten wir mit diesem Blick in diese fern-nahe Welt dazu anregen, sich hierzulande umzusehen und darüber nachzudenken, wie religiöse Minderheiten sich bei uns entfalten und mit ihren Gebäuden öffentlich sichtbar werden können.

Man könnte meinen, dass dieses Heft ein besonderes Wagnis darstellte, weil das Thema leicht zum Streit führt. Wir sind anderer Meinung und hoffen, dass ein – wenn auch fragmentarischer – Überblick, in dem Fachleute nüchtern, kundig, aber auch engagiert Bericht geben, auf offene Ohren, neugierige Augen und unbefangene Gesprächsbereitschaft stoßen kann. Schließlich steht eine Zeitschrift aus Papier etwas abseits der aggressiven Kommunikation, die in sozialen Netzwerken gepflegt wird. Jedenfalls möchten wir es auf den Versuch ankommen lassen.

Negar Hakim und Johann Hinrich Claussen (Heftredaktion)

Mit Beiträgen, Gesprächen und Berichten von Ivica Brnić, Christine Bruckbauer, Johann Hinrich Claussen, Matthias Friebe, Sarah Gabra, Negar Hakim, Azadeh Hariri, Youssef Kanjou, Georg Röwekamp, Marion Sendker, Kamal Sido, Annette Steinich, Klaus Vellguth und Thomas Würtz.

Ein Gratis-Heft zum Kennenlernen kann hier angefordert werden.

Mehr zum Heft, zum Magazin und zu den Bestellmöglichkeit unter kunstundkirche.com