Der Blog des Franz und Franziska Jägerstätter Instituts

Das FFJI bietet Einblicke in seinen Forschungsalltag.

Mit dem Forschungsblog des Franz und Franziska Jägerstätter Instituts (FFJI) geben wir einen Überblick über die laufende Forschungsarbeit des Instituts und bieten Interessierten Einblicke in unseren Forschungsalltag. Dabei werden einzelne Arbeitsbereiche sowie konkrete Arbeitsschritte näher beschrieben. Damit wollen wir nicht nur unsere Forschung am Institut transparent machen, sondern auch unsere Erfahrungen – in praktischer, technischer und historisch-inhaltlicher Weise – mit ForscherInnen teilen, um einen Wissenstransfer zu ermöglichen. 

(c) privat

Meine Großmutter hatte drei Brüder: Johann, Friedrich und Gust. Alle sind im Zweiten Weltkrieg gefallen. Ich habe sie nicht gekannt und doch ein klares Bild von ihnen vor Augen. Ihre Schicksale waren in den Gesprächen am Familientisch meiner Kindheit präsent. Fotos der jungen Männer als Soldaten, vermutlich kurz vor der Einrückung aufgenommen, haben einen festen Platz in meinem Gedächtnis. 
Ich weiß nicht mehr, wann ich erfuhr, dass meine Großmutter auch eine Schwester hatte. Ihr Name war Fanni.1

Meine unbekannte Großtante

Fanni starb in den 1950ern bei einem tragischen Unfall. Sie sei nicht ganz normal gewesen, hieß es in den spärlichen und immer sehr vagen Erwähnungen über sie. Von ihr gibt es auch kein Foto. Als ich mit meinem Großvater im Jahr 2002 mehrere Interviews über seine Lebens- und Familiengeschichte führte, erwähnte er wie nebenbei, dass seine Schwägerin Fanni von den nationalsozialistischen Behörden zwangssterilisiert worden sei. Das sei halt so gewesen damals, meinte er achselzuckend. Ja, sie habe immer am elterlichen Hof gelebt. Genaueres über ihr Leben und über ihre Erkrankung konnte oder wollte er mir auch auf mein Nachfragen hin nicht erzählen. Immer wieder habe ich seither versucht, meiner Großtante einen sichtbareren Platz in unserer Familiengeschichte zu geben, indem ich Nachforschungen zu ihrem Leben, zu ihrer Geschichte anstellte. Zu meinen vielen Fragen habe ich bisher nur wenige Antworten gefunden. 
Seit nunmehr 20 Jahren spreche ich mit Menschen über ihre Erfahrungen im Nationalsozialismus, vor allem mit Verfolgten, aber auch mit Mitläufer*innen und Täter*innen, in den letzten Jahren auch vermehrt mit der jeweiligen Kinder- und Enkelgeneration. Immer wieder recherchiere ich auch, wie im „Fall Fanni“, zur eigenen Familiengeschichte – und immer dann wird Geschichte für mich ganz persönlich.

Unterschiedliche Perspektiven, Hintergründe und Motivationen

Viele Kinder und Enkelkinder haben sich in den letzten Jahrzehnten – so wie ich – dazu entschlossen, die Eltern und Großeltern zu ihren Erfahrungen und Verwicklungen, zu ihren Einstellungen und Handlungen im Nationalsozialismus zu befragen – manchmal waren die Vorfahren Täter*innen, andere Mitläufer*innen, viele waren Verfolgte, in manchen Fällen waren und sind alle Perspektiven und Erfahrungen auch in einer Familie vereint, wie in meiner. Diese unterschiedlichen Perspektiven und Erfahrungen sind differenziert zu betrachten, ebenso wie die daraus entstandenen Werke. Hier soll es aber nun zunächst um die Beweggründe gehen, die die Nachkommen zum Fragen und Forschen anregen, und diese gleichen einander. Fast immer beginnt die Recherche mit dem Bedürfnis, aus vagen, bruchstückhaften Andeutungen eine „größere“ Erzählung zu formen, Leerstellen im Familiengedächtnis zu füllen, Ereignissen nachzugehen die zwar nicht besprochen aber doch irgendwie erahnt werden. Bei Menschen mit Verfolgungserfahrungen kommt oft die Motivation dazu, diesen ein öffentliches Andenken zu setzen, damit sie nicht vergessen werden – nicht in der Familie und nicht in der Gesellschaft. Dies deckt sich mit dem Anliegen des Projektes „Gedächtnisbuch Oberösterreich“, in dem Biographien von im Nationalsozialismus verfolgten Menschen recherchiert werden und in einem Gedächtnisbuch Platz finden, das an öffentlichen Orten zugänglich ist. Einige der Beiträger*innen forschen dazu in ihren eigenen Familiengeschichten. Um die spezifische Gruppe der Nachkommen von Verfolgten soll es im Weiteren gehen. 

Reden und Schweigen

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde in den Familien nur recht selten offen, detailliert und regelmäßig über Verfolgungserfahrungen gesprochen – wenn es auch vereinzelte Ausnahmen gibt. Die Gründe für dieses Schweigen waren vielfältig. In einer Nachkriegsgesellschaft, die sich selbst zum Opfer stilisierte, war für die realen? Opfer kein Platz. Diese fühlten sich alles andere als ermutigt, ihre Erfahrungen zu teilen. Manchmal waren die traumatischen Erlebnisse auch einfach nicht in Worte zu fassen. Oft sollten die Kinder und Enkel auch ganz bewusst geschützt werden und es wurde deshalb nicht erzählt. 
Und doch wurde gleichzeitig so viel gesagt: man kann eben „nicht nicht kommunizieren“ (Paul Watzlawick). Kinder und Enkel erinnern sich oft an eine ihnen unerklärliche Distanziertheit, daran, dass die Eltern und Großeltern zwar physisch anwesend gewesen seien, aber nicht emotional. Sie bekamen das unbestimmte Gefühl, dass „irgendetwas nicht stimmt“, ohne dies konkreter benennen zu können. „Etwas“ lag in der Luft. Eine Enkelin hat es so auf den Punkt gebracht: „Meine Oma war sehr bemüht, niemanden mit ihrer Vergangenheit zu belasten und tat es trotzdem.“2  
In vielen Publikationen berichten Kinder und Enkel der Verfolgten von psychischen Krisen, die sie gezwungen hätten, diesem „etwas“ schließlich auf die Spur zu kommen. Sehr häufig kam und kommt der Anstoß auch von außen, wie z.B. in meinem Fall anlässlich eines Seminars über Nachkommen der NS-Zeit an der Universität Salzburg oder eben dem „Gedächtnisbuch Oberösterreich“. 

Was beim Erforschen alles zutage treten kann

Warum es sehr oft die jüngeren Geschwister sind, die zu Familienhistoriker*innen werden, ist meines Wissens in der Literatur noch nicht beantwortet worden. Dass diese sich aber auf ein äußerst sensibles Terrain begeben, ist durch Erfahrungsberichte gut dokumentiert. Meistens haben nicht alle Familienmitglieder das gleiche Bedürfnis, in die Familiengeschichte einzutauchen, geschweige denn diese an die Öffentlichkeit zu tragen. Außerdem hat jede und jeder ihre/seine ganz eigene Beziehung zur erforschten Person. Widersprüchliche Erinnerungen und Bilder müssen zwar nicht zwingend in Einklang gebracht werden, sollten aber doch gegenseitig respektiert werden. Und auch zwischen den Generationen gibt es Konfliktpotential, können sich die Enkel*innen meistens doch noch etwas unbefangener, insgesamt „freier“ der Geschichte ihrer Großeltern nähern. Und trotz dieser Hürden gelingt die Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte in vielen Familien auch erstaunlich gut.
Ein wiederkehrendes Thema bei den Kindern und Enkeln der Verfolgten, insbesondere wenn diese im Widerstand tätig waren, ist die große Vorbildwirkung, die jene Menschen auf sie ausüben. Hier sind die Vorfahren eindeutig positive Identifikationsfiguren, deren Handeln und auch deren Umgang mit der Verfolgung Bewunderung hervorrufen und – auch im „Kleinen“ – zur Nachahmung ermutigen. Mitunter kann dieses Erbe aber auch zur Belastung werden, denn: Die Latte liegt hoch. Das Messen am Vorbild führt mitunter dazu, dass eigene Probleme als „nicht so wichtig“ empfunden werden. Das hat in einzelnen Situationen wohl tatsächlich einen aufmunternden Effekt, kann aber problematisch werden, wenn diese Haltung quasi zur Lebenseinstellung wird. 
Ein weiterer Aspekt betrifft die emotionale Nähe zum „Untersuchungsgegenstand“. Wie weiter oben schon erwähnt, macht es für mich einen großen Unterschied, ob ich mich als Wissenschaftlerin mit NS-Erfahrungen und Familiengeschichten befasse, oder ob ich meine eigene Familiengeschichte erforsche. Wenn es um die eigene Geschichte geht, kann (und will) ich nicht nüchtern und distanziert sein. Ich bin verstrickt in diese Familiengeschichte, habe meine eigenen Beziehungen und Bilder von und zu Eltern und Großeltern und anderen Verwandten. Auch die eigene Beziehung zu der erforschten Person spielt eine Rolle. Deshalb hat es auch eine Bedeutung, wenn durch die Recherche so manche Eigenheiten dieses Menschen verständlicher werden und so – vielleicht auch posthum – noch eine emotionale Nähe entstehen kann. So hat es jedenfalls einer der Beiträger zum Gedächtnisbuch aus dem Vorjahr eindrücklich beschrieben. 
Diese größere emotionale Nähe und persönliche Verstrickung, die Kinder und Enkelkinder von vornherein mitbringen, hat auch Konsequenzen. Wie mit den Emotionen umgehen, die im Zuge des Rechercheprozesses auftauchen? Hier ist zum einen ein offener Austausch innerhalb der Familie bzw. mit einzelnen Familienmitgliedern eine wichtige Unterstützung. Zum anderen kann auch der regelmäßige Austausch mit anderen Menschen, die sich ebenfalls in einem Prozess der Auseinandersetzung mit der Familiengeschichte befinden, hilfreich sein. Hier können Fragen besprochen und Erfahrungen ausgetauscht werden. In jedem Fall sollten Institutionen, die solche Recherchen anstoßen, jedenfalls für Angebote sorgen, wie die Forschenden gut begleitet werden und diese den Prozess reflektieren können. Dieses Angebot bereitzustellen ist ein zentrales Ziel des laufenden Projektes. 
Der Kreis schließt sich, indem ich noch einmal auf meine eigene Familiengeschichte zurückkomme und eine Frage aufwerfe, die auch in Projekten wie dem „Gedächtnisbuch OÖ“ relevant ist. Die Beschäftigung mit meiner Großtante hat mich auch für die Geschichten jener sensibilisiert, von denen keine Fotos und nur wenig Dokumente überliefert sind, über die wir keine zusammenhängenden Geschichten schreiben und vermitteln können. Wie wird an sie erinnert? Wie könnte an sie erinnert werden? 

Informationen zum Gesprächsangebot "Schatten der Vergangenheit"

Anmerkungen

Dieser Beitrag basiert auf meinen persönlichen Erfahrungen, meinen eigenen wissenschaftlichen Forschungen, den telefonischen Evaluationsgesprächen mit einigen Beiträger*innen zum „Gedächtnisbuch OÖ“ aus dem Jahr 2019, sowie auf der jüngsten Lektüre folgender Fachliteratur: Martha Keil / Philipp Mettauer (Hg.), Drei Generationen. Shoah und Nationalsozialismus im Familiengedächtnis. Innsbruck, 2016; Johanna Haarer / Gertrud Haarer, Die deutsche Mutter und ihr letztes Kind. Die Autobiografien der erfolgreichsten NS-Erziehungsexpertin und ihrer jüngsten Tochter. Hannover, 2012; Helga Amesberger / Brigitte Halbmayr / Simon Clemens, Meine Mama war Widerstandskämpferin. Netzwerke des Widerstands und dessen Bedeutung für die nächste Generation. Wien, 2019; Sabine Bode: Kriegsenkel. Die Erben der vergessenen Generation. Stuttgart, 2009; Margit Reiter: Die Generation danach. Der Nationalsozialismus im Familiengedächtnis. Innsbruck, 2006.
2  Nina Flurina Caprez, Leben „dank“ der Shoah. Spuren der Verfolgung bei einer Überlebenden und ihrer Enkelin, in: Keil / Mettauer, Drei Generationen, S. 82.

 

Zitation

Ecker-Angerer, Maria. "Erforschung der eigenen NS-Familiengeschichte: Persönliche Reflexionen und wissenschaftliche Befunde." Franz und Franziska Jägerstätter Institut, 25.11.2020. http//ku-linz.at/ erforschung-der-eigenen-ns-familiengeschichte-persoenliche-reflexionen-und-wissenschaftliche-befunde

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