Dies Academicus 2023: Europa und der Krieg in der Ukraine.

Die terroristischen und kriegerischen Ereignisse im Heiligen Land stehen derzeit im Fokus der Aufmerksamkeit. Doch weder dies noch Gewöhnung und Resignation dürfen vergessen lassen, dass der Krieg in der Ukraine nach wie vor mit unerbittlicher Härte tobt – mit Konsequenzen und Auswirkungen für unser aller Leben. Beim "Dies Academicus" am 23. November 2023 wurde das an der Katholischen Privat-Universität Linz ganz bewusst wieder ins Zentrum gerückt.

Fragen nach Geopolitik und Völkerrecht, nach ökonomischen Verflechtungen, nach Geschichte und Zukunft der europäischen Friedensordnung und nach dem Projekt eines gemeinsamen Hauses Europa standen im Mittelpunkt der Veranstaltung, bei der András Máté-Tóth, Heinz-Gerhard Justenhoven, Julia Beliaeva, Khrystyna Fostyak und Pete Hämmerle theologische, ethische und künstlerische Perspektiven und Zugänge mit einem interessierten Publikum teilten.

Vom "Ende der Selbstverständlichkeit", das mit dem Überfall Russlands auf die Ukraine am 24. Februar 2022 offensichtlich geworden sei, sprachen Vizerektorin Klara A. Csiszar und Professor Michael Rosenberger bei der Begrüßung und Einführung ins Thema: Wie geht Europa damit um, dass militärische Operationen wieder als legitimes Mittel der Politik erscheinen? Und welche politischen und geistig-kulturellen Prozesse braucht es, um Europa nicht nur äußerlich, sondern in seinem Innersten zum Friede und zum Geist der Verständigung zu bringen? Voraussetzung dafür sei das offene Gespräch, die Gewinnung verschiedener Perspektiven, der Austausch: Dem widmete sich der "Dies Academicus", ausgerichtet von der Katholischen Privat-Universität Linz in Kooperation mit der Privaten Pädagogischen Hochschule der Diözese Linz, dem Institut für diözesane Fortbildung (Diözese Linz), dem Forum Humanismus Wilhering, dem Forum St. Severin, Pax Christi Oberösterreich und der OÖ Landes-Kultur GmbH.

Schwierige Geschichten, verwundete Identitäten

Für "Wunden und Visionen in Ostmitteleuropa" sensibilisierte der Eröffnungsvortrag des Theologen und Religionswissenschaftlers András Maté-Tóth (Universität Szeged). Bedrohung sei spätestens seit der Pandemie ein Grundgefühl in 'Ost' und 'West'; mit dem Angriffskrieg Russlands habe diese Bedrohung eine neue Dimension bekommen. Sie lässt heute neu und anders nach Gründen und Bedingungen einer Geschichte fragen, die mit dem Fall des "Eisernen Vorhangs" so hoffnungsvoll begonnen hat. Maté-Tóth zeichnete beispielhaft nach, wie das vermeintliche "Ende der Geschichte" – im Sinne des Angekommen-Seins bei der liberalen Demokratie – in Ostmitteleuropa zunehmend umgeschlagen ist in einen Zustand "verwundeter kollektiver Identitäten". Entscheidend ist, sich diesem zu stellen, auch und gerade seinen historischen Gründen, die bis heute kulturell prägend seien. Zur gesellschaftlichen Rolle der Kirchen bzw. der Religion stellte er religionswissenschaftliche Untersuchungen mit länderspezifisch differenzierten Ergebnissen vor. Nur ein vertieftes gegenseitiges Verständnis – in den Regionen selbst, aber auch zwischen West- und Osteuropa – könne ein Denken überwinden, das zunehmend von der totalen Abgrenzung und Ablehnung des "Anderen", vom diametralen Gegensatz geprägt sei. Gegen diese Totalität des Denkens sei Selbstkritik und Geduld mit sich und anderen gefragt, eine Haltung, für die auch das Christentum Inspiration sein könne.

Gewaltverbot und legitime Selbstverteidigung

Ursachen des russischen Angriffs, die Reaktionen darauf und deren Legitimität – von der militärischen Selbstverteidigung bis zu Waffenlieferungen aus westlichen Ländern – sowie die Herausforderungen für die Zeit nach dem Krieg arbeitete Heinz-Gerhard Justenhoven, Direktor des Instituts für Theologie und Frieden in Hamburg, heraus. Ins Zentrum stellte er dabei das völkerrechtliche Gewaltverbot, seine Möglichkeiten und Grenzen. Der Angriff Russlands bedeute zweifelsfrei einen Bruch des Gewaltverbots und bedinge ein konditioniertes Recht der Ukraine auf Selbstverteidigung. Angemessenheit, Verhältnismäßigkeit und Erfolgswahrscheinlichkeit seien die Grenzen dieses Rechts auf Gegenwehr. Dies schließe, so unterstrich Justenhoven, auch "uns in Westeuropa ein" durch die Pflicht, der Ukraine dabei – auch mit militärischer Ausrüstung – Hilfe zu leisten, sofern ihr selbst die Mittel fehlen. Wie soll man einen solchen Mangel allein durch zivilen Widerstand kompensieren, wenn die Zivilgesellschaft selbst das militärische Angriffsziel ist? "Gegen schwere Waffen kann man sich nur mit schweren Waffen verteidigen!", brachte es Justenhoven auf den Punkt. Trotz dieses klaren Auftretens gegen den Aggressor müsse immer auch die Zeit nach dem Krieg Teil der Handlungslogik bleiben: etwa durch Offenhaltung von Kommunikationskanälen oder durch die Schaffung von Räumen des Dialogs für die Menschen beider Seiten, die eine friedliche Zukunft gestalten wollen.

Die Zerbrechlichkeit des Lebens

Die Arbeiten der in Kiew lebenden ukrainischen Künstlerin Julia Beliaeva, die im Gespräch mit Assistenz-Professorin Julia Allerstorfer-Hertel (KU Linz) vorgestellt wurden, bildeten gleichsam einen visuellen Kommentar zu den Vorträgen. Vor allem ihre Keramik-Arbeiten – zu sehen war "Fragile City" im Frühjahr 2023 im OK Linz – kreisen um die universelle Fragilität menschlicher Existenz: Denn ist dieses Projekt auch mit Fotografien ausgebrannter und zerbombter ukrainischer Wohnhäuser verknüpft, so stehen diese Häuser, wie Beliaeva betonte, "auch in Israel, im Gazastreifen und in Syrien". In ihren Skulpturen wird menschliches Leid in Geschichte wie Gegenwart ebenso sichtbar wie deren Instrumentalisierbarkeit und Ideologisierung, etwa wenn eine fotografische Ikone des Holodomor in der skulpturalen Formensprache sowjetischer Propaganda wiederkehrt oder zerbrechliche keramische Gebilde menschliche Körper als Rohstoff für die Natur zeigen.

Berichte aus der Realität des Krieges

Die abschließende, von Assistenz-Professorin Katja Winkler (KU Linz) moderierte Podiumsdiskussion griff Elemente der Vorträge auf und beleuchtete diese noch einmal aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Das Gespräch stand ganz im Zeichen der Statements der ukrainischen Theologin Khrystyna Fostyak, die mit eindringlichen Worten dem anonymen Leid medialer Bilder konkrete Namen und Geschichten gab. Zudem stellte sie eine in der Ukraine allgemein geteilte Überzeugung in aller Deutlichkeit heraus: Dass dieser Krieg unter allen Umständen gewonnen werden müsse, um den nächsten russischen Krieg zu verhindern. Angesichts der erschütternden Innenperspektiven von Khrystyna Fostyak und Julia Beliaeva werde, so hielten die Podiumsteilnehmer übereinstimmend fest, jedes Theoretisieren schal: Man müsse stets bewusst halten, dass es keine einfachen Lösungen und Antworten gebe, dass gerade auch die christliche Friedensethik – jede Ethik – vor einem Dilemma steht: Wie überhaupt lässt sich Leid abwägen und legitimieren als Konsequenz unseres Handelns? Pete Hämmerle insistierte als Vertreter des Internationalen Versöhnungsbundes bei allem Verständnis für die akute Notwehr eines Volkes darauf, dass andere Wege möglich sind: Es dürfe niemals aus dem Blick geraten, dass es Alternativen zur Gewalt gebe – auf allen Seiten. Zur nachhaltigen Friedensarbeit sind alle Gesellschaften und ist jede:r Einzelne aufgerufen, denn "Wie Friede schaffen und leben?" bleibe heute und morgen die Schlüsselfrage gewaltlosen menschlichen Zusammenlebens.

24.11.2023/RK/HE