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ThPQ zum Thema Psychotherapie und Seelsorge.

Wenngleich es für beide wichtig ist, die professionellen Grenzen zwischen psychotherapeutischer Behandlung einerseits sowie Seelsorge und spiritueller Führung andererseits zu kennen und zu respektieren, ist eine Zusammenarbeit zwischen Psychotherapie und Seelsorge sinnvoll, oft sogar unverzichtbar. Mit den Herausforderungen der sich verändernden Konstellation von Psychotherapie und Seelsorge, nicht zuletzt angesichts von Flucht und Migration, beschäftigt sich Heft 1/2019 der Theologisch-praktischen Quartalschrift.

Liebe Leserin, lieber Leser!

Lange Zeit standen Psychotherapie und Seelsorge in einem gespannten Verhältnis. In der Psychotherapie herrschten Religionskritik oder gar Pathologisierung von Religion vor, in der seelsorglichen Praxis die Meinung, Psychotherapie sei für Gläubige nicht nötig, oder der Vorbehalt, Psychotherapie gefährde religiöse Überzeugungen und Praxis. Mittlerweile hat sich die Situation stark verändert. Mit Blick auf die Psychotherapie zeigt dies etwa das Positionspapier "Empfehlungen zum Umgang mit Religiosität und Spiritualität in Psychiatrie und Psychotherapie" [1] der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN). Es hält fest, dass aus heutiger Sicht "eine kultur- und religionssensible psychiatrisch-psychotherapeutische Versorgung von Patienten mit unterschiedlichen Hintergründen notwendig" ist und "Patienten mit psychischen Erkrankungen von ihrem Psychiater und Psychotherapeuten eine ganzheitliche Wahrnehmung ihrer Lebenssituation einschließlich deren existenzieller, spiritueller und religiöser Dimension" erwarten. Diese Erwartung wird nicht durch Übernahme esoterischer Inhalte, spiritueller Rituale und religiöser Methoden in die Psychotherapie erfüllt, sondern durch einfühlsame Achtung gegenüber den religiösen oder spirituellen Bindungen der Patienten. Dabei sollten die Behandelnden "auf eine respektvolle Weise religiös neutral bleiben, aber aufgeschlossen sein für einen möglichen Transzendenzbezug seines Patienten". Mit Blick auf die Seelsorge wird deutlich, dass die Vorbehalte gegenüber der Psychotherapie geringer wurden. Und so sind viele Seelsorgerinnen und Seelsorger bestrebt, sich ein psychotherapeutisches Grundwissen anzueignen oder es zu erweitern. Dabei ist für Psychotherapie und Seelsorge wichtig, die professionellen Grenzen zwischen psychotherapeutischen Behandlungen einerseits sowie Seelsorge und spiritueller Führung andererseits zu kennen und zu respektieren. Zugleich kann eine Zusammenarbeit in vielen Fällen sinnvoll, heilsam und – in einzelnen Fällen – gar unverzichtbar sein. Dafür sind immer wieder Reflexion und Dialog notwendig, denen sich die sechs thematischen Beiträge unseres aktuellen Heftes widmen.

Nach dem Verhältnis zwischen Psychotherapie und Seelsorge aus soziologischer Sicht fragt Boris Traue. Er sieht in der Gesellschaft drei Formen des Sorgens und stellt Seelsorge als gemeindliche, kollektive Sorge der Psychotherapie als reparativer Sorge und dem Coaching als eskalativer Sorge gegenüber. Die entscheidende Frage bleibt, wie die Selbstsorge mit der Sorge um den Anderen und die Gesellschaft verbunden werden kann. Hier sieht Traue die Seelsorge als gemeindliche, kollektive Sorge besonders gefordert. Der Dialog zwischen Psychotherapie und Seelsorge braucht einen religionspsychologisch klaren Blick: Susanne Heine macht deutlich, wie voraussetzungsreich die Menschenbilder sind, welche die verschiedenen Schulen der Psychologie prägen, und dass nicht-empirische Annahmen über "das Wesen des Menschen" offengelegt werden müssen, damit Reflexion und Erfahrungsaustausch zwischen Psychotherapie und Seelsorge gelingen. Ebenso wichtig ist die Offenlegung des biblischen Welt- und Menschenbildes, das im Hintergrund der neutestamentlichen Erzählungen über Jesus als Therapeuten steht. In seiner Analyse der Texte und des biblischen Sprachgebrauchs deutet Peter Trummer so manche Heilungserzählung aus den Evangelien in ungewohnter und überraschender Weise und aktualisiert diese Deutungen auch für die heutige Zeit. Von dem engen Zusammenhang zwischen Heilung und Heil bei Jesus ausgehend, unternimmt Klaus Kießling einen historischen Streifzug, der zeigt, wie sich Seelsorge und Pastoralpsychologie von der Antike bis in die Neuzeit entwickelt haben. Er weist die Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Seelsorge, Pastoralpsychologie und Psychotherapie aus und plädiert dafür, dass sich Seelsorge und Psychotherapie zueinander eigenständig, unvermischt und ungetrennt, verhalten können. Die Seelsorge und Psychotherapie gemeinsame Frage nach dem Heil für Seele und Psyche versteht Erwin Dirscherl letztlich als Frage nach Gott. Vor dem Hintergrund fragmentierter Lebenswirklichkeiten plädiert er dafür, theologisch den ganzen Menschen im Blick zu behalten. Die in den Mitmenschen wie in Gott eingetragene Andersheit eröffne einen Zwischen-Raum, der heilsame Haltungen gegenüber anderen ermögliche. Wie solch heilsame Haltungen in psychotherapeutischen Ansätzen und seelsorglichen Beratungskonzepten zum Tragen kommen, zeigt Adolf Trawöger auf. Fallbeispiele zeigen, wie Seelsorge von psychotherapeutischen Zugängen profitieren kann, aber auch Psychotherapie von seelsorglichen Konzepten, weil Letztere die Sorge um den ganzen Menschen im Blick haben.

Zwei freie Beiträge bereichern unser erstes Heft des Jahres 2019: Herbert Haslinger ortet in seinem Artikel drei wichtige Lernimpulse des II. Vatikanums für die Pastoraltheologie hinsichtlich der Theologie des Volkes Gottes, der Offenbarung und der Pastoralität, benennt aber auch als Kritikpunkte am Konzil aus heutiger Sicht die Ausblendung der Gemeinde und die Ignorierung der Pastoraltheologie. Eva Plank gibt auf Einladung der Redaktion einen Einblick in ihre 2018 veröffentlichte Dissertation, in der sie nachzeichnet, wie Stefan Zweig in der dramatischen Dichtung "Jeremias" in neun Bildern die biblische Prophetengestalt auf dem Hintergrund der zeitgeschichtlichen Ereignisse des 1. Weltkriegs rezipiert.

Werte Leserinnen und Leser!

Angesichts von Flucht und Migration steht die in diesem Heft thematisierte, sich verändernde Konstellation von Psychotherapie und Seelsorge vor neuen Herausforderungen: PsychotherapeutInnen, Pfarrer, PsychologInnen, pastorale MitarbeiterInnen und PsychiaterInnen treffen immer öfter auf Menschen, die sich über Erlebtes und Erlittenes, wenn überhaupt, in einer religiös gefärbten Sprache mitteilen – dazu bedarf es mehr denn je einer interreligiösen Kompetenz in beiden Feldern.[2] Damit kommt dieser Fragestellung eine besondere Relevanz zu. Wir wünschen eine anregende Lektüre!

Andreas Telser und Michael Zugmann (für die Redaktion)

Theologisch-praktische Quartalschrift

[1]      Michael Utsch u. a., Empfehlungen zum Umgang mit Religiosität und Spiritualität in Psychiatrie und Psychotherapie, in: Spiritual Care 6:1 (2017), 141–146.

[2]      Vgl. Jonathan Morgan / Steven J. Sandage, A Developmental Model of Interreligious Competence. A Conceptual Framework, in: Archive for the Psychology of Religion 38 (2016), 129–158.

12.2.2019/he

Foto: Pixabay

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