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Repräsentationsarchitektur. Exkursion nach Budapest und Wien.

Architektur ist nicht nur Ausdruck eines ästhetischen Entwurfskonzeptes, sondern besitzt immer auch symbolische Bedeutungen, indem sie kulturelle Wertsysteme, politische und ökonomische Bedingungen, Weltbilder und Geschichtskonzeptionen sowie Ansprüche und Visionen einer Zeit zum Ausdruck bringt. Diese Erkenntnis gewannen Studierende des Fachbereichs Kunstwissenschaft auf der Exkursion von 22. bis 26. Oktober 2018 nach Budapest und Wien.

Die Gruppe am ersten Tag in einer intensiven Diskussion über den Stil der Großen Synagoge in Budapest.
Die Gruppe am ersten Tag in einer intensiven Diskussion über den Stil der Großen Synagoge in Budapest, Foto: J. Rüdiger

Die diesjährige Exkursion für Bachelor-Studierende, organisiert vom Institut für Geschichte und Theorie der Architektur unter Leitung von Prof.in Anna Minta und Ass.-Prof.in Julia Rüdiger, führte nach Budapest und Wien. Anhand von Bauwerken und Denkmäler diskutierte die Gruppe, was eigentlich Repräsentation ist, wer Mittel der Repräsentation nutzt und wie ein solcher Anspruch in Architektur und Kunst übersetzt werden kann. Das in der Geschichte wechselvolle Verhältnis der beiden Städte als Residenzstädte der k.k. Monarchie, in der Zwischenkriegszeit, im Kalten Krieg und schließlich auch nach 1989 eröffnete ein Spannungsfeld unterschiedlicher Ideologien, Intentionen und Repräsentationsformen. Im Zentrum der Betrachtungen standen Bauten und politisch-kulturelle Ikonografien beider Städte anhand ihrer Parlamentsbauten, Residenzen, Befreiungsdenkmäler. An den Nationalfeiertagen - 23. Oktober in Ungarn und 26. Oktober in Österreich - konnte die Wirksamkeit architektonischer Rahmungen und öffentlicher Plätze für staatliche Rituale analysiert werden. Doch nicht politische Bauten, sondern auch Kultur-, Sakral- und Bildungsbauten sowie Infrastruktur des öffentlichen Verkehrs kommunizieren und symbolisieren die Verfasstheit eines Staates oder einer Gemeinschaft.

Die kritischen Betrachtungen zum kommunikativen Potential der Architektur waren stets vergleichend angelegt: Die Wiener Votiv-Kirche (1856-79), die mittels Spenden aus allen Teilen des Reichs die Identifikation und Einheit aller Völker mit dem Habsburger Reichskonstrukt stärken sollte, stand als Gegensatz zur Großen Synagoge in Budapest (1854-59), die in ihrer orientalisierenden Formensprache eine sich klar abgrenzende Position gegenüber der katholischen Mehrheit der Bevölkerung bezog.

Auf dem Weg in die Redoutensäle am 26. Oktober wurde die Gruppe von Nationalratspräsident Mag. Wolfgang Sobotka begrüßt.
Auf dem Weg in die Redoutensäle am 26. Oktober wurde die Gruppe von Nationalratspräsident Mag. Wolfgang Sobotka begrüßt, Foto: H. Böhm

Heldenplätze, ihre Lage, Gestaltung, Denkmalsetzungen und Denkmalstürze sowie ihre politischen Instrumentalisierungen konnten in Budapest und Wien kritisch hinterfragt werden. Kontroverse Lesarten machte der österreichische Nationalfeiertag deutlich: Während das Bundesheer hier seine Leistungsschau abhielt, ertönte um 12:30 Uhr die sehr fragile Klanginstallation von Susan Philippsz, die mit der Fragilität von Stimme, Klang, Vibration, Erinnerungen und Emotionen die Dominanz der Herrschaftsarchitektur im öffentlichen Raum in Frage stellt. Es ist die besondere Faszination von Exkursionen, die Dichte der Architekturanalysen und Diskussionen um Form und Wirkung, die deutlich machen, "dass eine Bearbeitung des Grundrisses und der Skizzen nie die Betrachtung eines Gebäudes in der Realität ersetzen kann", so der Student Jürgen Hörletzeder. "Durch die Möglichkeit der Exkursion wurde es auf sehr genaue Art und Weise sichtbar wie Architektur wirkt. Auch die Diskussionen in der Gruppe haben zum Umdenken angeregt und dadurch haben die Städte Budapest und Wien eine ganz neue Interpretation bekommen." Der Tag der offenen Tür am österreichischen Nationalfeiertag machte es möglich, weitere Parlamentseinrichtungen in Wien zu besichtigen und in Kontakt mit politischen Repräsentanten wie dem Nationalratspräsidenten Wolfgang Sobotka zu treten.

Parlamentsbauten sind herausragende Architekturen nationaler Repräsentation. Unterschiedlicher könnten die politischen Konstellationen und nationalen Repräsentationsbedürfnisse und darauf folgend auch die Parlamentsbauten in Wien (1874-83) von Theophil Hansen und in Budapest (1885-1904) von Imre Steindl nicht sein. Der neogotische Stil des Budapester Parlamentshauses inszeniert eine möglichst große formale Distanz zu Bauten der Habsburger, um auf die innenpolitische Unabhängigkeit der ungarischen Monarchie vom Kaiserreich hinzudeuten. Im Gegensatz dazu zeigt das Tympanon über dem Haupteingang des Wiener Parlamentsgebäudes Kaiser Franz Josef als römischen Imperator, der aufgrund der von ihm verliehenen Verfassung die Kronländer Schlesien, Böhmen, Mähren, Salzburg, Niederösterreich und Oberösterreich um sich versammelt. 

Die repräsentative Kraft einer Feststiege genutzt für unser Gruppenbild mit József Sisa von der Ungarischen Akademie der Wissenschaften.
Die repräsentative Kraft einer Feststiege genutzt für unser Gruppenbild mit József Sisa von der Ungarischen Akademie der Wissenschaften.

Besonders eindrucksvoll und lehrreich war die Spezialführung durch das Budapester Parlament durch Prof. József Sisa von der Ungarischen Akademie der Wissenschaften als Leiter des Forschungsprojektes zum Parlament. Er konnte auf grundlegende gestalterische Konzepte, rahmende Ideologien und ikonografische Details verweisen, die eine mustergültige kritische Interpretation der Staatsarchitektur als politisch-nationales Manifest boten. So lassen sich, "erlernte theoretische Methoden am Original immer wieder anwenden und verfeinern", wie der Student Cedrik Eichinger hervorhob: "Es war eine anstrengende, aber überaus bereichernde Zeit. Mein persönliches Highlight waren die Führungen, bei denen wir Einblicke in die verschiedenen Tätigkeitsbereiche erhalten konnten, von der Arbeit als Kunsthistoriker, über die kuratorische Praxis bis hin zum Gebäudemanagement".

Im Wiener Bundesamtsgebäude Radetzkystraße (1981-86 von Peter Czernin) wurde die Gruppe von Wilfried Erasim von der ARE Austrian Real Estate GmbH, die die Bundesgebäude verwaltet und auch für die Entwicklung neuer Bauten zuständig ist, empfangen. Er berichtete von den Ambitionen, über das Haus als Gesamtkunstwerk und öffentlicher Raum die Parola "Bürgernähe" als architektonisches Programm umzusetzen. Auch gab er Einblicke in die langwierigen Planungsprozesse neuer Gebäude für den Bund.

Einen Einblick in kuratorische Praxis gab der Kurator Severin Dünser vom belvedere21 in der Führung durch seine aktuelle Ausstellung "Die Werte der Freiheit", die sich mit zeitgenössischer Kunst zum Thema Demokratie, Freiheit und politische Unterdrückung auseinandersetzt. Gleichzeitig war der einstmalige Ausstellungspavillon Österreichs, den der Architekt Karl Schwanzer für die Weltausstellung 1958 in Brüssel gestaltet hatte, ein wichtiges Thema für Nationalrepräsentation in der Nachkriegszeit.

Und wie funktioniert supra-nationale Repräsentation? Ein Highlight war auch die extraterritoriale Besichtigung der UNO City in Wien.
Und wie funktioniert supra-nationale Repräsentation? Ein Highlight war auch die extraterritoriale Besichtigung der UNO City, Foto: A. Minta

Aus studentischer Sicht fasste Elisabeth Pramper die Exkursionswoche rückblickend zusammen: "Eine dichte, perfekt organisierte Woche in Budapest und Wien liegt hinter uns. Dass wir Architektur im weiten Blickwinkel des Kontexts und Vergleichs und doch mit dem Fokus auf Repräsentation (Intention, Ausdruck und Rezeption betrachtend) erleben konnten, wurde einerseits durch die kompetente und engagierte Konzeption und Leitung durch die Professorinnen, andererseits durch die sorgfältige Vorbereitung und die Diskussionsbereitschaft voller Wissens- und Meinungsvielfalt aller teilnehmenden Studierenden ermöglicht. Auch die externen Experten bereicherten das Gesamtbild." "Die Architektur eines Gebäudes", so die Quintessenz laut Malvine Nussbrücker, "erzählt uns eine Geschichte". Es kommt darauf hin, diese zu entschlüsseln und kritisch zu hinterfragen. In der Auseinandersetzung mit den ideologischen Manifestationen in Architektur und Städtebau liegt die Voraussetzung für ein kritisches Positionieren in der Gegenwart. Die engagierten Diskussionen auf der Exkursion haben die Lust und Leidenschaft in der Wissenschaft und das Engagieren in der Gegenwart nur zu deutlich gemacht.

Bericht: Julia Rüdiger / Anna Minta

28.11.2018/he

Gruppenbild auf der Feststiege mit József Sisa von der Ungarischen Akademie der Wissenschaften.

Exkursion des Fachbereichs Kunstwissenschaft. Abendlicher Blick vom Gellertberg auf die Budapester Burg.

Besichtigung des Bundesamtsgebäudes Radetzkystraße mit Wilfried Erasim von der ARE Austrian Real Estate Immobilienverwaltung.

"Die Werte der Freiheit". Kurator Severin Dünser führte die Gruppe durch die Ausstellung im belvedere21 und erklärte seinen kuratorischen Ansatz.

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