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Kontrast

Reihe Zeit zu Denken: Gastvortrag von Prof. Thomas S. Hoffmann.

Ist Freiheit die Quelle und der Ursprung des Rechts – oder ist es das Recht, das in seiner Setzung Freiheiten allererst gewährt und verteilt? Diesen fundamentalen Gegensatz samt seinen Voraussetzungen legte Thomas Sören Hoffmann, Professor für Praktische Philosophie an der FernUniversität in Hagen, bei seinem Vortrag im Rahmen der Reihe "Zeit zu Denken" frei – und zwar einerseits mit Blick auf die bleibenden Errungenschaften Kants im Denken des Rechts, andererseits mit Blick auf den schillernden Begriff des Liberalismus.

Die Haupterrungenschaft Kants in dieser Hinsicht, so Hoffmann, ist darin zu erblicken, dass es nach Kant möglich wird, vom Begriff der Freiheit her den Verbindlichkeitsursprung (die Frage nach der Begründung der Normativität des Rechts als Thema des Naturrechts bzw. Vernunftrechts) und den Bestimmtheitsursprung des Rechts (im Sinne der Positivierung des Rechts) zusammenzudenken wie auch zu unterscheiden. Was können wir also von Kant her lernen?

1) Freiheit hat ihren „Sitz“ im Selbstverhältnis menschlicher Praxis, das der einzelnen Handlung als Handlung strukturell vorausliegt. Ihr Zweck ist immer die Erhaltung dieses Selbstverhältnisses in der Handlung.

2) Recht ist (reflexiver) „Begriff a priori“ und notwendig zu habender Gedanke des freiheitlichen Selbstbewusstseins. Im Begriff des Rechts bejaht sich die Freiheit selbst im Blick auf ihre konkrete Realisierung im Gegenüber zu anderer Freiheitsrealisierung. Recht ist Freiheitsreflexion im Blick auf möglichen konkurrierenden Freiheitsgebrauch.

3) Das Recht etabliert eine Ordnung der Koordination des Freiheitsgebrauchs, in der die Wirklichkeit der Freiheit bereits vorausgesetzt und als solche anerkannt ist.

4) Die Koordinationsaufgabe des Rechts im Blick auf möglichen konkurrierenden Freiheitsgebrauch bezieht sich grundsätzlich auf die Wahl der Mittel in der Realisierung des Freiheitszwecks, nicht auf eine Konkurrenz der Zwecke.

Vor dieser Kontrastfolie eines genuin liberalen im Sinne von sich ganz auf Freiheit stützenden Rechtsverständnisses skizzierte Hoffmann die durchaus gegensätzlichen Auffassungsweisen von „Liberalismus“.  Grundlegende Kritikpunkte betrafen insbesondere jenes Verständnis von Liberalismus, das sich auf einen nur negativen Freiheitsbegriff sowie instrumentellen Rechtsbegriff stützt. Diese Voraussetzungen führen, so Hoffmann, zur gegenwärtig weit verbreiteten Auffassung, dass das Recht Freiheit bloß distribuiere und nicht koordiniere. Damit aber werde eine Asymmetrie zwischen jenen, die Freiheit „gewähren“, und denen, die sie „empfangen“ etabliert. Freiheit werde da nicht ursprünglich anerkannt, sondern bloß verwaltet.

Text: Max Gottschlich. Fotos: Martin Zillner.

Prof. Dr. Thomas Sören Hoffmann, geboren 1961, studierte Philosophie, Ev. Theologie und Italianistik in Tübingen, Wien und Bonn. Nach seiner Habilitation 1999 in Bonn folgten verschiedene Lehrstuhlvertretungen. 2003 bis 2007 war Hoffmann Mitarbeiter im DFG-Projekt „Kulturübergreifende Bioethik“ an der Ruhr-Universität Bochum und Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Philosophie in Bochum. 2005 erhielt er eine apl. Professur für Philosophie in Bonn. Er war Mitinitiator des „Südosteuropäischen Bioethikforums“ und ist seit 2006 Mitherausgeber der Zeitschrift „Synthesis philosophica“. 2007 erhielt er den Karl Jaspers-Förderpreis der Universität Oldenburg. 2009 hatte er eine Gastdozentur für Naturphilosophie an der damaligen Katholisch-Theologischen Privatuniversität Linz. Seit 2009 ist er auch Nachfolger von Prof. Dr. Kurt Röttgers an der FernUniversität in Hagen.

Zur Vortragsreihe:

"Zeit zu Denken. Philosophische Vorträge" nennt sich die von Ass.-Prof. DDr. Max Gottschlich organisierte Reihe am Institut für Praktische Philosophie/Ethik der KU Linz. Abseits der auf uns einstürmenden schnellen Antworten und Handlungsanweisungen soll dem Denken Raum gegeben werden. Erst über diesen Umweg wird es möglich, unsere Zeit "in Gedanken zu erfassen" (Hegel).

4.6.2019/he

Vortrag von Prof. Dr. Thomas Sören Hoffmann im Rahmen der Reihe "Zeit zu Denken".

Vortrag von Prof. Dr. Thomas Sören Hoffmann im Rahmen der Reihe "Zeit zu Denken".

Von li: Univ.-Prof. Dr. Thomas Sören Hoffmann (FernUniversität Hagen), Ass.-Prof. Dr. Max Gottschlich (KU Linz).

Von li: Univ.-Prof. Dr. Thomas Sören Hoffmann (FernUniversität Hagen), Ass.-Prof. Dr. Max Gottschlich (KU Linz).