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Kontrast

RAUMKULT-KULTRAUM. Tagung zu Architektur und Ausstattung.

Mit dem Verhältnis von Raum, Kult und Gemeinschaft beschäftigte sich die vom Institut für Geschichte und Theorie der Architektur der KU Linz unter der Leitung von Professorin Anna Minta, veranstaltete internationale Tagung "Raumkult – Kultraum", die von 15. bis 17. März 2018 an der Katholischen Privat-Universität Linz stattfand. Kirchen und auratische Alternativorte aus Geschichte und Gegenwart wurden aus theologischer, kunst- und kulturhistorischer, architektonischer und soziologischer Perspektive betrachtet.

"Mit dem Monotheismus Israels wird erstmals eine Schwelle überschritten, Sakralität ohne Räumlichkeit zu denken", beschrieb Rektor Franz Gruber in seinem Grußwort bei der Eröffnung der Tagung. Durch ihre Distanz zu zentralen Kulträumen wie Tempeln hätten das Judentum und später das Christentum eine Modernität vorweggenommen, "die erst mit der Säkularisierung wieder zur Geltung kommt: die Entkopplung des Individuums und der Gesellschaft von Kulträumen". Dass diese Entflechtung grundlegend sei, weil nur sie Freiheit garantiere, zeige uns im Gedenken an die Machtergreifung des Nazi-Regimes im Jahr 1938 auch die jüngere Geschichte: Es gelte achtsam zu sein "wo Orte des 'Außeralltäglichen' nicht Hinführung zur freien Entfaltung und damit zum Respekt vor dem Anderen, vor der Alterität führt, sondern zur Auflösung des Individuums in ein Kollektiv, das sich mit einer quasi-sakralen Aura auflädt".

Basierend auf dem Forschungsprojekt "Heilige Räume der Moderne", 2014 am Kunsthistorischen Institut der Universität Zürich von Professorin Anna Minta begonnen und nun an der KU Linz fortgesetzt, thematisierte die interdisziplinäre Tagung "Raumkult - Kultraum. Architektur und Ausstattung in (post)traditionalen Gemeinschaften" das Verständnis vom tradierten Kultraum als Manifestation von Transzendenz- und Gemeinschaftsvorstellungen, das gegenwärtig im Umbruch begriffen scheint. "Architektur und Städtebau sind Raumkünste, die als ästhetische Praxis Lebens- und Handlungsräume gestalten", skizzierte Anna Minta einleitend. "Auratische Orte, Heilige Orte oder Kultorte heben sich aus solchen alltäglichen Ordnungsstrukturen heraus. Es sind symbolisch verdichtete, interpretierte und codierte Räume, die besondere Bedeutung für die Gemeinschaft besitzen. Als Raum sozialer Praxis und sozialer Differenzierung tragen sie zur Stiftung distinktiver Gemeinschaften und ihrer kollektiven Identität bei", so Anna Minta. Aus kunst- und architekturhistorischer Perspektive standen die räumlichen Manifestationen heiliger bzw. auratischer Raumcodierungen und die künstlerische Konkretion solcher Deutungsmuster in Architektur, Städtebau und Denkmalpflege im Zentrum der Betrachtung.

Alternative Konzepte der Vergemeinschaftung, die häufig religiöse Referenzsysteme inkorporieren, entwickeln heute in (post)traditionalen Gesellschaften weitreichende mobilisierende Kräfte. Neue auratische Räume werden zu soziokulturellen Orten der Gemeinschaft und entstehen durch unscharfe Grenzen zwischen Kategorien wie Nation und Politik, Geschichte und Kultur, Religion oder Freizeit.

Der Soziologe Joachim Fischer verfolgte in seinem Eröffnungsvortrag zur „Gebauten Welt: Architektur als Interphänomenalität“ einen kommunikationstheoretischen Ansatz, bei dem er das Verhältnis städtischer Baukörper zueinander und deren Wirken auf den Menschen thematisierte.

Raumkult. Auratische Orte der Gemeinschaftsstiftung.

Der zweite Tag widmete sich, eingeleitet und moderiert von Julia Rüdiger, neukonstituierten Kulträumen in ihren ideologischen Konzeptionen im 20. und 21. Jahrhundert. Die ersten beiden Vorträge des Architekturhistorikers Klaus Tragbar und Kunsthistorikerin Lena Prents thematisierten Kulträume in faschistischen bzw. sozialistischen Systemen und deren aus dem tradierten Sakralraum abgeleitete Inszenierungsstrategien. Architektin Marion Starzacher stellte das "Konzept der Leere" als einen gedachten Raum vor, dessen Beschaffenheit von der Vorstellungskraft abhängt und beispielsweise im Internet zu finden ist. Bauen ist als Gestaltung von Gemeinschaft zu verstehen, so auch bei japanischen Hochzeitskapellen, über die Beate Löffler sprach. Diese Räume adaptieren zwar westliche Vorbilder und Rituale im Kontext des Heiratens, blenden jedoch den christlichen liturgischen Kontext aus. Die kunst- und architekturhistorische Perspektive beleuchteten auch die nächsten Vorträge, die von Tina Zürn moderiert wurden: Mit dem Chichu Art Museum, Japan, stellte Linda Schiel einen Museumsbau vor, dessen ritualisierte Wegeführung zu einer auratischen Aufladung des architektonischen Konzepts führt. Ebenfalls im Bereich des Profanen angesiedelt sind Bibliotheksbauten, die, so Maxi Schreiber in ihrem Vortrag "Bildungsideale und Bibliotheksarchitektur im transatlantischen Dialog", durch eine monumentalisierende Architektur ein Bildungsideal ausdrücken können. Nach der Mittagspause führte Jörg Matthies durch den Linzer Mariendom, um die im November 2017 abgeschlossene Neugestaltung des Altarraums zu besichtigen. Der Abendvortrag von Brigitte Sölch, "Stadt und Museum. Partizipative Forumsvisionen der 1950er bis 1970er Jahre", widmete sich der Transformation der Forumsidee im Zuge der architektur- und städtebaulichen Debatten der Nachkriegsära.

Kultraum: Sakralbau und seine Verheutigung.

Der dritte Tag war dem Sakralbau und dessen Verheutigung gewidmet und wurde von Maximiliane Buchner eingeführt und moderiert. Die Kunstwissenschafterin Irene Nierhaus konzentrierte sich in ihrem Beitrag "WOHNraum Kirche? Schnittstelle zwischen ästhetischen Praktiken des Alltäglichen und des Sakralen" auf die Frage, wie sehr ein sakraler Raum mittels gestalterischer Interventionen von Laien angeeignet und damit individuellen Bedürfnissen angepasst werden dürfe oder ob damit eine „Verwohnzimmerung“ des Kirchenraums drohe. Die Religionswissenschaftlerin Veronika Eufinger aus Bochum thematisierte aktuelle Citykirchenprojekte, die sie als "Räume urbaner kirchlicher Präsenz zwischen Anpassung und Abgrenzung säkularer Umwelten" versteht. Anschließend stellte Kunsthistorikerin Annegret Kehrbaum anhand der temporären Rauminstallation "Lichtungen" der Künstlerin Elke Maier, die 2017 in der Kulturkirche Markuskirche Hannover gezeigt wurde, die Möglichkeit eines Transzendenzerlebens mittels zeitgenössischer Kunst vor.

Bei der abschließenden Podiumsdiskussion antwortete Annegret Kehrbaum auf die Frage, ob man Kunst auch als Möglichkeit der Selbsttranszendenz sehen könne, dass Schnittmengen zwischen beiden Welten zu finden seien, um mittels zeitgenössischer Kunst einen Anschluss an die Gesellschaft zu finden. Für Bischof Manfred Scheuer ist vor allem der Kontext entscheidend, in dem Glauben sich entfaltet und in dem Kunst platziert ist. In der Diözese Linz sind die meisten Kunstwerke in Kirchen und nicht in Museen zu finden. Der Mariendom beispielsweise, dessen Grundsteinlegung in einer Zeit des Kulturkampfes und der antiklerikalen Stimmung erfolgte, ist ein Raum mit verschiedenen Funktionen, die auf unterschiedliche Weise zur Öffnung mittels Kunst einladen. Mit der jüngst erfolgten Umgestaltung des Altarraums verbindet sich eine Sichtbarmachung der historischen Raumgestaltung und damit auch ein Anknüpfen an die ursprüngliche Intention der Errichtung.

Angesichts der steigenden Zahl nicht mehr genutzter Kirchen plädierte die evangelische Theologin und Kunsthistorikerin Karin Berkemann für eine zeitweise Abgabe christlicher Kulträume an andere Zwecke, um den Raum als kulturelles Erbe zu erhalten und prospektiv bei einer sich ändernden Situation wieder in Betrieb nehmen zu können. Architekt Christian Kühn nahm die gegenwärtig in Wien geführte Diskussion um die Schaffung eines barrierefreien Zugangs zur denkmalgeschützten Wotruba-Kirche zum Anlass, um die Frage aufzuwerfen, wie viel Intervention möglich sei, um die Nutzungsmöglichkeiten eines Kirchenbaus den Anforderungen der Gegenwart anzupassen und dabei dem Denkmalcharakter trotzdem gerecht zu werden. Auf eine Frage aus dem Publikum, welche Rolle der Autonomiebegriff von Kunst im kirchlichen Kontext spiele und ob auch Kunstschaffende mit einer kritischen Position gegenüber der Institution gezeigt würden, erzählte Jesuitenpater Georg Maria Roers SJ, dass in St. Thomas von Aquin auch KünstlerInnen eingeladen würden, die eine provokative Position einnehmen. Generell sei man gefordert, gegen Tendenzen wie die der "Verwohnzimmerung" von Kirchen mittels eines Bildungsprozesses anzusteuern.

Die Beiträge und Diskussionen des Tages machten einmal mehr deutlich, dass Kirchenräume als öffentliche Räume einem kontinuierlichen Aneignungsprozess unterliegen, in dem alle AkteurInnen mit gegenseitigem Verständnis und Respekt vor dem Sakralraum agieren. Dabei gilt es auch, Mut zum Experiment und Offenheit für das Neue zu erproben.

Die Tagung des Instituts für Geschichte und Theorie der Architektur wurde organisiert von Univ.-Prof. Dr. Anna Minta, Dr. Maximiliane Buchner, Ass.-Prof. Dr. Julia Rüdiger und Dr. Jörg Matthies.

5.4.2018/he

Podiumsdiskussion. Von li.: Univ.-Prof. Dr. Anna Minta, Prof. DI Dr. Christian Kühn, Dr. Karin Berkemann, Georg Maria Roers SJ, Bischof Dr. Manfred Scheuer, Dr. Annegret Kehrbaum.

Podiumsdiskussion. Von li.: Univ.-Prof. Dr. Anna Minta, Prof. DI Dr. Christian Kühn, Dr. Karin Berkemann, Georg Maria Roers SJ, Bischof Dr. Manfred Scheuer, Dr. Annegret Kehrbaum.

Von li.: Luise Malcolm MA, Dr. Jörg Matthies, Ass.-Prof. Dr. Julia Rüdiger, Univ.-Prof. Dr. Anna Minta, Dr. Maximiliane Buchner.

Von li.: Luise Malcolm MA, Dr. Jörg Matthies, Ass.-Prof. Dr. Julia Rüdiger, Univ.-Prof. Dr. Anna Minta, Dr. Maximiliane Buchner.