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Nachruf Prof. Wilhelm Lütterfelds (31.10.1943 – 11.10.2018).

Am 11. Oktober 2018 ist Univ.-Prof. em. Dr. Wilhelm Lütterfelds verstorben. Seit 2012 war er als Honorarprofessor bei uns im Haus tätig, zuvor nahm er vier Jahre lang Lehraufträge im Fachbereich Philosophie wahr: Dadurch gestaltete er unser Lehrangebot über zehn Jahre hinweg nicht nur mit, sondern bereicherte es wesentlich. Den Aus- und Umbau der KU Linz verfolgte er mit großem Interesse.

Univ.-Prof. em. Dr. Wilhelm Lütterfelds (†).
Univ.-Prof. em. Dr. Wilhelm Lütterfelds (†).

Aufgrund schwerer Krankheit konnte Prof. Wilhelm Lütterfelds im Sommersemester 2018 seiner Lehrtätigkeit, an der ihm so viel lag, nicht mehr nachgehen. Mit Ende August beendete er gemäß Vertrag seine Honorarprofessur. Letzte Woche ist er gestorben.

Mit seiner profunden philosophischen Bildung und mit seinen Schwerpunkten sowohl in der klassischen deutschen Philosophie - von Kant bis Hegel - als auch in der Philosophie des 20. Jahrhunderts - mit besonderem Gewicht auf Wittgenstein und die Analytische Philosophie - war er eine namhafte und renommierte Persönlichkeit in seinem Fach. Darüber hinaus war er ein begeisterter und überaus erfahrener Lehrender. Die Zusammenarbeit mit ihm war völlig unkompliziert und der fachliche Austausch mit ihm immer anregend und motivierend.

Wilhelm Lütterfelds wurde am 31.10.1943 in Glehn (Nordrhein-Westfalen) geboren. Nach dem Besuch des Humanistischen Gymnasiums nahm er 1963 die Studien der Philosophie, Katholischen Theologie und Pädagogik zuerst in Bonn auf, um sie in München und Tübingen fortzusetzen. 1969 legte er das Staatsexamen ab, 1974 wurde er in Tübingen zum Doktor der Philosophie promoviert (Titel der Dissertation: "Kants Dialektik der Erfahrung").

Eine Assistentenstelle hatte ihn in der Zwischenzeit nach Wien geführt, wo er sich 1980 mit der Arbeit "Private Sprache und Bewusstsein" habilitierte. 1985 wurde er zum ordentlichen Professor für Philosophie an die Universität Passau berufen. Viele Initiativen aus dieser Zeit machen deutlich, wie sehr Prof. Lütterfelds für sein Fach und dessen Etablierung bis zu seiner Emeritierung, die 2009 erfolgte, engagiert war.

Grundsätzlich kann als kennzeichnend für sein Denken herausgehoben werden, dass ihm beständig daran gelegen ist, Gegenwart und Tradition zu vermitteln und ins Gespräch zu bringen. Sowohl die grundlegenden theoretischen wie praktischen Themen gegenwärtiger philosophischer Diskussionen wurden von den Klassikern her beleuchtet und transparent gemacht, als auch umgekehrt: Aus der Optik gegenwärtiger Positionen heraus wurden die großen Klassiker neu erschlossen und hinsichtlich aktueller Fragestellungen zur Sprache gebracht.

Im Besonderen wird der Name Lütterfelds mit folgendem Anliegen verbunden bleiben: Im Laufe des 20. Jahrhunderts entwickelte sich eine Trennung zwischen Analytischer Philosophie (wie sie Anfang des 20. Jahrhunderts entstand, herkommend von Russell, Carnap, dem Wiener Kreis) – orientiert an formaler Logik und dem Empirismus – und der sog. Continental Philosophy (womit die kontinentaleuropäische Tradition grosso modo gekennzeichnet wird). Diese rigide Trennung, die die gesamte Philosophie seit dem 20. Jahrhundert bis heute in zwei teilweise geradezu feindliche Lager zu teilen scheint, nahm Wilhelm Lütterfelds nicht einfach als gegeben hin, sondern bearbeitete sie kritisch. Mit dieser Positionierung hat sich Prof. Lütterfelds gewissermaßen, wie er schmunzelnd einmal meinte, zwischen alle Stühle gesetzt. Er war – dies kann man ohne Übertreibung sagen – einer der wenigen Denker, der mit diesen beiden, entgegengesetzten Strömungen gründlich vertraut war und es unternahm, diese in unverkürzter Weise miteinander ins Gespräch zu bringen, Konvergenzen auszumachen, kritische Differenzen zu markieren und weiterzudenken. Darum hat er sich – wie seine eindrucksvolle Publikationsliste belegt – in den letzten Jahrzehnten in Forschung und Lehre bemüht. Den Grundstein dazu legte er in seiner monumentalen Studie "Fichte und Wittgenstein. Der thetische Satz" (1989). Dieses Buch gilt als Standardwerk in diesem Forschungsfeld.

Die eindrucksvolle Publikationstätigkeit verschaffte Wilhelm Lütterfelds große Anerkennung in seinem Fach. Neben den Monographien sind mehrere Herausgeberschaften von Werken zu verzeichnen, die in den behandelten Themen erneut sichtbar machen, wie sehr hier das Fach in seiner ganzen Breite Berücksichtigung fand. Als Mitbegründer und –herausgeber der "Wittgenstein-Studien" zeichnete Lütterfelds verantwortlich für eine der maßgebenden Publikationsreihen der Wittgensteinforschung, wodurch sein Rang als herausragender Wissenschafter in diesem Forschungsfeld deutlich wird. Dieser Eindruck wird noch verfestigt bei der Durchsicht der über 100 Aufsätze und Lexikonbeiträge zu allen Bereichen der Philosophie. Dabei ist hervorzuheben, dass viele dieser Arbeiten in exzellenten Publikationsorganen des Faches, sei es Zeitschriften, Reihen oder Lexika, erschienen sind.

Ein eindrucksvolles Zeugnis für die Ernsthaftigkeit und Kompetenz, sich mit gegenwärtigen Ansätzen und Themen der Philosophie auseinanderzusetzen, gibt seine Aufsatzsammlung "Das Erklärungsparadigma der Dialektik" (2006). Hier wird die Aktualität und Leistungsfähigkeit der Dialektik in mehrfacher Hinsicht in Konfrontation mit der Philosophie des 20. Jahrhunderts und der Gegenwartsphilosophie aufgezeigt: etwa mit Gadamer, Adorno, Derrida.

Als Lehrender verfügte er über große Erfahrung und ein besonderes Geschick, Studierende in das philosophische Fragen geradezu hineinzuziehen. Es gibt nicht wenige Studierende an der KU, die – während ihrer Zeit an der Universität – so gut wie alle Lehrveranstaltungen besuchten, und für Viele war es ausgemacht, jedenfalls einmal im Laufe Ihres Studiums bei Lütterfelds zu hören.

Das Fach hat einen renommierten Vertreter verloren. Wer mit ihm zusammenarbeiten konnte, hat den Verlust eines aufmerksamen und sachlich stets fordernden Kollegen zu beklagen.

Michael Hofer

Der Trauergottesdienst findet am Samstag, dem 20. Oktober 2018, um 10:30 Uhr in der Pfarrkirche St. Peter mit anschließender Beisetzung am Friedhof Passau-Haidenhof statt.

18.10.2018/he

Univ.-Prof. em. Dr. Wilhelm Lütterfelds (†).

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