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Maximilian Aichern-Vorlesung: A. Bohmeyer zum Thema Inklusion.

Im Rahmen der diesjährigen Gastvorlesung des Studien- und Forschungsschwerpunkts Wirtschaft – Ethik – Gesellschaft referierte Prof. Dr. Axel Bohmeyer, Professor für Erziehungswissenschaften und Vize-Präsident der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin, im Oktober 2018 an der Katholischen Privat-Universität Linz zum Thema "Inklusion als gesellschaftspolitisches und sozialethisches Paradigma".

Prof. Dr. Axel Bohmeyer, Berlin.
Prof. Dr. Axel Bohmeyer, Berlin.

Inklusion hat sich zum einen als Schlagwort etabliert, ist zum anderen aber für viele Bereiche des politischen und gesellschaftlichen Lebens zu einer wichtigen Orientierung geworden. Vor allem im Hinblick auf das Leben von Menschen mit Behinderungen in unserer Gesellschaft hat sich damit ein wichtiger Wandel vollzogen. Zwar wurde schon seit den 1970er Jahren dem Phänomen Behinderungen zunehmend Aufmerksamkeit geschenkt. Etabliert aber hat sich zunächst ein Fürsorgesystem, das Menschen mit Behinderung überwiegend separierte, indem es für sie eine – wohlwollend fürsorgliche und einhegende – Sonderbehandlung realisierte. Besondere Schulen für „behinderte Menschen“ und „Werkstätten für behinderte Menschen“ breiteten sich aus. Aber es breitete sich auch zunehmend die Einsicht aus, dass Behindertenpolitik nicht am Individuum ansetzen sollte, sondern an der Gesellschaft und an den äußeren Bedingungen, in denen Menschen leben – schon lange, bevor der Slogan „Behindert ist man nicht, behindert wird man“ populär wurde. Vor allem mit dem Übereinkommen der Vereinten Nationen vom 13. Dezember 2006 über die Rechte von Menschen mit Behinderungen wurde dann ein sowohl sozial- als auch gesellschaftspolitischer Paradigmenwechsel erklärt: weg von einer „integrierenden“ Politik der Fürsorge, die Defizite von Menschen mit Behinderung ausgleichen soll, hin zu einer inklusiven Politik der Autonomie, die eine Gesellschaft bzw. ein politisches Gemeinwesen so gestaltet, dass Menschen mit Beeinträchtigung selbstbestimmt und soweit möglich ohne Behinderung von außen gut leben können.

Diesen Paradigmenwechsel skizzierte Axel Bohmeyer, Professor für Erziehungswissenschaften und Vize-Präsident der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin. Bohmeyer leuchtete die sozialethischen Grundlagen des Inklusionsbegriffs ebenso aus wie die Schwierigkeiten und Ambivalenzen einer Politik der Inklusion.

Dabei besteht beileibe kein Grund zur Euphorie. Der Ausdruck „behindert“ wurde zu einem verbreiteten Schimpfwort und der Schwangerschaftsabbruch nach Trisomoe 21-Diagnose zu einem Normalfall (wie auch immer man die Statistik dreht und wendet). Und während Inklusion in weiten Bereichen der Politik zur prägenden sozialpolitischen Orientierung wurde, hat sich im Bildungsbereich, in dem sich „Behindertenpolitik“ und Bildungspolitik überschneiden, eine scharfe Debatte über die gemeinsame Beschulung von Kindern mit und ohne kognitive Beeinträchtigung entwickelt. Und außerhalb jener Bereiche, die sich intensiv mit dem Phänomen „Behinderung“ befassen, ist bisweilen kaum ein Bewusstsein davon vorhanden, was unter Inklusion – im Unterschied etwa zu Normalisierung und Integration – zu verstehen ist. Insoweit bot die Maximilian Aichern-Vorlesung auch die Möglichkeit, die Vorstellung davon zu schärfen, was Inklusion überhaupt bedeutet. Über die Entwicklung von der Normalisierung über die Integration zur Inklusion, über notwendige Differenzierungen innerhalb einer Ethik der Inklusion sowie nicht zuletzt über die präzise Abgrenzung eines normativen Inklusionsbegriffs von einem deskriptiven (systemtheoretischen) Inklusionsbegriff informierte Axel Bohmeyer gut 20 Studierende beider Fakultäten der Katholischen Privat-Universität Linz.

Das Ziel einer inklusiven Ethik und Politik sei, so Bohmeyer, die Ermöglichung weitreichender gesellschaftlicher Teilhabe aller Menschen, unabhängig von ihrer individuellen Ausstattung. Inklusion nimmt dabei nicht die Form des gütigen Mitleids oder der fürsorglichen Zuwendung an, sondern respektiert die personale Autonomie in unterschiedlichen Lebensformen, betont Teilhabeansprüche und nicht zuletzt auch die besonderen Leistungen von Menschen mit Beeinträchtigungen. In dieser Hinsicht konnte die KU Linz mit der Maximilian Aichern-Vorlesung 2018 nicht nur ein wertvolles Studienangebot präsentieren, sondern auch ein wichtiges gesellschaftspolitisches Signal senden.

Maximilian Aichern-Vorlesung. Seit dem Studienjahr 2003/2004 findet im Rahmen des Studien- und Forschungsschwerpunktes Wirtschaft – Ethik – Gesellschaft jährlich eine Gastvorlesung statt. Der Name „Maximilian Aichern-Vorlesung“ drückt das Grundanliegen der Gastvorlesung aus, für das Bischof Maximilian Aichern stets glaubwürdig und engagiert eingetreten ist: die Auseinandersetzung mit den Herausforderungen und Möglichkeiten einer christlich-sozialen Gestaltung der Gesellschaft. Das Ziel der Vorlesung ist einerseits die Auseinandersetzung mit jeweils einem profilierten und inspirierenden aktuellen Ansatz der Sozial- und Wirtschaftsethik. Andererseits verfolgt die Gastvorlesung die direkte Beschäftigung mit den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften und ihren Fragestellungen, Methoden und Erkenntnissen. 

7.11.2018/Christian Spieß/he

Maximilian Aichern-Gastvorlesung 2018 mit Prof. Dr. Axel Bohmeyer, Katholische Hochschule für Sozialwesen Berlin.

Von li: Univ.-Prof. Dr. Christian Spieß, Leiter des Johannes Schasching SJ-Instituts, mit dem Gastreferenten Prof. Dr. Axel Bohmeyer, Berlin.

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