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Internationale Tagung katholischer NeutestamentlerInnen in Linz.

Von 8. bis 12. April 2019 fand in Linz die Tagung der Arbeitsgemeinschaft Katholische NeutestamentlerInnen (AKN) statt. 75 NeutestamentlerInnen aus dem deutschen Sprachraum trafen sich zum fachlichen Austausch. Das Thema der von den Linzer Neutestamentlern unter Leitung von Prof. Christoph Niemand organisierten Tagung lautete: "Die historische Rückfrage in der neutestamentlichen Exegese. Quellen, Methoden, Konfliktfelder".

In der Bibelwissenschaft war seit der Aufklärung die historisch-kritische Methode leitend. Der "linguistic turn" und sozial- und kulturwissenschaftliche Betrachtungsweisen brachten seit den 1970er-Jahren einen Paradigmenwechsel. Die Exegese des Neuen Testaments versteht sich nicht mehr als primär historische Wissenschaft. Dennoch wird von ihr immer noch erwartet, eine solide Basis-Erzählung von den normativen Anfängen des Christentums anzubieten. Angesichts der Neuorientierungen in den Geschichtswissenschaften muss diskutiert werden, was an "historischer Rückfrage" die neutestamentliche Bibelwissenschaft sich in ihrem Theorie- und Methodendiskurs derzeit selbst zutrauen kann und wie belastbar aktuell die diesbezüglichen Ergebnisse sind.

Gerd Häfner, Professor für Biblische Einleitung an der Universität München und Vorsitzender der AKN, führte mit Hinweis auf die Ansätze der Rekonstruktion des historischen Jesus und des "erinnerten Jesus" in den Problemhorizont ein. Claudia Tiersch, Professorin für Alte Geschichte an der Humboldt-Universität Berlin, stellte mit ihrem Vortrag die grundsätzliche Frage nach geschichtlicher Erkenntnis und gab Einblicke in die Methodendiskussionen in der Geschichtswissenschaft in Historismus, Nachkriegszeit, Postkolonialismus und Postmoderne. Sandra Huebenthal, Professorin für Exegese und Biblische Theologie in Passau, lotete in ihren Ausführungen "Evangelium, Erinnerung und der Historische Jesus" Nuancen in den Begriffen "Erinnerung" und "Gedächtnis" im Anschluss an Matthias Berek und Aleida Assmann aus und stellte in einer Momentaufnahme das Erinnerungsparadigma in der Neutestamentlichen Exegese dar, vor allem die Ansätze des "erinnerten Jesus" (Jesus Remembered) und die kulturwissenschaftliche Lektüre des Neuen Testaments, der neutestamentliche Texte als Ausdruck kollektiver Gedächtnisse gelten. Bernd Heininger, Professor für Neutestamentliche Exegese an der Universität Würzburg, zeigte in seinem Vortrag "Bruta facta der Zeitgeschichte?" die Bedeutung von Inschriften im Rahmen der historischen Rückfrage auf. Drei Fallbeispiele – das Bürgerrecht des Paulus und der Prozess vor Gallio, die Adressaten des Kolosserbriefes und die These von der Spätdatierung der Johannesoffenbarung – illustrierten, dass Inschriften keine "bloßen Fakten" sind, sondern der Interpretation aufgrund von Fundkontext, Datierung und Inschriftengattung bedürfen. Karlheinz Ruhstorfer, Professor für Dogmatik an der Universität Freiburg im Breisgau, thematisierte die Bedeutung historischer Urteile für die systematische Theologie: "Wahrheit der Geschichte und Geschichte der Wahrheit: Wie Jesus von Nazaret als Grund der Dogmatik gedacht werden kann". Ruhstorfers Fazit: Begegnung mit Jesus Christus könne in einem Geviert der Wahrheit stattfinden, das von den Eckpunkten Bibel, rationale Interpretation in der Tradition, historische Rekonstruktion Jesu und Symbol bzw. Zeichencharakter der Welt bestimmt wird.

Neben den Hauptvorträgen im Hotel Kolping setzten sich auch Seminargruppen mit dem Tagungsthema auseinander: Flavius Josephus – Einblicke in die Welt des Neuen Testaments mit den Augen eines jüdischen Geschichtsschreibers (Thomas Johann Bauer, Erfurt); Die Gegner fragen? Konfliktgeschichtliche Zugänge zur neutestamentlichen Briefliteratur zwischen rekonstruktivem Optimismus und methodologischer Skepsis (Wolfgang Grünstäudl, Wuppertal); Erinnerung an den irdischen Jesus in den Ostertexten. Geschichtstheoretische und literaturtheoretische Überlegungen (Josef Pichler, Graz). Ein Tagungsband mit den Hauptvorträgen und Ergebnissen der Seminargruppen wird in der Reihe "Quaestiones disputatae" im Verlag Herder publiziert.

Das abwechslungsreiche kulturell-spirituelle Rahmenprogramm umfasste einen geführten Altstadtrundgang, eine Führung durch den Mariendom und ein Konzert mit Domorganist Wolfgang Kreuzhuber und dem Vokalensemble der Dommusik unter Leitung von Domkapellmeister Josef Habringer, eine Eucharistiefeier mit Bischof Manfred Scheuer in der Kapelle des Priesterseminars, einen Abendvortrag von Andreas Schmoller (Leiter des Franz und Franziska Jägerstätter-Instituts) "... doch er hat mich immer wieder geschlagen mit der Schrift. Die Relevanz biblischer Diskurse bei Franz Jägerstätter" und einen abendlichen Empfang des Bischofs an der Katholischen Privat-Universität Linz. Den Abschluss der Tagung bildete eine zeitgeschichtliche Stadtrundfahrt "Von den ehemaligen Hermann Göring-Werken in den Deep Space" mit Besuch des Zeitgeschichtlichen Museums der VOEST und einer Präsentation der Hallstätter Flügelaltäre durch Michael Zugmann im Deep Space des Ars Electronica Centers.

15.04.2019/Michael Zugmann/sm

Tagung der Arbeitsgemeinschaft Katholischer NeutestamentlerInnen 2019 in Linz.

AKN-Tagung: Von li.: Bischof Dr. Manfred Scheuer, Univ.-Prof. Dr. Gerd Häfner (LMU München, Vorsitzender AKN), Rektor Univ.-Prof. Dr. Franz Gruber (KU Linz), Dr. Andreas Schmoller (Leiter des Franz und Franziska Jägerstätter Instituts), Univ.-Prof. Dr. Christoph Niemand (KU Linz).

Abendvortrag: Dr. Andreas Schmoller, Leiter des Franz und Franziska Jägerstätter Instituts.

Abendvortrag: Dr. Andreas Schmoller, Leiter des Franz und Franziska Jägerstätter Instituts.