Schrift:
A
A+
A++
Kontrast

Interdisziplinäre Exkursion nach Ravenna: Kirchenbau und Liturgie.

Die Institute für Liturgiewissenschaft und Sakramententheologie und für Geschichte und Theorie der Architektur veranstalteten von 31. März bis 5. April 2019 eine interdisziplinäre Exkursion nach Ravenna zum Thema "Kirchenbau in Oberitalien: Architektur und Liturgie".

Auf der gemeinsamen Exkursion des Instituts für Liturgiewissenschaft und Sakramententheologie, Dr. Florian Wegscheider, mit dem Institut für Geschichte und Theorie der Architektur, Univ.-Prof. Dr. Anna Minta und Ass.-Prof. Dr. Julia Rüdiger, traten die Studierenden der Theologie und der Kunstwissenschaft in einen intensiven transdisziplinären Austausch über die Inhalte, Programmatik und Wirkmacht sakraler Architektur sowie ihrer bildhaften und liturgischen Ausstattungsprogramme. Ravenna – als spätantike-frühchristliche Kontaktzone ost- und weströmischer Architektur-, Kunst- und Liturgieentwicklungen – erwies sich als herausragendes Beispiel, um künstlerische Aushandlungsprozesse und liturgisch-dogmatische Durchsetzungsbemühungen zu studieren.

Nach der offiziellen Anerkennung des Christentums durch Kaiser Konstantin nach 312 und der Erhebung des Christentums zur Staatsreligion unter Theodosius I. entstand ein Bedarf nach geeigneten Kirchenräumen und Bildprogrammen. Ravenna als Residenzstadt (402-476) der weströmischen Kaiser und wichtige Hafenstadt auch unter den Goten und der späteren oströmischen Herrschaft kam der Entwicklung und Konsolidierung von liturgischen und ikonografischen Vorstellungen eine wichtige Rolle zu. Angeleitet durch Referate sowohl zu den Schlüsselbauten wie Sant‘Apollinare Nuovo (um 500, Umgestaltung der Mosaikprogramme um 560), Sant‘Apollinare in Classe (um 550) und San Vitale (Weihe 547) als auch zu übergreifenden Themen wie zur Christus-Ikonografie im Frühchristentum oder zum Amtsverständnis der Alten Kirche analysierte die Gruppe die Bauten und Mosaike. In lebhaften Diskussionen konnten die unterschiedlichen Einflüsse im politischen und konfessionellen Schmelztiegel Ravenna herauskristallisiert und kritisch reflektiert werden. 

Vor der Konsolidierung des Christentums waren Liturgie, innerkirchliches Machtgefüge und gesellschaftliche Rolle einem starken Verhandlungsprozess ausgesetzt, der sich in den Bildprogrammen und den Bauformen spiegelt. Eindrücklich wurde dies am Apsismosaik von Sant‘Apollinare in Classe, das in einer komplexen Kombination die transfiguratio Domini mit einer Darstellung des ravennatischen ersten Bischofs und Märtyrer verknüpft und so eine direkte Sukzession von Christus über den Heiligen Apollinaris zum amtierenden Bischofs suggeriert.

Die Notwendigkeit des ravennatischen Metropolitensitzes, sich innerhalb der wechselnden weltlichen Herrschaft zu positionieren, wurde besonders deutlich am Beispiel von San Vitale, wo die Architektur aktuellste Entwicklungen der oströmischen Bautätigkeit (Hagios Sergios und Bakchus und Hagia Sophia) reflektiert und die Mosaiken dem fernen Kaiser huldigen.

Der Vergleich der Reliefs erhaltener Sarkophage machte nachvollziehbar, wie herausfordernd die Position Ravennas zwischen oströmischer und weströmischer Herrschaft war und wie hier Ikonografien miteinander verschmolzen. Auch wurde an den Sarkophagen besonders deutlich, wie Bildtraditionen aus römischer Zeit übernommen und sukzessive mit christlichen Inhalten ergänzt wurden, bevor sich eine eigene christliche Sarkophag-Kunst und Grabkultur etabliert hatten. Variationen – Abweichungen, Innovationen und Rückgriffe – blieben immer bestehen. Beeindruckte das Mausoleum Theodorichs (um 520) durch seine Monumentalität und die akkurat gehauenen Großquader, entfaltete das kleinere sog. Mausoleum der Galla Placidia (um 430) seine Pracht innen in den Gewölben und der Kuppel durch glanzvolle Mosaiken, die ein goldenes Kreuz im Sternenzelt, Christus als Guten Hirten, Apostel und Heilige etc. zeigen. Auch das Christus-Bild, das zeigen die Mosaiken und Malereien in den Kirchen Ravennas, oszilliert in den Mosaiken zwischen jungem bartlosen und wunderwirkenden Jesus und einem älteren, bärtigen Allherrscher. Die Passion und Präsentationen eines leidenden Christus sind hingegen in dieser frühchristlichen Ikonografie nicht zu entdecken.

Die schrittweise Abgrenzung von paganen Kulten und zugleich die Durchsetzung christlicher Liturgie und Inhalte ließ sich an den Kuppelmosaiken der zwei Baptisterien erkennen. Während im Arianischen Baptisterium die Taufszene von einer großfigurigen Flussgottheit Jordan begleitet wird, rückt diese Figur im Kuppelmosaik im Kathedralbaptisterium des Bischofs Neon in den Hintergrund.

Zugleich kann man in den monumentalen Bauten mit ihrer jeweiligen prachtvollen Ausschmückung die existenzielle Bedeutung der Taufliturgie für den christlichen Glauben erkennen. Die Vorstellung, dass Täuflinge gleichsam mit Christus begraben und auferstehen werden, wurde in architektonischer und ikonografischer formvollendeter Weise inszeniert. Veränderte Taufliturgien (von der Immersionstaufe zum Übergießen als Taufritual) zogen räumliche Konsequenzen wie den Wegfall großer Taufbecken nach sich.

Insbesondere die gemeinsame Auseinandersetzung mit den Kunstwerken mit Anleitung durch die Lehrenden beider Institute mache den besonderen Wert einer solchen Exkursion aus, betonte der Theologie- und Kunstwissenschaft-Student Christian Huber. Dadurch gelang ein fruchtbarer transdisziplinärer Austausch über die Methoden und Perspektiven der benachbarten Fachbereiche, der das Wissen um das kulturelle und religiöse Erbe enorm bereichert.

Zugleich bildet dieses Wissen die zentrale Grundlage für das Verständnis der bis heute gelebten Kultur und Religion. Exkursionen, so der Konsens in der Gruppe, sind ein herausragendes Lehrveranstaltungsformat, um text- und bildbasiertes Wissen vor Ort und am Objekt zu überprüfen und in diskursiver Weise neu anzueignen. In der "communio" lernt und lebt es sich besser.

16.04.2016/AM/JR/FW/sm