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Hartheimer Forschungskolloquium zur NS-Euthanasie.

Am 4. Oktober 2019 fand im Schloss Hartheim das vom Lern- und Gedenkort Hartheim und dem Franz und Franziska Jägerstätter Institut (FFJI) organisierte III. Hartheimer Forschungskolloquium zur NS-Euthanasie statt. Die Veranstaltung stellte die sechs wissenschaftlichen Beiträge des Programmes unter die Leitbegriffe "Wahrnehmungen, Reaktionen, Widerstand".

Über 70 Teilnehmer und Teilnehmerinnen besuchten die Veranstaltung, um mehr über neue teils unabgeschlossene Forschung, die von den Referenten und Referentinnen aus Österreich, Deutschland und Polen präsentiert wurde, zu erfahren.

70.000 Menschen fielen in den Jahren 1940 und 1941 der NS-Euthanasieaktion "T4" zum Opfer. Es war dies der erste industriell durchgeführte Massenmord des NS-Regimes. Widerstand seitens Angehöriger und der Kirchen trug wesentlich zum Stopp der "Aktion T4" im August 1941 bei. Die Fragen des Kolloquiums kreisten folglich vielfach um die Verwendung adäquater Begriffe einerseits und Erklärung von Handlungs- und Motivationsmustern andererseits.  

Das Kolloquium wurde mit Grußworten vom Rektor der KU Linz, Univ.-Prof. Dr. Franz Gruber und der Obfrau des Vereins Schloss Hartheim, Konsulentin Dr.in Brigitte Kepplinger eröffnet. Im ersten Beitrag widmeten sich Andreas Schmoller und Verena Lorber vom FFJI den Fragen, wie innerhalb der katholischen Kirche der Diözese Linz die NS-Euthanasie wahrgenommen wurde, welche Reaktionen sie hervorrief und wieweit es im Zusammenhang mit dem NS-Euthanasieprogramm zu Widerstandsverhalten kam. Erstmals wurde in diesem Kontext auch die moraltheologische Diskussion der Zwischenkriegszeit hinsichtlich der "Rassenhygiene" und "Zwangssterilisation" untersucht. Grundlage hierfür boten Artikel des damaligen Linzer Professors für Moraltheologie an der Theologischen Lehranstalt, Josef Grosam in der Theologisch-Praktischen Quartalschrift. Die Spurensuche in Diözesan-, Stifts- und Pfarrarchiven warf einige Schlaglichter auf wichtige Zeugnisse zur NS-Euthanasie in Oberösterreich und verdeutlichte, dass eine systematische Suche nach Quellen noch aussteht.

Der Literaturwissenschaftler Marcin Gołaszewski (Lodz) fokussierte in seinem Vortrag auf die berühmten Predigten des Bischofs von Münster, Clemens August Graf von Galen. Der Inhalt und die schnelle Verbreitung der Predigten veranlassten das NS-Regime wesentlich zur Beendigung des "T4"-Programms. Die sprachanalytische Betrachtung zeigte, dass Galen nicht ausschließlich theologisch in den Stilmitteln religiöser Sprache argumentierte, sondern auch säkulare Diskurse wie jenen des allgemeinen Rechts benutzte, um gegen die NS-Euthanasie zu protestieren. Zudem konnte anhand der Analyse der Predigt aufgezeigt werden, wie detailliert man über die Abläufe und Durchführung des NS-Euthanasie-Programms Bescheid wusste.

Boris Böhm, Leiter der Gedenkstätte Pirna- Sonnenstein präsentierte wichtige Protagonisten des protestantischen Widerstandes gegen die NS-Euthanasie. Zu diesen gehörten Lothar Kreyssig, Paul Gerhard Braune und Walter Schadeberg. Der protestantische Widerspruch setzte dabei schon 1940 kurz nach Beginn der NS-Euthanasie ein. Als Hauptproblem ihres Widerstands erkannte Böhm den Versuch, den NS-Machthabern den Protest nicht öffentlich, sondern gewissermaßen auf dem Dienstweg zu übermitteln. Damit waren sie restriktiven Maßnahmen seitens des NS-Regimes ausgesetzt, gleichzeitig war damit die Aufklärung der Bevölkerung und der Opferangehörigen verhindert.

Auf Basis eines laufenden Forschungsprojekts zu NS-Medizinverbrechen im Rhein-Sieg-Kreis differenzierte der Historiker Helmut Rönz (Bonn) das Spannungsfeld zwischen Opposition, Selbstbehauptung und Anpassung. Er plädierte dabei für einen sparsamen Gebrauch des Begriffs Widerstand im Zusammenhang mit dem Verhalten der Ärzteschaft, von kommunalen Eliten sowie der Kirchen. Unter den wenigen Einzelfällen in denen es zu Akten der Opposition kam, nannte Rönz auch ein ökumenisches Beispiel des gemeinsamen Protests von katholischen und protestantischen Dorfbewohnern und Dorfbewohnerinnen.

Josef Wallner, Theologe und Redakteur der KirchenZeitung, steuerte mit seinem Beitrag zur NS-Euthanasie-Predigt des St. Pöltener Bischofs Michael Memelauer ebenfalls bislang unbekannte Fakten und Erkenntnisse zum Forschungskolloquium bei und lieferte damit wichtige Anreize für Quellensuche und Vergleiche mit anderen Diözesen. So verwies er etwa auf prompte Verlautbarungen in Diözesanmitteilungen mehrerer Diözesen im Jahr 1940 hinsichtlich der kirchlichen Erlaubnis Urnen beizusetzen, die als unmittelbare Reaktion auf die NS-Euthanasie zu werten sind. Nicht fehlen durfte der belegte Aufenthalt von Franz Jägerstätter in Ybbs im Februar 1941. Durch einen ortsansässigen Bauern erfuhr er vom Abtransport der Pfleglinge aus der Heil- und Pflegeanstalt Ybbs und deren tragischem Schicksal. Franziska Jägerstätter betonte wiederholt, dass die NS-Euthanasie die Haltung Jägerstätters mitgeprägt hatte.

Im sechsten und letzten Vortrag richtete Irene Zauner-Leitner vom Lern- und Gedenkort Hartheim den Blick auf eine Widerstandsgruppe in Hartheim, die in mehreren Flugblattaktionen zum Sturz des NS-Regimes aufrief. Im Jänner 1945 wurden zwei Mitglieder der Gruppe, Ignaz Schuhmann und Leopold Hilgarth, zum Tode verurteilt und hingerichtet. Anhand der Gerichtsakten rekonstruierte die Referentin die Vorgänge und ordnete sie hinsichtlich ihrer Motivstruktur in einem größeren Zusammenhang ein. Zentral wurde dabei auch im Anschluss an den Vortrag die Frage diskutiert, wie weit die Erfahrung der Durchführung der NS-Euthanasie in allernächster Nähe Teil der Option Widerstand gewesen war. Zauner-Leitner argumentierte einleuchtend dafür, die Bedeutung der NS-Euthanasie für die lokale Widerstandsgruppe, die "Tür an Tür" zum Schloss Hartheim entstand, nicht als zentral handlungsmotivierend überzubewerten.

Die erste Kooperationsveranstaltung des FFJI mit dem Lern- und Gedenkort brachte spannende Einblicke in ein weiterhin nicht erschöpfend erschlossenes Themenfeld. Aus diesem Grund wird aus dem Kolloquium auch eine gemeinsame Publikation entstehen.

Programm des Forschungskolloquiums 

09.10.2019/Andreas Schmoller/sm

Dr. Andreas Schmoller, Leiter des Franz und Franziska Jägerstätter Instituts.

Dr. Andreas Schmoller, Leiter des Franz und Franziska Jägerstätter Instituts.

Zahlreiche TeilnehmerInnen konnten beim III. Hartheimer Forschungskolloquium begrüßt werden.

Zahlreiche TeilnehmerInnen konnten beim III. Hartheimer Forschungskolloquium begrüßt werden.