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Kontrast

Grand Hotel Abyss: Exkursion zum steirischen herbst 2019.

Gemeinsam mit dem Institut für Kunst in gegenwärtigen Kontexten und Medien nahmen Studierende des BA Studiengangs Kunstwissenschaft-Philosophie vom 7. bis 11. Oktober 2019 an einer Exkursion nach Graz teil, wo seit 1968 der steirische herbst als Festival für zeitgenössische Kunst stattfindet.

Der steirische herbst gibt seit 1968 einen aktuellen und stets kritischen Einblick in Positionen der zeitgenössischen Kultur, wie Musik, Theater, Literatur und bildender Kunst. Dieses Jahr stand die Schau, die sich über verschiedene Kulturinstitutionen in Graz sowie im öffentlichen Raum verteilt, unter dem Thema des "Grand Hotel Abgrund". Damit hatten das Kuratorenteam um Ekaterina Degot ein Bild des Philosophen Georg Lukács aufgenommen, der die Haltung von Künstlern und Intellektuellen während des aufkommenden Faschismus in Europa vor dem zweiten Weltkrieg kritisiert hatte. Sie hätten es sich in einer abgeschirmten Sphäre gemütlich gemacht und seien unfähig zu reagieren. Wie auch das Gespräch mit Ko-Kurator David Riff verdeutlichte, sind die Parallelen zur heutigen Zeit naheliegend: einerseits der auch in die Kultursphäre ausgreifende Rechtsruck (z.B. wurde das Archiv von Georg Lukács in Budapest durch die ungarische Regierung geschlossen); andererseits stehen den tragischen Effekten von Krieg, Migration und Klimawandel eine gesättigte Wohlstandsgesellschaft gegenüber, zu der natürlich auch der Kunstbetrieb selbst gehört. So führte die Suche nach den Figürchen von Nedko Solakov die Studierenden in diverse Lobbys luxuriöser Hotels, die sinnbildlich für den Genuss und die Komfortzone stehen, während Andreas Siekmanns Installation After Dürer im öffentlichen Raum auf historische wie gegenwärtige Verstrickungen in Prozessen der Globalisierung verwies.

Dass unter glänzenden oder idyllischen Oberflächen immer auch Verlust und Verfall lauern, zeigte sich eindrücklich in den Installationen von Oscar Murillo und Giorgi Gago Gagoshidze im Palais Attems, einem der vielen äußerst gut erhaltenen Rokoko-Paläste in Graz. Und auch die im benachbarten Museum für Geschichte stattgefundene Theater-Prämiere nach Vladimir Sorokins Manaraga – Tagebuch eines Meisterkochs konterkarierte in einem Prunkraum ein post-apokalyptisches Jet-Set Leben, wo die letzten Bücher als Grillkohle verwendet werden.

Besonders lebhaft und kontrovers wurden die Diskussionen immer dann, wenn historische Bezugspunkte, insbesondere der österreichischen Geschichte im Fokus der Arbeit standen: so bei Eduard Freudmanns pinker Verpackung des sogenannten "Befreiungsdenkmal" zum Gedenken an den Wegzug der alliierten Truppen 1955, Riccardo Giacconis Thematisierung des Südtiroler "Option" oder auch bei der Podiumsdiskussion zur Umbenennung von Straßennamen, die noch heute an die nationalsozialistische Vergangenheit Österreichs erinnern. Dieses Thema stand auch im Vordergrund beim Besuch der Prenninger Gärten außerhalb von Graz, die während des zweiten Weltkriegs ein Zufluchtsort für KünstlerInnen und Intellektuelle waren. Dort lud der renommierte Medienkünstler Joachim Baur zu Gespräch und Auseinandersetzung ein und führte durch eine Open Air-Ausstellung mit Skulpturen im Exil. Davon musste eine durch die Gruppe selbst aufgepumpt werden, im Gedenken daran, dass Demokratie einen langen Atem braucht.

Durch die intensive Analyse der Studierenden ist es immer wieder gelungen, Zugang zu äußerst komplexen Positionen zu finden, die auch die ganz großen Fragen der Kunstgeschichte aufwarfen, wie dem Verhältnis von Kunst, Politik und Philosophie; oder durch welche Bilder und Quellen Geschichte entsteht oder Heimat konstruiert wird. Entstanden ist dabei eine Literaturliste, welche die vielen Bezugspunkte des Festivals versammelt, darunter Verweise auf literarische Werke, die sich mit dem Grand Hotel Abyss vergleichen lassen, wie das Dekameron von Giovanni Boccaccio oder Thomas Manns Zauberberg. Zum Abschluss erlaubte uns die aufmerksame Betreuung durch das Festival-Team einen intensiven Einblick in ihre Organisation und Kunstvermittlung. So ergab sich ein berufspraktischer Bezug zu einem der Schwerpunkte des Institutes.

21.10.2019/Ilaria Hoppe/sm

Installation von Oscar Murillo  im Palais Attems.

Installation von Oscar Murillo im Palais Attems.

Besuch der Installation von Riccardo Giacconi im Grazer Kunstverein.

Besuch der Installation von Riccardo Giacconi im Grazer Kunstverein.

Gespräch mit Joachim Baur in den Prenninger Gärten.

Gespräch mit Joachim Baur in den Prenninger Gärten.

"Skulpturen im Exil" von Joachim Baur, Prenninger Gärten.

"Skulpturen im Exil" von Joachim Baur, Prenninger Gärten.