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Kontrast

Fachbereich Kunstwissenschaft. Exkursion "Das moderne Venedig".

Wo ist sie denn, die Moderne in Venedig? Auf der Exkursion von 11. bis 14. Juni 2018 spürten Studierende und Lehrende des Fachbereichs Kunstwissenschaft jenen Initiativen nach, die vor dem Hintergrund des "Mythos Venedig" eine Moderne in diesem besonderen Stadtbild etablieren wollten.

Die von den Instituten für Kunst in gegenwärtigen Kontexten und Medien und Geschichte und Theorie der Architektur gemeinsam durchgeführte Exkursion setzte zwei Schwerpunkte: Zum einen auf die Architekturbiennale 2018, die unter dem Titel "Freespace" die Gestalt, Qualität und Ideologie öffentlicher Räume diskutiert, und zum anderen auf die Architektur- und Stadtentwicklung Venedigs vom späten 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart.

Einen großen Themenblock bildeten die Umnutzung historischer Bauten. Basierend auf John Ruskins The Stones of Venice von 1851, den Anfängen einer konservierenden Praxis in der Denkmalpflege und schließlich der Charta von Venedig aus dem Jahr 1964 wurden Projekte untersucht, anhand derer unterschiedliche, auch umstrittene Strategien der Umnutzung erkennbar wurden: So das Beispiel des restauro conservativo des Palazzo Sagredo am Canal Grande aus dem 14. Jahrhundert, für dessen Hotelkonzept besonders behutsam mit der Bausubstanz und der späteren Ausstattung umgegangen wurde. Radikaler war Peggy Guggenheims Ansatz, die Bauruine des im 18. Jahrhundert begonnenen Palazzo Venier dei Leoni in seiner fragmentarischen Form zu belassen und als Wohnsitz zu nutzen. 

Als umstritten gilt das Kaufhauskonzept von Rem Koolhaas/OMA, das seit 2016 im Fondaco dei Tedeschi öffentlich zugänglich ist. Einen hohen Standard für Umnutzungen hatte der Architekt Carlo Scarpa mit seinen (Museums-)Einbauten gesetzt, zu sehen u.a. an der Fondazione Querini Stampaglia und am Olivetti Shop. Im Bemühen diesen Standards zu folgen hat der japanische Architekt Tadao Ando die ehemalige Zollstation Punta della Dogana kürzlich zu einem fulminanten Museumsbau für den Sammler François Pinault umgebaut.

Ein weiteres zentrales Themenfeld stellten Neubauten nach 1945 dar. Hier stellte sich einerseits die Frage, wie sich neue Fassaden in das Ensemble eingliedern lassen, und andererseits wie sozial verträglicher Wohnraum für VenezianerInnen innerhalb des engen Stadtraums geschaffen werden kann. Dank der freundlichen Einladung des Deutschen Studienzentrums hatten die Exkursions-TeilnehmerInnen die Gelegenheit, die Fassade des Palazzo Tito direkt von der sonnigen Terrasse des Studienzentrums zu analysieren. Der Architekt Angelo Scattolin entwarf diesen ersten modernen Bau am Canal Grande, dessen aus heutiger Sicht sehr behutsame Neuinterpretation eines historischen Palazzo in den 1950er Jahren viel Aufmerksamkeit erregte.

Anhand des Neubaus der Cassa di Risparmio auf dem Campo Manin, die der Architekt Angelo Scattolin gemeinsam mit dem Ingenieur Pier Luigi Nervi 1972 errichtet hat, konnten die Studierenden und Lehrenden nachvollziehen, wie der Umgang mit einem bestehenden Platzensemble mutiger wurde und moderne Formen mit einem gleichzeitig spielerischen Gestalten zusammengehen können.

Die Förderung des (sozialen) Wohnbaus fand im 20. Jahrhundert vor allem auf der Insel Giudecca statt. Besucht wurde u.a. das Wohnquartier IACP (1986) von Gino Vale und Giorgio Macola sowie das nicht unumstrittene Wohnviertel Junghans (2002) von Gino Zucchi, Boris Podrecca und anderen. Das hervorragende Abendessen – nicht nur köstliche Pizza, sondern auch wunderbare Fischspezialitäten – wurde dann stilecht gemeinsam im Lokal des Sportgeländes auf Sacca San Biagio genossen.

Architekturbiennale "Freespace".

Auf der Architekturbiennale, die die fließenden Übergänge von bildender Kunst und Architektur besonders anschaulich macht, wurden an zwei Tagen erst die Pavillons in den Giardini und dann die Ausstellungen im Arsenale besucht. Unter dem Titel Freespace luden die beiden irischen Kuratorinnen Yvonne Farrell und Shelley McNamara die teilnehmenden Nationen ein, ihren jeweiligen Freiraum oder die Vorstellung dessen einzubringen, um in Summe die Diversität, Breite und auch Kontinuität von Freiräumen deutlich zu machen. Wie unterschiedlich dieser Begriff gedacht werden kann, wurde in den verschiedenen Pavillons rasch bewusst. Die Biennale bot die Möglichkeit, den kritischen und diskursiven Umgang mit zeitgenössischen Entwürfen und Konzepten zu erproben, sowohl in einer ausführlichen Gruppendiskussion im Österreichischen Pavillon sowie auch bei einem halbstündigen Skype-Gespräch mit den ArchitektInnen Małgorzata Kuciewicz und Simone De Iacobis von Centrala, die in diesem Jahr den Polnischen Pavillon bespielen. Der Heilige Stuhl nimmt dieses Jahr erstmals an der Architekturbiennale teil und zeigt elf zeitgenössische Kapellenentwürfe, die ihrerseits versuchen Freespace zu verkörpern.

Der Mythos Venedig, der daraus resultierende Massentourismus und dessen Infrastruktur bildeten das große Thema des letzten Exkursionstages, an dem die TeilnehmerInnen nicht nur der Manifestation eines von Mussolini geforderten progetto moderno in Form des Bahnhofs Santa Lucia begegneten, sondern auch von Stararchitektur in Form der Calatrava-Brücke.

Als besonders interessant für eine weiterführende Beschäftigung mit und Forschung zu venezianischer Kunst und Architektur ist die herzliche Einladung des Studienzentrums Venedig zur Bewerbung für ein dortiges Stipendium sowie das spannende Stipendiaten-Programm der Peggy Guggenheim Collection zu betrachten. Wir würden uns freuen, wenn sich unsere Linzer Studis für solche Programme begeistern lassen.

28.6.2018/Julia Rüdiger/he

Gruppenbild auf der Isola di San Giorgio Maggiore vor der Vatican Chapel von Francesco Cellini.

Gruppenbild auf der Isola di San Giorgio Maggiore vor der Vatican Chapel von Francesco Cellini.

04	Umbau des Palazzo Querini Stampaglia zum Museum durch Carlo Scarpa (1961-63). Foto: A. Minta.

Umbau des Palazzo Querini Stampaglia zum Museum durch Carlo Scarpa (1961-63).

Ausblick von der Terrasse des Deutschen Studienzentrums Venedig auf den Palazzo Tito (1949-54). Foto: A. Minta.

Ausblick von der Terrasse des Deutschen Studienzentrums Venedig auf den Palazzo Tito (1949-54).

Skype-Interview mit den KuratorInnen des Polnischen Pavillons. Foto: J. Rüdiger.

Skype-Interview mit den KuratorInnen des Polnischen Pavillons Malgorzata Kuciewicz und Simone De Iacobis über das Konzept des Freespace in ihrer Ausstellung Amplifying Nature.

A Nomadic Chapel von Javier Corvalán im Rahmen der Vatican Chapels, Foto: J. Rüdiger.

A Nomadic Chapel von Javier Corvalán im Rahmen der Vatican Chapels.

Cross Chapel von Terunobu Fujimori im Rahmen der Vatican Chapels, Foto: A. Minta.

Cross Chapel von Terunobu Fujimori im Rahmen der Vatican Chapels.