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Kontrast

Ein Nachruf auf die Philosophin Ágnes Heller von Aloisia Moser.

Am 19. Juli 2019 verstarb die ungarische Philosophin Ágnes Heller, die heuer im Rahmen unseres Dies Academicus referiert hätte. "Sie war immer großzügig und großartig", schreibt Aloisia Moser, Assistenzprofessorin am Institut für Geschichte der Philosophie der KU Linz, die bei Ágnes Heller promoviert und einen Nachruf auf die renommierte Wissenschafterin verfasst hat.

Ich habe Agnes Heller zum ersten Mal getroffen, als ich bereits Doktorandin am Institut für Philosophie an der New School for Social Research in New York war. Es war 1999 und ich erinnere mich nicht mehr an den ersten Kurs, den ich bei ihr belegt habe. Woran ich mich deutlich erinnere, ist der erste Empfang im Institut, bei dem ich neben Agnes und dem Institutsvorstand Richard Bernstein stand. In meinen Jahren als Magisterstudentin der Philosophie in Wien und Berlin hatte ich mir angewöhnt alle Autoritäten herauszufordern und mich entgegenzustellen. Agnes machte mir sofort einen Strich durch die Rechnung, indem sie sich Dick Bernstein zuwandte und hörbar sagte: „Aloisia ist eine richtige Persönlichkeit.“ Sie überraschte mich und nahm sich meiner gleichzeitig an. Damals verstand ich nicht, warum sie mich sofort mochte, dass sie in mir die Personifizierung ihrer Theorie der Persönlichkeit sah. Als Teil ihrer Theorie der Moderne fordert sie uns auf das Paradox zu akzeptieren, dass obwohl wir alle gleich geboren sind, wir dahin streben müssen, uns zu Versionen der Person zu machen, die wir hoffen zu werden. Wir projizieren uns also als die, die wir sein wollen, und handeln nach diesem Modell. In gewissem Sinne ist dies ein kategorischer Imperativ: "Handle so, dass Du die Person wirst, die Du in der Zukunft sein möchtest."

Den Sommer vor meinem zweiten Jahr an der New School verbrachte ich damit Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" zu lesen, da Agnes ein Seminar dazu angekündigt hatte. Im Jahr darauf belegte ich ihren Kurs zu Hegels "Phänomenologie des Geistes" und bereitete mich danach auf ein Doktoratsexamen darüber vor, indem ich die Phänomenologie auf Deutsch und Englisch gleichzeitig las. Ich verbrachte eine Woche allein an einem Bergsee, las, sprang in den See und schwamm auf die andere Seite und zurück, was das Lesen des Textes perfekt spiegelte.

Schwimmen, das war Agnes’Art in der Welt zu sein. Ich fragte sie einmal, wie sie das alles schaffte – um die Welt zu fliegen und ihre Vorträge und Seminare zu halten, immer erst im letzten Moment zurückzukehren und vom Flugzeug direkt ins Seminar zu kommen. Kannte sie keinen Jetlag? Ihre Antwort war, dass sie die Zeitverschiebung nie akzeptierte, dass sie dort, wo sie hinflog, auch die Zeit annahm. Das ging, indem sie jeden Tag schwamm, niemals ein Hotel ohne Schwimmbad buchte. Vor einigen Tagen schwamm sie in den Balaton hinaus und kehrte nicht mehr zurück.

Jedes Jahr vor Weihnachten richtete ich auch in meinen verschiedenen New Yorker Untermietswohnungen oder WGs eine österreichische Weihnachtsfeier aus und hielt damit meine Tradition aufrecht. Einmal, als ich mir eine Wohnung mit meinem Freund auf der Boerum Street in East Williamsburg teilte, kam Agnes viel zu früh zur Party, da sie später einen russischen Klassiker im Fernsehen anschauen wollte, der genau an dem Abend ausgestrahlt wurde. Sie kam so früh, dass ich noch dabei war den Teig für meine berühmten Vanillekipferl, die während der Party geformt und warm aus dem Ofen verzehrt wurden, vorzubereiten. Also setzte ich Agnes neben mich und während ich Butter, Staubzucker, geriebene Nüsse und Mehl zusammenknetete, erzählte sie. Wie sie es schaffte mit zwei Kindern auf Konferenzen zu fahren, indem sie für jeden Tag Mahlzeiten vorbereitete, sie mit Montag, Dienstag, Mittwoch etc. beschriftete und ins Gefrierfach stellte. Sie war keine Feministin und hielt sich bei dem Thema immer zurück. Aber einmal hat sie ein Journalist gefragt, warum sie eine der wenigen erfolgreichen Frauen in der Philosophie sei. Ihre Antwort war: "Frauen waren in der Vergangenheit entweder ökonomisch oder emotional abhängig, zumeist beides und deshalb haben sie keine Beiträge zur hohen Kultur geleistet. Seit Frauen unabhängig sind, nämlich finanziell und emotional – haben sie begonnen große Beiträge zu leisten." Dies gilt für die Literatur, Kunst, Philosophie und viele andere Bereiche. Agnes hat oft die Geschichte davon erzählt, dass ihr Vater wollte, dass sie entweder Philosophin oder Komponistin werden sollte – kurzum ein Beruf, der für Frauen unmöglich zu erreichen wäre. DieseUnmöglichkeit, gestehe ich, war wahrscheinlich auch der Grund, warum ich es mir in den Kopf gesetzt habe Philosophin zu werden und nicht Friseurin oder Verkäuferin, wie das meine Eltern für mich im Sinn hatten.

Im Sommer 2009 bin ich mit meinem Mann nach Österreich geflogen, um meine Familie zu besuchen. Unsere Tochter war ein Jahr alt und eine liebe ungarische Freundin heiratete in Budapest. Ich hatte gerade meine Doktorarbeit abgegeben und sollte sie im Oktober verteidigen. Agnes traf uns in Budapest im jüdischen Viertel, in dem gerade ein Straßenfest stattfand. Sie bestand darauf, uns zu bewirten, brachte uns Gebäck und Tee. Ich erinnere mich gut daran, wie sie schnell lostippelte und uns mit großer Freude typische ungarische Süßigkeiten brachte. Genauso wie sie auf einmal ihre E-Mails mit "Love, Agnes" unterschrieb, begann sie uns bei diesem Besuch zu bemuttern.

Was mir in Agnes Philosophie am meisten auffällt, ist ihre Überzeugung in der Theorie der Moderne, dass die Moderne auf Freiheit begründet ist, was ein Paradox ergibt, da Freiheit kein Fundament geben kann. Wenn sie dies könnte, wäre die Freiheit nicht frei. Wir können das Paradox nicht auflösen und Heller schlägt vor, dass wir es einfach nicht als Paradox denken, obwohl es natürlich immer wieder als eines auftaucht, wenn wir darüber nachdenken. Für Agnes Heller funktionieren Paradoxien so, dass beide Seiten auf derselben Ebene oder in derselben Sphäre, in derselben Geschichte auftauchen, allerdings mit dem Pfeil in verschiedene Richtungen. Was zählt, ist allein, wie wir mit dem Paradox umgehen. Es wird immer zwei Gruppen geben, eine für jede Seite. Die einen sind davon überzeugt, dass es nur darum geht auf die richtige Weise zu handeln, somit würde das Paradox verschwinden. Sie denken, dass das Paradox ein Problem ist, das man lösen kann. Dies ist die technische oder rationale Einbildungskraft. Die anderen ignorieren die andere Seite des Paradoxons ganz einfach, für sie ist es eine Illusion, eine Tradition oder ein Vorurteil, das durch die Aufklärung überwunden werden kann. Dies ist die Arbeit der historischen oder romantischen Einbildungskraft, die das Paradox in ein theoretisches Problem umwandelt.

Hellers Alternative ist es, uns einen anderen Rahmen für die moderne Einbildungskraft zu geben. Einen, der die Moderne selbst einrahmt. Sie sagt, wir seien alle mit zwei Verwendungen der Einbildungskraft konfrontiert und mit zwei verschiedenen Begriffen von Wahrheit. Keiner der beiden ist die Wahrheit der Metaphysik oder Religion der vergangenen Zeitalter. Die technologische und romantische Einbildungskraft fallen nie zusammen, sie sind verschränkt. Das ist das Paradox. Die Moderne ist heterogen, alle Grundlagen sind destruiert oder dekonstruiert. Die Grundlage der Moderne ist die Freiheit. Und Hellers Interpretation dieser Freiheit ist, dass wir es mit einer Welt ohne Grundlage zu tun haben, einer Welt, die sich permanent selbst neu erfinden muss. Deshalb gibt es keine kohärente Erzählung für die Moderne.Was wahr ist, ändert sich alle paar Jahrzehnte. Heller gibt uns zwei Beispiele dieser Dynamik der Moderne, wobei das erste die Hebamme des zweiten ist. Jedes dominante moderne Konzept von Wahrheit oder Gerechtigkeit muss ständig befragt werden. Die Dynamik geht von einem radikalen Nihilismus bis zu einem Fundamentalismus. Dies klingt heute wahrer denn je. Weil alle Menschen gleich geboren sind, muss die vormoderne Wahrheit, dass manche Menschen frei sind und andere nicht, falsifiziert werden. Allerdings werden die Menschen trotzdem unterschiedliche Positionen in der sozialen Hierarchie der Institutionen einnehmen. Freiheit meint hier, dass wir alle Grenzen überschreiten können und dass wir das tun müssen. Die einzige Grenze, die bleibt, ist der Tod der singulären Person. Diese Zwickmühle ist das Paradox der Freiheit selbst, besehend aus der Perspektive der Einbildungskraft.

Seit wir erfahren haben, dass Agnes in den Plattensee hinausgeschwommen ist, fragen sich viele von uns: War es ihre freie Entscheidung oder konnte sie nichts dazu tun? Das Paradox, die Tatsache, dass wir höchstwahrscheinlich keine Antwort bekommen werden, würde Agnes großen Spaß machen. Ihre Theorie der Moderne gründet sich auf Freiheit, die keinen guten Grund ausmacht, da sie genau keinen Grund gibt, indem sie frei ist. Ich denke die ganze Zeit, dass Agnes uns und das Schicksal austrickst und es für immer offen bleiben wird, welche Seite des Paradoxons die richtige ist. Wir können uns die Geschichte erzählen, dass Agnes die Wahl getroffen hat hinauszuschwimmen und nicht zurückzukehren. Oder aber, wir können versuchen die Geschehnisse zu erklären. Genau das ist der Punkt ihrer Theorie, dass es nur in der Entwicklung, in den Handlungen möglich ist, die Bedeutung der Moderne oder die Bedeutung von irgendetwas überhaupt zu sehen.

Mein Herz ist schwer, aber ich habe sie gekannt und sie war immer großartig und großzügig. Vor ein paar Wochen habe ich die wunderbare ungarische Sängerin Veronika Harcsa gehört, deren Singen wie ein Denken ist. Ich hatte mir vorgenommen, Agnes diese Stimme vorzustellen, was ich nun nicht mehr tun kann. Genauso wie Agnes nie wieder meine Hand nehmen und drücken wird, so wie sie es zwei Tage nach ihrem 90. Geburtstag in Wien getan hat. Einmal, während der schwierigsten Phase im Schreiben meiner Doktorarbeit, sagte sie zu mir: "Aloisia, des Letzte, was Du in der Philosophie verstehen wirst, ist das Selbst!" Ich bin davon überzeugt, dass sie sich selbst verstanden hat. Alles, was wir wissen, ist, dass sie in den See hinausgeschwommen und nicht zurückgekehrt ist.

Aloisia Moser promovierte an der New School for Social Research bei Alice Crary and Agnes Heller, war Gastwissenschaftlerin und Lektorin am Institut für Philosophie an der UC Berkeley und ist Assistenzprofessorin am Institut für Geschichte der Philosophie an der Katholischen Privat-Universität Linz. Ihr Buch "Kant and Wittgenstein. A Theory of the Act of Thinking" wird 2020 escheinen, im Moment arbeitet sie über die Rolle des "Ratens" im Denken.

Diese Biographie hat Agnes selbst verfasst und Aloisa Moser am 10. Mai 2019, zwei Tage vor ihrem 90. Geburtstag zugesandt:

Agnes Heller wurde 1929 in Budapest in eine ungarisch-jüdische Familie geboren. Ihr Vater wurde in Auschwitz ermordet, sie und ihre Mutter überlebten im Budapester Ghetto. Sie schloss sich mit 18 Jahren der Kommunistischen Partei an und wurde zweimal ausgeschlossen: das zweite und letzte Mal im Jahr 1958. Nachdem sie das Gymnasium absolviert hatte, begann sie Philosophie in Budapest zu studieren und wurde Schülerin von György Lukács und bald Lukácss Assistentin. Sie hat bis 1957 an der Universität unterrichtet. 1957 wurde sie wegen ihrer Teilnahme an der Revolution von 1956 aus ihrem Job an der Universität in einem Disziplinarverfahren hinausgeworfen. Fünf Jahre lang hat sie an einem ungarischen Gymnasium Literatur unterrichtet, später erhielt sie eine Zulassung für das Institut für Soziologie, allerdings war es ihr untersagt, an irgendeiner Universität zu unterrichten. In den 1960iger Jahren wurde sie Mitglied einer Gruppe von Philosophen (Márkus, Vajda, Fehér, Heller), von Lukács die "Budapester Schule" genannt. Dieser freundliche Kreis entwarf (zumindest in der Theorie) Alternativen zum offiziellen Marxismus-Leninismus und dem "real existierenden Sozialismus". Einige Mitglieder der Gruppe (unter ihnen Agnes Heller) protestierten 1968 in Korcula gegen die sowjetische Intervention in der damaligen Tschechoslowakei. In Folge wurde eine Parteiresolution gegen die Mitglieder der Gruppe herausgegeben, wodurch sie alle ihre Arbeit verloren. Heller wurde zur Anti-Marxistin erklärt und hatte nun keinen Platz mehr im wissenschaftlichen Leben Ungarns.

Ihre Hauptwerke in dieser Periode waren: "Alltag und Geschichte", "Der Mensch der Renaissance" und "Theorie der Gefühle".

1977 emigrierte Heller nach Australien, wo sie neun Jahre lang an der La Trobe Universität in Melbourne Lektorin war.

Ihre Hauptwerke dieser Periode sind: "A Theory of History", "General Ethics", "The Power of Shame", "Beyond Justice".

1986 zog Heller nach New York, wo sie Hannah Arendt Professorin für Philosphie an der Graduate Faculty of New School for Social Research wurde. Sie emeritierte 2006, hat aber bis 2009 weiter unterrichtet.

Die Hauptwerke dieser Periode sind: “Philosophy of Morals”, “An Ethics of Personality”, “Philosophy of History in Fragments”, “A Theory of Modernity”, “The Immortal Comedy”, “The Concept of the Beautiful”.

Nach dem Zusammenbruch des Kadar Regimes in Ungarn haben Heller und ihr Mann Ferenc Feher Ungarn regelmäßig besucht. Seit ihrer Emeritierung in New York ist Heller nach Ungarn, konkret nach Budapest zurückgekehrt, wo sie als Bürgerin aktiv war. Dort schrieb sie unter anderem "Eine kurze Geschichte meiner Philosophie" und "A philosophy of Dreams".

Sie hat den Titel "honoris causa" von Universitäten in Peru, Argentinien, Italien, Österreich, Australien und Israel erhalten. Unter den Preisen, die sie gewonnen hat sind der Lessing Preis (Hamburg),der Hannah Arendt Preis (Bremen), der Sonning Preis (Dänemark), die Goethe Medaille (Deutschland), der Willy Brandt Preis (Deutschland), der Ossietzky Preis (Oldenburg), der Wallenberg Preis (University of Michigan, USA), der Széchenyi Preis(Ungarn).

Sie war (unter anderem) Gastprofessorin in Berlin, Konstanz, Buenos Aires, Lima, Pisa und in einigen ungarischen Städten.

Sie war zwei Mal verheiratet. Sie hat eine Tochter und einen Sohn, sechs Enkelkinder und zwei Urenkelkinder.

16.8.2019/he

Der Nachruf auf Agnes Heller wurde u.a. in der Tageszeitung Der Standard veröffentlicht.

Foto: Ágnes Heller, Göteborg Book Fair 2015. Wikimedia Commons. Arild Vågen - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0.