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Aktuelles Heft der ThPQ befasst sich mit dem Thema Heiligkeit.

Was bedeutet Heiligkeit? Das Heft 4/2019 der Theologisch-praktischen Quartalschrift beleuchtet das Thema "Heiligkeit" aus verschiedenen Blickwinkeln und stellt die Vielfältigkeit des Begriffs dar.

Liebe Leserin, lieber Leser!

An wen oder an was denken Sie, wenn Sie das Wort Heiligkeit lesen? An große Heilige wie Franz von Assisi, Elisabeth von Thüringen, den heiligen Florian, Severin oder an andere von der römisch-katholischen Kirche heiliggesprochene Personen? Fällt Ihnen gar Ihr eigener Namenspatron bzw. Ihre Namenspatronin ein? Denken Sie an konkrete heilige Orte wie Kirchen, Kapellen, Wallfahrtsorte sowie heilige Zeiten wie Weihnachten und Ostern? Oder kommt Ihnen die abstrakte Größe der Heiligkeit der Kirche in den Sinn? Möglicherweise aber denken Sie auch an die Gemeinschaft der Heiligen, die wir als gläubige Christinnen und Christen in jedem Gottesdienst im apostolischen Glaubensbekenntnis bejahen. Jedoch – würden wir uns selbst auch als heilig bezeichnen? Oder herrscht in unseren Köpfen jenes Verständnis von Heiligkeit vor, das sich zum einen exklusiv auf bestimmte Personen mit herausragender christlicher Lebensweise bis hin zu deren Lebenshingabe für Christus, und zum anderen auf bestimmte Orte, Zeiten, Dinge, die wegen der Präsenz Gottes unberührbar sind, bezieht?

Heiligkeit, das zeigt schon diese kursorische Sammlung, ist ein vielschichtiger Begriff. In seiner Zustandsbeschreibung kann er durchaus umstritten sein, zum Teil ist er sogar in Verruf geraten. Was aber bedeutet Heiligkeit? Wer oder was ist heilig und von woher wird Heiligkeit bezogen? Schließt Heiligkeit bestimmte Gruppen und Personen aus und versperrt sie als Idee in Zeiten von Pluralität und religiöser Vielfalt mehr Wege als sie diese ebnet? Diesen Fragen geht das aktuelle Themenheft in gewohnt interdisziplinärer Weise nach.

Den Auftakt macht Johann Figl (Wien), der aus religionswissenschaftlicher Perspektive die Vielfältigkeit von Heiligkeit beleuchtet, indem er nach Herkunft und inhaltlicher Füllung fragt, sowie Referenzpunkte und eine Kriteriologie entwickelt, wie Heiligkeit gerade als Deutung einer Lebensform den religionsübergreifenden Dialog fördern kann. Der Mainzer Exeget Thomas Hieke tut selbiges für das Alte Testament. Er beleuchtet die verschiedenen kultischen und ethischen Heiligkeitsvorstellungen und betont, wie sehr das Volk Gottes zu einer ethischen Lebensweise verpflichtet ist. Die Neutestamentlerin Hanna Stettler knüpft direkt an und stellt neben den Kontinuitäten vor allem die Wandlungen und Zuspitzungen heraus, welche die Idee von Heiligkeit im Neuen Testament erfährt. In den Mittelpunkt rückt der durch Gott geheiligte Mensch, der sich aufgrund des Praktizierens des Gebots der Gottes- und Nächstenliebe aktiv seine Heiligkeit erhält. Wie Papst Franziskus dieses Verständnis von Heiligkeit in seinem wenig beachteten apostolischen Schreiben Gaudete et exsultate in die heutige Zeit übersetzt, welche Werte und welche Chancen er damit verbunden sieht, aber auch welche Mühen ein so verstandenes Leben mit sich bringt, streicht der Kirchenrechtler und Generalvikar der Diözese Linz Severin Lederhilger durch die Textanalyse heraus. Er führt vor Augen, wie gewinnbringend das Dokument für die eigene persönliche Auseinandersetzung, aber auch für den Einsatz in allen Bereichen der Pastoral sein kann. Mit den Beiträgen des Tübinger evangelischen Kirchenhistorikers Volker Leppin sowie des Leiters des Franz und Franziska Jägerstätter Instituts der KU Linz Andreas Schmoller schwenkt der Blick von den Menschen allgemein zu ausgewählten heilig- bzw. seliggesprochenen Personen und ihrer spannenden Rezeptionsgeschichte. Leppin deckt mittels genauen und sensiblen Lesens (Textkritik) der Schriften des Franz von Assisi sowie der zeitgenössischen Texte über ihn eine bisher unbekannte Dimension seiner Heiligkeit auf. Selbiges tut Schmoller, indem er ausgewählte Märtyrer des Nationalsozialismus vor dem Hintergrund der Tradition des koptischen Christentums liest und damit die Verehrung der Person mit der politischen Situation der Verehrer in Beziehung setzt. Mit dem Beitrag des Erfurter Liturgiewissenschaftlers Benedikt Kranemann wendet sich unser Themenheft heiligen Zeiten zu. Anhand der Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte des Festes Allerheiligen verdeutlicht der Autor, wie positiv Heiligkeit im Allgemeinen und die Heiligkeit der Person im Besonderen besetzt sind. Die Heiligkeit der Person nimmt die Mainzer Moraltheologin Stephanie Höllinger zum Ausgangspunkt ihrer bioethischen Überlegungen zum Schutz des menschlichen Lebens. Sie analysiert die Stellungnahmen des kirchlichen Lehramtes und kommt vor diesem Hintergrund zu einer vermittelnden Position angesichts eines verantwortlichen Umgangs mit dem menschlichen Leben. Der Beitrag des Linzer Dogmatikers Andreas Telser schließt den Kreis, indem er sich den trennenden und den vermittelnden Gesichtspunkten von Heiligkeit als Lebensform auch jenseits der Religionen in der säkularen Gesellschaft zuwendet.

Ein freier Beitrag und eine Filmbesprechung runden unser Heft ab: Michael Fischer, Leiter der St. Franziskus-Stiftung Münster, beleuchtet das örtliche Projekt zur Aus- und Weiterbildung von Ehrenamtlichen in der Krankenhausseelsorge. Andreas Schmoller bespricht den neuen Film "A Hidden life" von Terrence Malick über Franz und Franziska Jägerstätter, der bereits in Cannes präsentiert wurde und im Herbst in die Kinos kommen wird.

Geschätzte Leserinnen und Leser!

Im Jahr 1811 wird in einem Artikel der Linzer Monathschrift, der Vorgängerzeitschrift unserer heutigen Theologisch-praktischen Quartalsschrift, eindringlich daran erinnert, dass alle Menschen Heilige sind und diese Heiligkeit, von Gott verliehen, beständig als innere Haltung und sichtbare äußere Handlung zu leben ist. Als menschliche Qualität und als Lebensform geht Heiligkeit alle an und kann nicht exklusiv für einzelne Personen, die heiliggesprochen sind, reklamiert werden. Diese Dimensionen gelte es, so der Autor damals wie auch unsere Autorinnen und Autoren heute, wiederzubeleben oder neu ins Bewusstsein zu heben. Gerade in Zeiten, in denen Religion immer mehr zur Privatsache wird, die Gesamtgesellschaft aber zugleich an Humanitätsverlust leidet, eröffnet das christliche Verständnis von Heiligkeit, wie es im Heft präsentiert wird, ein großes Potenzial für ein menschliches und friedvolles Miteinander. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine bereichernde Lektüre!

Ihre
Ines Weber
(Chefredakteurin)

24.10.2019/sm

St. Patrick's Cathedral, New York.

St. Patrick's Cathedral, New York. Foto: Hermine Eder