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Kontrast

Aktuelles Heft der ThPQ zum Thema Erzählen und Erinnern.

Erzählen und Erinnern stehen in einem unlösbaren Zusammenhang, wiederholtes Erzählen ist konstitutiv für eine Kultur des Erinnerns. Mit unterschiedlichen Aspekten beider Phänomene setzt sich die Ausgabe 4/2018 der Theologisch-praktischen Quartalschrift auseinander.

Liebe Leserin, lieber Leser!

Das Selbstverständnis von Individuen, Gemeinschaften und Gesellschaften speist sich maßgeblich aus der Erinnerung an die eigene Geschichte, an Erlebtes, an Überliefertes, nicht selten auch an Erlittenes, an Zäsuren und Weichenstellungen der persönlichen Entwicklung oder der Entwicklung eines Kollektivs, dem wir angehören oder mit dem wir, in welcher Weise auch immer, in Kontakt treten. Wir erinnern uns allerdings nicht (nur) „einfach so“, sondern pflegen Erinnerung – und konstruieren im besten Fall eine Erinnerungskultur. Greifbar wird dies etwa an den Feier- oder Gedenktagen religiöser und politischer Art. Wir gedenken des Endes des Zweiten Weltkriegs, des Staatsvertragsabschlusses, der Gründung der demokratischen Republik oder anderer politischer Ereignisse, die für das Gemeinwesen von Bedeutung sind; und wir gedenken religiöser Ereignisse, die für den Glauben und die Konstitution der Glaubensgemeinschaft wichtig sind. Weil Erinnern – oder genauer: die Erhaltung einer lebendigen (kollektiven) Erinnerung – das Erzählen von Vergangenem voraussetzt, stehen beide in einem unlösbaren Zusammenhang; wiederholtes Erzählen ist konstitutiv für eine Kultur des Erinnerns. Deshalb sprechen wir von sinnstiftenden großen Erzählungen und Orientierung gebenden Narrativen. Insbesondere in religiösen Kollektiven werden Ereignisse tradiert, werden Erinnerungen stabilisiert, indem sie rituell vergegenwärtigt und immer wieder erzählt werden. Auf verschiedene Aspekte dieses Erinnerns und Erzählens gehen die Beiträge dieses Heftes ein.

Johann Pock verortet Formen des Erzählens und Erinnerns in der pastoralen Praxis und im pastoraltheologischen Diskurs der Gegenwart. Er skizziert die Kirche im Anschluss an J. B. Metz als „kritisch-befreiende Erinnerungs- und Erzählgemeinschaft“. Dieses erinnernde Erzählen wird an einzelnen Handlungsfeldern – etwa der Predigt, der Pastoral mit älteren Menschen und im Umfeld des Todes – ausbuchstabiert. Reinhold Boschki widmet sich aus einer religionspädagogischen Perspektive dem Konzilsdokument Nostra aetate. Er schildert die Genese dieses Textes und zeigt die Bedeutung der Reflexion der Kirche auf die eigene Schuld für eine Neuinterpretation der Haltung gegenüber anderen Religionen: „Ohne die Schoah ist Nostra Aetate nicht denkbar.“ Erinnerung sei das geheime Thema der Konzilserklärung. Hieraus entwickelt Boschki ein Bildungsprogramm gegen Antisemitismus und Islamophobie; dabei geht er nicht zuletzt auch auf entsprechende fremdenfeindliche Verwerfungen der Gegenwart ein. Mit Strategien der Verarbeitung belasteter Vergangenheit setzt sich Thomas Hoppe auseinander. Er beschreibt die Gewinnung einer authentischen Erinnerung als Voraussetzung für einen gelingenden Prozess der Versöhnung. Dabei wird hohle Versöhnungsrhetorik von tatsächlichem Versöhnungshandeln unterschieden, für das er konkrete – freilich anspruchsvolle – Anforderungen und Voraussetzungen formuliert. Uta Poplutz bietet einen Einblick in die Erzähltextanalyse als Methode der neutestamentlichen Exegese. Biblische Erzählungen werden als wesentliche Bestandteile unseres Erinnerungsschatzes hervorgehoben, die seit vielen Jahrhunderten jüdische und christliche Weltvorstellungen prägen. Die Autorin weist aber auch auf die Notwenigkeit einer weiteren Anpassung literaturwissenschaftlicher Methoden an die Eigenheiten biblischer Texte hin. In einem kirchenhistorischen Zugang setzt sich Christian Handschuh zunächst grundsätzlich mit dem Erinnerungsbegriff auseinander, um ihn dann auf die gegenwärtige Debatte zur Umgestaltung der Berliner Hedwigskathedrale anzuwenden. Es geht dabei einesteils um das Anliegen einer umfassenden Neugestaltung der Bischofskirche im Zentrum der deutschen Hauptstadt nach liturgiewissenschaftlichen Gesichtspunkten; dem steht andernteils das Anliegen der Bewahrung der gegenwärtigen Form aufgrund der wechselvollen Geschichte der Kathedrale und der Diözese selbst gegenüber. Im Beitrag werden anhand dieser Auseinandersetzung zwei „Erinnerungsgruppen“ und deren Erinnerungsstrategien unterschieden. Mit Erinnerungsorten – und zwar ebenfalls mit der Berliner Hedwigskathedrale und insbesondere mit der Gedenkstätte Plötzensee – befasst sich der Praxisbericht von Christine Funk. Sie schildert detailliert die Konfrontation einer Studierendengruppe mit diesen Erinnerungsorten und führt die recht unterschiedlichen Reaktionen der Teilnehmenden vor Augen. Es wird deutlich, wie vielfältig und unübersichtlich die jeweiligen individuellen und kollektiven Hintergründe sind – und wie stark diese Hintergründe die Wahrnehmung der Erinnerungsorte bedingen. In besonderer Weise führt schließlich Sabine Arend noch einmal Religion und Verfolgung durch die Nationalsozialisten zusammen, indem sie religiöse Praxisformen von Frauen im Konzentrationslager Ravensbrück schildert. Das Lager war Teil des Konzepts der „rassischen Generalprävention“. Als solches ist es einerseits Gegenstand unserer heutigen Erinnerungskultur; es war andererseits aber auch, wie Arend zeigt, zur Zeit der nationalsozialistischen Verfolgung zugleich der Ort einer reichhaltigen und lebendigen religiösen Erinnerungspraxis.

Über die Beiträge zum Heftthema „Erzählen und Erinnern“ hinaus finden Sie zwei weitere Aufsätze: Manfred Körber bietet Anmerkungen zu einer theologisch verantworteten Wahrnehmung von Führungsaufgaben in der Kirche; Knut Wenzel formuliert Überlegungen zur poetischen Kraft der Religion.

Ein abschließender Hinweis in eigener Sache: Mit diesem Heft beendet Michael Zugmann, Ass.-Prof. für neutestamentliche Bibelwissenschaft an der KU Linz, seine Tätigkeit in der Redaktion dieser Zeitschrift; wir bedanken uns für die jahrelange engagierte und fruchtbare Mitarbeit und wünschen ihm Gottes Segen für seine neuen Aufgaben. Susanne Gillmayr-Bucher, Professorin für alttestamentliche Bibelwissenschaft, tritt zur Redaktionsrunde hinzu; wir heißen sie herzlich willkommen und freuen uns, dass mit ihr eine starke exegetische Fachkompetenz für die ThPQ gewährleistet ist.

Verehrte Leserinnen und Leser,

die stetige Arbeit an Aufbau und Erhaltung einer Erinnerungskultur ist eine wichtige religiöse sowie gesellschaftliche und politische Aufgabe, die gegenwärtig gewiss nicht an Bedeutung verliert. Wir möchten mit dieser Ausgabe der Theologisch-praktischen Quartalschrift einen Beitrag zu einer problembewussten Erinnerungsarbeit leisten und wünschen Ihnen eine anregende Lektüre.

Für die Redaktion

Christian Spieß

Theologisch-praktische Quartalschrift

22.10.2018/VL

Foto: Pixabay, annca

Foto: Pixabay, annca