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Kontrast

Aktuelle ThPQ zur Vielfalt familialer Lebensformen.

Wie werden familiale Lebensformen heute gelebt und verstanden? Die Darstellung der Vielfalt heutiger familialer Lebensformen und die Veränderungen des Verständnisses von Familie stehen im Mittelpunkt des Hefts 3/2019 der Theologisch-praktischen Quartalschrift.

Liebe Leserin, lieber Leser!

Familienleitbilder als fest gefügte, mit moralischen Gründen abgesicherte Vorstellungen davon, wie das intime Zusammenleben von Person zu Person zu gestalten ist, dürften für viele zu den wichtigen, jedenfalls augenfälligen sozialen Ausprägungen gelebter Religiosität gehören. So wird in verschiedenen religiösen Traditionen das Zusammenleben etwa in der Ehe, werden die sexuellen Implikationen der Partnerschaft, Fragen der Nachkommenschaft und auch das Verhältnis der Generationen intensiv thematisiert, nicht selten strikt reguliert. Religionspädagogik, Pastoraltheologie, Moraltheologie und das kanonische Recht sind ohne eine ausführliche Auseinandersetzung mit diesen Themen kaum denkbar. In den Gemeinden wird mitunter sogar eine problematische Fixierung auf „Familienarbeit“, auf Verkündigung und Liturgie für Eltern mit Kindern kritisiert, für die ein reichhaltiges Seelsorge- und Gottesdienstangebot bereitgestellt wird, während Menschen in anderen Lebenssituationen mitunter schwieriger Zugang zur pastoralen Praxis finden.

In gesamtgesellschaftlicher Perspektive befinden sich die Konventionen des Zusammenlebens in einer äußerst ambivalenten Entwicklung. Einesteils gerät ein typisch modernes Familienleitbild – etwa jenes der „Einverdienerehe“ mit Kindern (zwischenzeitlich moderat erweitert um eine teilzeitbeschäftige Mutter) – unter Druck: Alternative Formen des Zusammenlebens, beispielsweise in Folge einer Trennung der Eheleute oder auch durch politische Entscheidungen wie die rechtliche Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften, gewinnen de facto und de jure an Bedeutung. Andernteils scheint dies vorerst nicht zu einem Bedeutungsverlust der Familie als „Primärform des Zusammenlebens“ zu führen: Weiterhin werden in familialen Lebenszusammenhängen unverzichtbare humane Anerkennungsleistungen und für die Gesellschaft unverzichtbare Funktionen etwa der Versorgung, Erziehung, Fürsorge und Pflege erfüllt. Auch Veränderungen wie die Zunahme der frühzeitigen Vollzeiterwerbstätigkeit der Mütter werden semantisch häufig gerade an die grundsätzliche Kontinuität der Familie als Lebensform gekoppelt („Vereinbarkeit von Familie und Beruf“). Zudem vollzieht sich der „Wandel der Familie“ in unterschiedlichen kulturellen, regionalen und sozioökonomischen Kontexten, in verschiedenen sozialen Milieus mit einer beträchtlichen Ungleichzeitigkeit. Beispiele für die fortdauernde normative Priorisierung des überkommenen Familienmodells lassen sich sowohl in der Kirche (Ablehnung der rechtlichen Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften) als auch in der Politik (mancherorts fehlender Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung) leicht finden.

Das hiermit vorgelegte Themenheft der Theologisch-praktischen Quartalschrift nähert sich der Familie und vergleichbaren Lebensformen zum einen in einer allgemeinen, überblicksartigen Weise, erschließt zum anderen aber auch einige besondere, konzentrierte Perspektiven. Luisa Fischer verbindet einen sozialwissenschaftlichen Überblick über die Veränderungen familialen Zusammenlebens mit der Darstellung daraus resultierender Herausforderungen für die Praktische Theologie und für die theologische Praxis. Auf der Grundlage der Annahme, dass interpretierende Lesarten und Leitbilder stets einen normativen Gehalt haben, skizziert Gerhard Marschütz eine katholische Lesart der Familie einerseits und gendertheoretisch gestützte Lesarten von Lebensformen andererseits. Katja Winkler analysiert in kritischer Auseinandersetzung zwei in diesem Diskurs aktuell besonders relevante Positionen, nämlich eine „anti-genderistische“ und eine „neoliberale“ Sicht auf familiales Zusammenleben. Helga Amesberger schildert die Bedeutung familialer Bindung für Sexarbeiterinnen und vermeidet dabei die sonst – auch bei einigen katholischen Organisationen – verbreitete respektlose Stigmatisierung der Frauen als Opfer. Einen Bericht aus der beratenden Praxis bieten Dagmar Bojdunyk-Rack und Sylvia Spiessberger mit der Vorstellung des Vereins „Rainbows“, der Kinder und Jugendliche in Trennungs- und Verlustsituationen unterstützt. Abschließend bietet Michael Schüßler eine „pastoraltheologische Nachlese“ zu Amoris laetitia, dem nachsynodalen Schreiben von Papst Franziskus aus dem Jahr 2016, das sich auf die Beratungen und Ergebnisse der Bischofssynode zu den pastoralen Herausforderungen der Familie bezieht.

Über die thematischen Beiträge hinaus enthält dieses Heft einen Aufsatz von Johann Maier über die fatalen Folgen einer missbräuchlichen Verwendung neutestamentlicher Aussagen der Passionserzählungen für die Haltung von Christen gegenüber Juden. Andreas Telser reflektiert aus systematisch-theologischer Sicht das Experiment „Lange Nacht der Kirchen“. Ebenfalls über die „Lange Nacht der Kirchen“, darüber hinaus aber auch allgemeiner über „passagere“ pastorale Angebote handelt schließlich ein Beitrag von Stefanie Roeder.

Liebe Leserinnen und Leser!

Inwieweit sich familiale Lebensformen und die in ihnen gelebten Rollenmodelle nachhaltig verändern, wissen wir nicht. Einer solchen Pluralisierung, der Gleichberechtigung der Geschlechter sowie dem Respekt gegenüber Menschen mit unterschiedlichen Geschlechtsidentitäten und sexuellen Orientierungen stehen ein zähes Festhalten an Geschlechterstereotypen, bleibende homophobe Vorbehalte und ein, so scheint es, zunehmendes Ressentiment gegen Genderwissenschaften gegenüber. Gewiss darf und muss es eine „Kritik von Lebensformen“ (Rahel Jaeggi) geben, weil sie eben nicht einfach (nur) Privatsache sind. Diskurse über die Bewertung von unterschiedlichen Formen des Zusammenlebens gehören selbstverständlich nicht nur in die zivilgesellschaftliche Öffentlichkeit und in die Politik, sondern auch in die Theologie und in die Kirche. Die Basis für solche Diskurse ist die Anerkennung einer Pluralität von Antworten auf die Frage, wie Menschen zusammenleben möchten und wie dies gut gelingen kann. So plädiert dieses Heft für den Respekt gegenüber ganz unterschiedlichen Formen glückenden menschlichen Zusammenlebens.

Ihr Christian Spieß (für die Redaktion)

16.8.2019/he

Foto: Pixabay/Michal Jarmoluk.

Foto: Pixabay/Michal Jarmoluk.