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Aktuelle ThPQ zum Thema Hölle und Fegefeuer.

Mit Hölle und Fegefeuer assoziieren die meisten ewig loderndes Feuer, furchterregende Fratzen und nicht unendliche Qualen. Dem eigentlichen christlichen Verständnis entspricht diese Sichtweise jedoch nicht. Mit aktuell in der Theologie vertretenen Vorstellungen sowie der Entwicklung der Vorstellung von Hölle und Fegefeuer beschäftigt sich Heft 2/2019 der Theologisch-praktischen Quartalschrift.

Liebe Leserin, lieber Leser!

Ewig lodernde Feuer, schmerzverzerrte Antlitze, schier nie enden wollende Qualen … Das sind vielfach die Assoziationen, die Menschen haben, wenn sie an Hölle oder Fegefeuer denken. Vor ihrem inneren Auge erscheinen Orte der Angst und des Schreckens, an denen der strafende Richtergott die Seelen leiden lässt. So verstanden ist das Fegefeuer, ist die Hölle jedoch „eine von außen auferlegte Strafe, die dem, was geschehen ist, äußerlich bleibt (1). Diese Sichtweise spiegelt das eigentliche christliche Verständnis von Hölle oder Fegefeuer jedoch nicht. Hölle und Fegefeuer waren nie nur äußerlich, sondern bezogen sich immer auch auf das Innere des Menschen. Als Medien der Erziehung wollten sie zur Buße hinführen und damit zu einem guten christlichen Leben anleiten. Überdies boten sie Trost und Hoffnung, insofern nach dem Tod denjenigen, die in dieser Welt Unrecht und Leid erfahren hatten, Gerechtigkeit widerfahren werde, ja einem selbst angesichts eigener Fehler Barmherzigkeit zuteilwerde, so dass Versöhnung noch möglich wird. Wenn aber Hölle und Fegefeuer diese Konnotationen haben, warum ist es in den letzten Jahren und Jahrzehnten in der Pastoral so still um sie geworden? Seit den 1950er-Jahren sind diese Themen aus den Predigten genauso verschwunden wie sie beispielsweise auch in der Sterbebegleitung keinen Platz mehr haben, und das, obwohl die Menschen ein (un-)ausgesprochenes Bedürfnis nach Antworten haben. Im Genre Film und Literatur nämlich boomt das Thema.

Vor diesem Hintergrund erläutern die ersten drei Autoren die verschiedenen aktuell in der Theologie vertretenen Vorstellungen von Hölle und Fegefeuer. Der Freiburger Soziologe und Theologe Michael N. Ebertz macht deutlich, dass sich im Laufe der (katholischen) Christentumsgeschichte zwei kontradiktorische Modelle entwickelt haben: ein "Exklusionsmodell", nach dem Teile der Menschheit am Ende der Zeiten in der Hölle und damit Gottferne verharren werden, und ein "Inklusionsmodell", das eine Allversöhnung im Endgericht vorsieht. Aus beiden leiten sich die heute diskutierten Modelle ab, wobei das Inklusionsmodell – ausdifferenziert in vier Varianten – von den meisten Theolog/inn/en eindeutig favorisiert wird. Eine dieser Varianten erläutert der Freiburger Fundamentaltheologe Magnus Striet, der angesichts des Leids in der Welt dafür votiert, dass sehr wohl eine Hölle als Ort der Vergeltung angenommen werden muss. Zugleich darf auf eine so starke Liebe Gottes gehofft werden, die es den Opfern schlussendlich ermöglicht, den Tätern zu vergeben (Allversöhnung), was eine Hölle obsolet werden lässt. Ganz ähnlich argumentiert Markus Mühling, Systematischer Theologe an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal, aus evangelischer Sicht. Er macht nach der Erläuterung aller bisher in der protestantischen Theologie gescheiterten Konzepte klar, dass Gericht als ein Prozess der Versöhnung sowohl im Hier und Jetzt als auch nach dem Tod verstanden werden muss, der als "Transformations- und Konstitutionsprozess" der/des Einzelnen geschieht, ohne dabei die negativen Elemente des Lebens zu negieren.

Die folgenden Beiträge gehen der Entwicklung der Vorstellung von Hölle und Fegefeuer in der Christentumsgeschichte nach. Der Bamberger Alttestamentler Klaus Bieberstein erläutert den Umgang mit dem Tod bzw. den Toten im Alten Testament und verdeutlicht, wie sich erst mit der Ausbildung der Idee der Auferweckung der Toten eine Vorstellung eines Strafortes, einer Hölle entwickelte. Christoph Niemand, Neutestamentler in Linz, zeigt anhand von ausgewählten "Höllenpredigten" in den Evangelien, wie diese die/den einzelne/n Christ/in ausschließlich zur Buße und damit zum ständigen Überdenken des eigenen Lebens als gutes christliches Leben anhalten sollen. Der Regensburger Altkirchenhistoriker Andreas Merkt und die Linzer Kirchenhistorikern Ines Weber knüpfen direkt an diese Linie an. Andreas Merkt führt vor Augen, wie sich in der Alten Kirche die Idee des Fegefeuers als Ort einer noch möglichen Rettung, aber auch als pädagogische Mahnung und damit als Anleitung zu einem guten christlichen Leben entwickelt hat. Ines Weber bestätigt diese Befunde für das gesamte Mittelalter und die Neuzeit. Sie macht deutlich, dass überhaupt erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Hölle zur Drohbotschaft wird, um in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts an Plausibilität zu verlieren und völlig aus der Pastoral zu verschwinden. Mit diesen Befunden sowie mit dem Beitrag von Theresia Heimerl, Religionswissenschaftlerin in Graz, schließt sich der Kreis zum eingangs Erläuterten. Sie zeigt, wie sehr das Motiv der Hölle über das Medium Film als realer Ort im heutigen Leben oder als innerer Ort im einzelnen Menschen nach wie vor präsent ist und so seine Aufarbeitung findet.

Das Heft schließt mit zwei Beiträgen zum Amt in der Kirche, die aus dem Studientag "Das Amt weiter-denken", der im November 2018 im Bildungshaus Schloss Puchberg bei Wels stattgefunden hat, hervorgegangen sind. Johanna Rahner, Tübingen, plädiert aus dogmatischer Perspektive genauso wie Sabine Demel, Regensburg, aus kirchenrechtlicher Sicht für eine Revision des Amts, gerade auch, wenn es um die Fragen von Frauen in kirchlichen Ämtern geht.

Geschätzte Leserinnen und Leser!

"Religionen können menschliche Ängste bis ins Unermessliche steigern, sie können aber auch von Ängsten befreien und sie bewältigen helfen", so schreibt Ottmar Fuchs, emeritierter Pastoraltheologie in Tübingen, in seinem Buch "Wer’s glaubt wird selig … Wer’s nicht glaubt, kommt auch in den Himmel" (2). Dieser Impetus – Befreiung von Ängsten und Hoffnung auf Versöhnung sowie Anleitung zu einem gelingenden Leben – ist der christlichen Botschaft von Hölle und Fegefeuer immanent. Dessen aber sind wir nicht mehr immer gewahr. Theologinnen und Theologen sollten sich deshalb, da sind sich unsere Autor/innen einig, der Thematik neu stellen, um sie für die aktuell vorfindlichen kulturellen Zusammenhänge fruchtbringend zur Sprache zu bringen und damit in die Pastoral neu zu übersetzen. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine erhellende Lektüre!

Ihre
Ines Weber
(Chefredakteurin)

Theologisch-praktische Quartalschrift

16.04.2019/sm


(1) Ottmar Fuchs, Das Jüngste Gericht. Hoffnung über den Tod hinaus, Regensburg 2018, 45f.

(2) Ders., Wer’s glaubt, wird selig … Wer’s nicht glaubt, kommt auch in den Himmel, Würzburg 2012, 9.

Foto: Pixabay