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Kontrast

Heft 1/2019: Der achte Tag. Natur und Schöpfung im Spiegel der Kunst

"Creatio continua" – das Schöpfungswerk geht nach der Schöpfung weiter: nicht mehr als Gottes, sondern als des Menschen Werk. In der Verschmelzung von Natur und Kultur wird Natur aus einem fremden Gegenüber zu einer Spielart der Kultur.

Vorwort

Am achten Tag beginnt die Schöpfung von Neuem. Nachdem Gott am siebten Schöpfungstag ruhte, setzt sich das Schöpfungswerk auf geheimnisvolle Weise fort. „Creatio continua“ – die Schöpfung geht weiter, nur dass sie am achten Tag sich selbst überlassen bleibt. Sie ist nicht mehr Gottes Werk, sondern des Menschen Werk – bestenfalls mit Gottes Beitrag.

‚Anthropozän‘ wurde dann auch das Zeitalter genannt, in dem der Mensch einen so weitgehenden Einfluss auf die Natur entwickelt, dass sich zwischen Natur und Kultur nicht mehr unterscheiden lässt. Natur ist nicht länger das fremde Gegenüber einer menschengemachten Kultur, sondern Natur lässt sich nur noch als Spielart der Kultur denken. Kein Wunder, dass die Frage auch in den Künsten verhandelt wurde. Schließlich galten Kunstschaffende seit jeher als ‚alter Dei‘, zweite Götter, die das Schöpfungswerk Gottes weiter und über sich hinaus führen – bis hin zur Konkurrenz.

Wenn sich Künstlerinnen und Künstler der Gegenwart nun unter neuen Voraussetzungen und als „kreative Treiber“ wieder der Natur zuwenden (Helmuth Trischler / Judith Elisabeth Weiss), dann spitzt sich die Situation weiter zu. Denn auch die Gestaltungsreichweite der Künstlerinnen und Künstler reicht heute weiter als zuvor: Mittlerweile arbeiten Künstlerinnen und Künstler nicht mehr nur mit Naturmaterialien, sondern greifen in die Naturprozesse selbst ein – angefangen beim traditionellen Pfropfen und Züchten von Apfelsorten (Korbinian Aigner) bis hin zu Eingriffen in genetische Fortpflanzungsprozesse (Reiner Maria Matysik).

Entsprechend stellt sich auch die Frage nach einer Ethik in den Künsten: Sind Künstlerinnen und Künstler dazu aufgerufen, ihr gestalterisches Können in die Weiterentwicklung von Naturprozessen einzubringen und – wenn ja – wie weit dürfen sie dabei gehen (Sigurd Bergmann / Reiner Maria Matysik)? Sollten Künstlerinnen und Künstler ihre Fähigkeiten nutzen, um auf die ökosystemische Einflussnahme des Menschen kritisch hinzuweisen? Oder ist der ökologische Footprint der Kunst selbst ein Teil des Problems? (Julian Charrière / Andreas Greiner)?

Am ‚achten Tag‘ stellt sich die alte theologische Frage nach der Bewahrung der Schöpfung neu bzw. auf zugespitzte Weise. Denn das Menschenmögl iche reicht heute weiter als bisher – sowohl in den Wissenschaften als auch in den Künsten. Entsprechend müssen auch die alten Schöpfungsgeschichten – nicht zuletzt im Medium des Films (Stefan Geil) – weitergeschrieben werden: Wie erzählt sich die Schöpfungsgeschichte, wenn die Schöpfungskraft des Menschen mitgedacht werden muss? Steuern wir unter dem allumfassenden Einfluss des Menschen auf eine Apokalypse zu?

‚Too early to panic‘ antwortet das Schweizer Künstlerpaar Gerda Steiner und Jörg Lenzlinger mit ihrer Retrospektive in Basel – und inszenieren einen transnaturalen Kosmos, in dem sich organische und synthetische Materialien wie in einem paradiesischen Urzustand miteinander verbinden.

Einer Legende nach soll Martin Luther den Satz geprägt haben: „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“ – Die Natur des Menschen trotzt den Auswirkungen der menschengemachten Natur.

Hannes Langbein, Peter Schüz und Birgit Weindl (Heftredaktion)

Mit Beiträgen, Interviews und Berichten u.a. Sigurd Bergmann, Peter Busch, Julian Charrière, Stefan Geil, Larissa Gerg, Andreas Greiner, Tobias Hagleitner, Robert Martin Jockel, Jörg Lenzlinger, Reiner Maria Matysik, Anna Minta, Niklas Schleicher, Theresa Stampler, Gerda Steiner, Helmuth Trischler, Julia Voss, Birgit Weindl und Judith Elisabeth Weiß.

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