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Kontrast

Internationales Zoom-Seminar über Öffentliche Theologie.

"Living with and after Covid-19: An interdisciplinary public theological perspective" lautete der Titel des internationalen Zoom-Seminars, an dem Ass.-Prof. Andreas Telser und Lehrbeauftragte Annette Langner-Pitschmann Mitte Mai teilnahmen.

Die Pontifícia Universidade Católica do Paraná (Brasilien), Partneruniversität der KU Linz, und die Universiteit Stellenbosch (Südafrika) organisierten gemeinsam das internationale Zoom-Seminar. Im post-apartheid Südafrika besteht ein großes Interesse an Öffentlicher Theologie, die im Zuge der notwendigen Rekonstellierung des Verhältnisses von Staat, Kirchen und Zivilgesellschaft einen wesentlichen theoretischen Rahmen zur Verfügung stellt. Strukturell sind Brasilien und Südafrika durch den traurigen Umstand verbunden, dass beide um die Vorherrschaft in puncto der am ungerechtesten verteilten Mittel (in Bildung, Gesundheit, Finanzen, etc.) ringen. Letztlich aber gibt es diese Verbindung zwischen den beiden Universitäten aufgrund von Professor Rudolf von Sinner, der seit 2019 als Professor für Systematische Theologie an der Pontifícia Universidade Católica do Paraná und seit 2013 als ao. Professor an der Theologischen Fakultät der Universiteit Stellenbosch tätig ist.

Je drei WissenschafterInnen aus den Disziplinen Philosophie, Theologie, Wirtschaftswissenschaft und Medizin beider Universitäten, gaben während des siebenstündigen Seminars kurze Inputs. Mehr als 50 Personen aus etwa zehn Ländern weltweit haben sich im Anschluss durch schriftlich eingereichte oder via Mikrophon gestellte Fragen an den Diskussionen beteiligt.

Den wenigen TeilnehmerInnen aus dem "Norden" fiel unter anderem auf, dass die WissenschafterInnen im "Süden" in großer Dringlichkeit damit ringen, wie Wissenschaft und theologische Kompetenz in Universität und Kirchen die Gestalt der gesellschaftlichen Öffentlichkeit prägen können. Anders als viele unserer Debatten, ging das Gespräch der KollegInnen aus Südafrika und Brasilien selbstverständlich von der Unterstellung aus, dass die theoretischen Reflexionen (wirtschaftlicher, philosophischer und theologischer Natur) einen erfahrbaren Unterschied machen müssen – nicht nur für eine sich selbst als Elite wahrnehmende scientific community, sondern auch und vor allem für die wachsende Zahl von Menschen, deren Leben durch das Covid-19-Virus oder durch seine Auswirkungen auf die tägliche Versorgung massiv bedroht ist.

Ein in mehreren Beiträgen wiederkehrender Gedanke war die Beschreibung der Krisensituation als Spiegel, in dem bislang latente soziale Missstände noch deutlicher sichtbar werden. Es wurde nach Wegen gesucht, die dadurch offenbar werdenden Ungerechtigkeiten, nicht auf den Virus, als einer dem Menschen äußerlichen Naturgewalt zu reduzieren, sondern, sie als drängende Aufforderung zum Handeln ernstzunehmen. Ausgehend vom Beitrag von Fábio Theodoro de Souza (Paraná) trat dabei das Potenzial der Theologie in den Vordergrund, kontrafaktische Wirklichkeiten zu entwerfen und kreative Bilder einer anderen Zukunft zu entwickeln. Stephan de Beer (Stellenbosch) berichtete aus der Praxis nachhaltiger und sozial inklusiver Stadtentwicklung von den Möglichkeiten einer "undercover theology", die durch die Schaffung möglicher Räume und neuer Pläne sowie auf dem Wege der Bewusstseinsbildung auf die Lebenswirklichkeit benachteiligter Gruppen positiven Einfluss zu nehmen vermag.

Wie ernst es die Public Theology mit dem Anspruch meint, die engen Grenzen herkömmlicher Theoriezusammenhänge zu sprengen, zeigte die Selbstverständlichkeit, mit welcher der Beitrag der in Paraná tätigen Medizinprofessorin Cristina Pellegrino Baena aufgenommen wurde, der ein Bild von den Herausforderungen und Einsichten aus der Arbeit in einer Covid-19-Station zeichnete.

Insgesamt bildete der Diskussionszuschnitt des Zoom-Seminars einen heilsamen Kontrast zum Diskurs europäischer TheologInnen, die sich vielfach auf die Frage nach den Auswirkungen der Corona-Krise auf Liturgie und Gemeindeleben konzentrieren. Einzig der Vortrag von Nadine Bowers Du Toit (Stellenbosch) griff diese Frage am Rande auf – und gebrauchte sie zugleich als Ausgangspunkt für die Forderung nach einer "neuen Ekklesiologie", welche die Kirche(n) aus der oftmals vereinnahmenden Gleichsetzung mit lokalen bzw. nationalen Manifestationen lösen würde.

26.5.2020/al-p, at, kd

Internationales Zoom-Seminar mit über 50 TeilnehmerInnen. (c) pixabay

Internationales Zoom-Seminar mit über 50 TeilnehmerInnen.