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Erasmus+ Austauschprogramm an der VID Specialized University, Campus Diakonhjemmet Oslo

Ein Erfahrungsbericht von Prof. Dr. Ansgar Kreutzer (Institut für Fundamentaltheologie und Dogmatik der KU Linz)

Aufgrund einer Begegnung mit Prof.in Dr.in Stephanie Dietrich im Kontext einer Tagung zur „Religiösen Rede in postsäkularen Gesellschaften“, die im Februar 2015 an der Universität Jena stattfand, wurde ich von Frau Kollegin Dietrich zu einer Gastvorlesung an ihre Universität, die VID Specialized University nach Oslo (Norwegen) eingeladen. Die VID University ist ein Zusammenschluss von Hochschulen der norwegischen Städte Bergen, Oslo, Sandnes und Stavanger, an denen Studien aus den verschiedenen Bereichen der Theologie  und benachbarter Fächer im Graduate- und Postgraduate-Bereich absolviert werden können. Der Campus Diakonhjemmet Oslo weist Schwerpunkte in Diakoniewissenschaft und Sozialarbeit auf. Der äußere Rahmen des Austausches wurde durch das europäische Erasmus+ Programm und ein entsprechendes Abkommen zwischen der KU Linz und der VID sichergestellt. So konnte ich vom 18. bis 22. September 2017 in Oslo lehren.

Meine Vorlesungen waren in den Kurs "Faith and Religion in Work with Migrants" eingebunden – eine Lehrveranstaltung, die sich vor allem an internationale Studierende richtete und deren Unterrichtssprache Englisch war. Meine Vorlesungen hatten Prozesse der Säkularisierung in Europa und deren theologische Einordnungen zum Gegenstand. Ich behandelte etwa Jürgen Habermas' Diagnose von der "postsäkularen Gesellschaft", das II. Vatikanische Konzil (1962-65) als Form katholischer Selbstmodernisierung und eine Theologie der Gastfreundschaft unter säkularisierten, individualisierten und pluralisierten Bedingungen. Meine Lehrtätigkeit wurde durch einen Gastvortrag zur Thematik "Social Conflicts and Religion. Plea for a Theology of Recognition" abgeschlossen, der sich primär an die Osloer KollegInnen und weitere anwesende GastwissenschaftlerInnen adressierte. Mein Fazit zu diesem internationalen Austausch fällt überaus positiv aus. Die Erkenntnisgewinne und Horizonterweiterungen habe ich in dieser kurzen Zeit in Oslo als enorm erlebt. Sie waren u.a. in folgenden Bereichen angesiedelt:

Lehr- und Lernkultur an der Gastuniversität

Ein besonderes Merkmal des von mir mitgestalteten Kurses war dessen Internationalität, Interreligiosität und Interkulturalität. An der Lehrveranstaltung nahmen Studierende u.a. aus verschiedenen Ländern Afrikas, aus Nepal, Jamaica, Vietnam, Philippinen und Norwegen teil. Der Gegenstand der Lehrveranstaltung, die soziologische und theologische Reflexion auf unterschiedliche Konstellationen von Religion und Gesellschaft, konnte durch die internationale Zusammensetzung der Teilnehmenden und Lehrenden von unterschiedlichen Standpunkten aus beleuchtet werden, stellen sich doch die Verhältnisbestimmungen von Religion und Gesellschaft in den verschiedenen Herkunftsländern selbstredend ganz unterschiedlich dar. Gefördert wurden diese aufschlussreichen internationalen Vergleiche und Austauschprozesse nicht zuletzt durch die didaktische Anlage der Lehrveranstaltung, die zahlreiche methodisch überlegte Elemente der Interaktion, der Gruppenarbeit und des Teamteachings vorsah. Dadurch war ein Einblick in die und ein Ausprobieren der spezifischen Lehr- und Lernkultur der Gastgeberuniversität möglich. Inhaltlich auffallend war die enge Verzahnung sozialwissenschaftlicher und theologischer Perspektiven bei den Studienangeboten, aber auch bei den Forschungsinteressen der Lehrenden, wie etwa die an den Gastvortrag angeschlossene intensive Diskussion mit den KollegInnen ergab.

Religion(en) und Gesellschaft, Staat und Kirche(n) in Norwegen

Über das engere Umfeld der Universität hinaus, war es – nicht zuletzt angesichts der Thematik der Vorlesung und aufgrund instruktiver Einführungen durch die gastgebenden WissenschaftlerInnen – möglich, Einblick in die spezifischen Bedingungen von Religionen, Religionsgemeinschaften und Kirchen in Norwegen zu nehmen. Einerseits blickt Norwegen auf eine lange Tradition eines „Staatskirchentums“ zurück, die nachwirkt; andererseits zeigen sich deutliche Entwicklungen zur Säkularisierung, zum Bedeutungsverlust insbesondere der christlichen Religion in der norwegischen Gesellschaft der Gegenwart. Zugleich ist eine (zunehmende) Präsenz des Islam gerade in der Hauptstadt Norwegens unübersehbar. Im Hinblick auf die Ökumene ist die Situation der christlichen Kirchen unter norwegischen Verhältnissen (also etwa einer zahlenmäßig nach wie vor starken protestantischen und einer relativ kleinen, aber durch Migration auch wachsenden katholischen Kirche) und der Vergleich mit der kirchlichen Lage in Österreich erhellend.

Gesellschaftspolitische Beobachtungen

Ein Aufenthalt an der VID in Oslo mit ihren Studien- und Forschungsschwerpunkten in Diakonie, Sozialwissenschaft und Sozialarbeit schärft auch den Blick auf die sozialen Verhältnisse in Norwegen, etwa den Status des Sozialstaats. Tatsächlich lassen sich, wie von skandinavischen Ländern bekannt, ein elaborierter Sozialstaat und dessen gesellschaftspolitische Implikationen beobachten. So ist z.B. die Kinderbetreuung in Norwegen sichtbar stark ausgebaut, die Erwerbstätigkeit von Frauen entsprechend hoch. Mein Eindruck war, dass damit eine spezifische Familienkultur entsteht, innerhalb derer tagsüber Kinder und erwerbstätige Eltern getrennt sind, zugleich jedoch die gemeinsame Familienzeit am späten Nachmittag und Abend vom Zugriff der Erwerbsarbeit relativ geschützt ist, damit als „Quality time“ wahrgenommen und genutzt werden kann. Zugleich stellen sich in Norwegen Fragen nach dem Umbau sozialstaatlicher Absicherungen und die Rolle, die Religionen und ihre Einrichtungen (Diakonie, Caritas, …) dabei spielen können und sollen.

Kultur der Gastfreundschaft

Gastfreundschaft aus einem theologischen und sozialphilosophischen Blickwinkel war nicht nur das Thema meiner Gastvorlesungen, sondern auch meine eindrucksvollste Erfahrung in Oslo. Prof.in Stephanie Dietrich und ihre Kolleginnen und Kollegen haben mich auf das Herzlichste an der VID willkommen geheißen und mir den Aufenthalt inhaltlich und atmosphärisch zu einer äußerst bereichernden Erfahrung werden lassen. Berufliche und freundschaftliche Gespräche und Kontakte gingen fließend ineinander über. Für diese menschlichen Erfahrungen herzlicher Gastfreundschaft bin ich überaus dankbar.

Linz im November 2017
Ansgar Kreutzer