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„Jägerstätter digital“ – Projekt zur Erstellung einer digitalen Edition

Projektbeschreibung

Ein Langzeitprojekt des Franz und Franziska Jägerstätter Instituts ist die Erstellung einer historisch-kritischen Edition des gesamten Jägerstätter Bestandes, der seit Juni 2018 im Besitz der Diözese Linz ist und als „Sammlung Haus Jägerstätter“ im Diözesanarchiv verwahrt wird. Der Bestand umfasst 94 von Franz Jägerstätter verfasste, 181 an ihn adressierte Briefe und 101 Schreiben von Dritten an Dritte sowie diverse Lebensdokumente von Franz Jägerstätter, darunter vier Hefte mit Notizen und Gedanken, Aufzeichnungen aus dem Wehrmachtuntersuchungsgefängnis Berlin-Tegel sowie Notizen auf losen Blättern und ein Notizbuch. Diesen Bestand gilt es im Rahmen des Projektes „Jägerstätter digital“ zu edieren. Der Fokus des Editionsprojektes liegt vorerst auf der Erstellung einer digitalen Edition, mit dem Ziel, neue Standards und Möglichkeiten innerhalb der Jägerstätterforschung zu setzen, den Briefbestand einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen, interdisziplinäre Forschungszugänge zu fördern und neue Forschungsfragen zu entwickeln. 
Das besondere bei diesem Editionsprojekt ist die Verbindung zweier zumeist getrennt voneinander durchgeführten Arbeitsschritte: die Erstellung einer digitalen Edition mit archivalischer Tiefenerschließung der Briefe und Lebensdokumente. Die von uns in XML erfassten Metadaten werden in den nächsten Jahren in das Archivinformationssystem des Linzer Diözesanarchivs eingespielt, wo der Bestand nach der wissenschaftlichen Bearbeitung durch das FFJI aufbewahrt und zugänglich sein wird. Mit dem Projekt „Jägerstätter digital“ sollen die Quellen dauerhaft für die Nachwelt gesichert und damit den Anforderungen einer Langzeitarchivierung gerecht werden. Dies stellen wir durch die Repräsentation der Daten in XML, die unterschiedlichen Präsentationsformen (digital und Druckversion) sowie die Digitalisierung des Bestandes sicher. 
Ausgangspunkt der Edition bildet der digitalisierte Quellenbestand, der um eine diplomatische Umschrift, eine Lesefassung der Briefe und Lebensdokumente sowie der Erschließung von Metadaten zu den einzelnen Ego-Quellen ergänzt wird. Gemäß editorischen Standards, versehen wir die Lesefassung mit einem historisch-kritischen Anmerkungsapparat und erstellen Personen-, Orts und Bibelstellenverzeichnisse. Bei der diplomatischen Umschrift handelt es sich um die wortgetreue Transkription der Briefe und Lebensdokumente. Aufgrund bereits erfolgter Transkriptionen im Zuge des Seligsprechungsprozesses durch Dr.in Monika Würthinger, damalige Leiterin des Diözesanarchiv Linz, ist es uns möglich, auch diese in die digitale Edition einzubinden. 
Der Mehrwert des Projektes „Jägerstätter digital“ besteht darin, dass die Daten jederzeit weiterverarbeitet, beliebig zusammengestellt und in jeglicher Form präsentieren werden können – digital oder als Spin offs in Form von Druckausgaben oder e-books. Zudem kann die digitale Edition jederzeit erweitert oder ergänzt, beispielsweise um den Bestand von Franziska Jägerstätter, und auch die Texte mit weiteren Informationen angereichert werden. Zudem vereinfachen Such- und Filterfunktionen das Lesen und die Nutzung der Edition.

Projektziele

  • Erarbeitung einer Lesefassung mit historisch-kritischen Anmerkungsapparat, Personen-, Orts und Bibelstellenverzeichnis
  • Erstellung einer diplomatischen Umschrift auf Basis vorhandener Transkriptionen im Word Format
  • Archivalische Tiefenerschließung des Quellenbestandes
  • Präsentation der Daten digital sowie als Print-Spin off
  • Sicherstellung der Langzeitarchivierung

Standards der digitalen Edition

Die Arbeit an der digitalen Edition ist im Forschungsbereich der Digital Humanities angesiedelt. Zentral dabei ist, neben der Digitalisierung des Bestandes in Form von hochauflösenden Scans (400dpi), sogenannte „born digital sources“, sprich digitale Quellen, zu erstellen. Dabei geht es darum den Text in Daten zu repräsentieren. Dazu müssen die Quellen in eine Sprache übersetzt werden, die für den Menschen und Computer lesbar ist. Das bedeutet, die Inhalte der Briefe und Lebensdokumente werden in XML (extensible markup Language), ein vom World Wide Web Consortium (W3C ) eingeführter Standard zur Dokumentenauszeichnung, übersetzt. Zur Kodierung und zum Austausch der Textdaten wird das Dokumentenformat TEI (Text Encoding Initiativ), welches auf XML basiert und mittlerweile als Standard in den digitalen Geisteswissenschaften gilt, verwendet. https://www.tei-c.org/release/doc/tei-p5-doc/de/html/index.html
Die Herausforderung bei diesem Editionsprojekt liegt darin, die archivalische Tiefenerschließung mit der erschließenden Wiedergabe historischer Dokumente zu verbinden. Im Bereich der Archivierung orientieren wir uns an den Standards zur Ressourcenerschließung mit Normdaten in Archiven und Bibliotheken (RNAB) für Personen-, Familien-, Körperschaftsarchive und Sammlungen. Dabei werden zu jedem Brief folgende Kernelemente erhoben: Signatur, Titel, Sender/innen und Empfänger/innen, Zeit, Ort, Umfang, Form, Sprache, Inhalt, Geschichte/Provenienz, physische Beschreibung des Dokuments, Kategorisierung (Korrespondenzen oder Lebensdokumente). 
Zudem werden die Quellen gemäß editorischen Standards mit einem historisch-kritischen Anmerkungsapparat angereichert und Personen-, Orts- und Bibelstellenverzeichnisse erstellt. Bei dieser Arbeit orientieren wir uns an open access Anwendungen und auch wir stellen die Quellcodes unserer Arbeit für andere ForscherInnen bereit.  
 

Projektphasen: 
Konzeption – Umsetzung – Veröffentlichung – Langzeitarchivierung 

Das Projekt setzt sich aus vier unterschiedlichen Phasen zusammen, die stets ineinandergreifen, dennoch aber getrennte Arbeitsschritte darstellen. 

Konzeption (Oktober 2018 bis Februar 2019)

In der Konzeptionsphase wurden die wesentlichen Ziele und Anforderungen der digitalen Edition festgelegt. Da es im Bereich digitaler Editionen bislang keine Leitlinien oder Standards gibt, orientierten wir uns an sogenannten best-practise Beispielen, tauschten uns mit anderen Projektinitiator/innen aus und vernetzten uns mit unterschiedlichen Institutionen sowie Forschungseinrichtungen. Nach einem Auslosten der finanziellen, personellen und inhaltlichen Möglichkeiten konnte ein Konzeptpapier erarbeitet werden. 

Umsetzung (Februar 2019 bis aktuell)

In der zweiten Phase, in der wir uns gerade befinden, wurde mit der konkreten Umsetzung des digitalen Editionsprojektes begonnen. Als erster Schritt galt es, die technischen Voraussetzungen für die Arbeit an der digitalen Edition (XML-Editor Oxygen https://www.oxygenxml.com/) zu schaffen, sich mit den Standards der Editionstechnik und Codierungen nach TEI vertraut zu machen und eine TEI Vorlage zur Codierung der Briefe und Lebensdokumente zu erstellen. Daraufhin wurde mit der Datenmodellierung gestartet und der Briefbestand codiert. 

Präsentation & Langzeitarchivierung (2020)

Neben der Codierung der Texte, müssen die dritte und vierte Phase, die Präsentation und Langzeitarchivierung der Daten bereits mitgedacht werden. Dazu haben wir unterschiedliche online Editionsprojekte analysiert und einen Katalog erstellt, in welcher Form unsere Daten präsentiert werden sollen. Zudem wurden bereits erste Gespräche mit Forschungseinrichtungen zur Langzeitarchivierung geführt und dieser Prozess unter der Leitung der Bibliothek der KU-Linz eingeleitet.

Text: Verena Lorber