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Kontrast

Prof. Michael Rosenberger: Nicht zu "business al usual" zurückkehren.

Ein Weniger kann auch ein Mehr sein. In der heutigen Ausgabe der Oberösterreichischen Nachrichten beschreibt Dr. Michael Rosenberger, Professor für Moraltheologie an der Katholischen Privat-Universität Linz, in der Kolumne "Die Sicht der anderen" mögliche Auswirkungen und Lerneffekte der Coronavirus-Krise.

Nicht zu "business as usual" zurückkehren.

Am Freitag habe ich wie jedes Jahr ein einwöchiges Fasten begonnen – zur unmittelbaren Vorbereitung auf Ostern. Nichts essen – aber sehr viel trinken: Wasser, Saft, Tee, leere Suppe. Die Umstellungsphase der ersten beiden Tage ist etwas mühsam, danach aber – man mag es kaum glauben – geht es fast von selbst. Der Hunger ist verflogen, der Körper fühlt sich wohl, die Stimmung ist gut.

Außerordentlich schwierig ist jedoch der Wiederbeginn des Essens nach dem Fasten. Erfahrene FastenbegleiterInnen warnen eindringlich vor dem „Jo-Jo-Effekt“. Sie erinnern sich: Jo-Jo ist die Scheibe, die sich an einem Faden auf und ab bewegt. Der Jo-Jo-Effekt nach dem Fasten meint, dass man das ganze Gewicht, das man in den Fastentagen verloren hat, sofort wieder zunimmt – und am Ende schwerer ist als vor dem Fasten.

So einen Jo-Jo-Effekt kennen Psychologie und Ökonomie auch im Anschluss an große (Wirtschafts-) Krisen. Sie nennen ihn „Nachholeffekt“. Alles, worauf wir jetzt in der Corona-Krise schmerzlich verzichten müssen, so ihre Erfahrung, werden wir hinterher umso schneller und intensiver nachholen. Ja, mehr als das: In Summe werden wir am Ende sogar mehr konsumieren als vorher. Das könnte heißen: Nach der Krise feiern wir mehr und größere Feste als vorher; fliegen wir öfter und noch weiter in den Urlaub; kaufen wir mehr und teurere Produkte als die, die wir während der Krise nicht kaufen konnten.

Vielleicht werden Sie fragen: Wie soll das gehen, wo doch in der Krise viele Menschen ihren Arbeitsplatz verloren haben oder durch Kurzarbeit weniger Geld zur Verfügung haben? Stimmt schon, es wird ein Weilchen dauern, bis die Nachholeffekte in voller Breite einsetzen. Aber mit hoher Wahrscheinlichkeit werden sie kommen.

Die Wirtschaft sieht solche Nachholeffekte naturgemäß gerne. Das System kommt wieder in Schwung und gibt vielen Menschen Arbeit und Brot. Eine sehr entlastende Perspektive. Allerdings verpuffen dabei leicht auch die Effekte, die uns und der Umwelt gerade gut tun: Zu entschleunigen und etwas langsamer zu leben; sich Zeit zu nehmen für die Dinge, die im Leben wirklich wichtig sind; weniger Treibhausgase in die Atmosphäre zu blasen; weniger Naturräume zu zerstören.

In vieler Hinsicht kann ein Weniger auch ein Mehr sein – an Lebensqualität, an Miteinander, an Solidarität. Manche Nachholeffekte nach einer Krise sind sinnvoll und notwendig. Aber viele würden uns und der Umwelt schaden. Wir hätten aus der Krise nichts gelernt.

Dem sollten wir schon jetzt entgegenwirken: Indem wir Einzelnen uns klarmachen, was uns in diesen Zeiten wirklich abgeht – und indem die Regierung schon jetzt die Weichen für einen konsequent grünen Nachholeffekt stellt.

7.4.2020/he

Univ.-Prof. Dr. Michael Rosenberger.

Univ.-Prof. Dr. Michael Rosenberger.