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Kontrast

Prof. Isabella Guanzini über eine Gesellschaft ohne Hautkontakt.

Seit Wochen ersucht die Bundesregierung die Bevölkerung Abstand zu halten. Um die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen, wird auf physische Distanz gesetzt. Tatsächlich sprechen die Zahlen für den neuartigen sozialen Umgang der Berührungslosigkeit. DDr. Isabella Guanzini, Professorin der Fundamentaltheologie an der Katholischen Privat-Universität Linz, beschreibt in einem Interview mit orf.at die Haut als Schnittstelle zwischen Mensch und Gesellschaft.

Haut ist die Grenze des Menschen ebenso wie die Oberfläche, mit der Welt empfindend in Kontakt zu treten. Doch was passiert mit einer Gesellschaft, die sich im Moment eine zweite Haut anzieht? "Wir tragen zwei Formen von Haut mit uns", so die italienische Theologin und Philosophin Isabella Guanzini, die an der KU linz lehrt. Grundsätzlich koppelt Haut in ihrer ersten Funktion das Wechselspiel aus Distanz und Sehnsucht nach Nähe. Als zweite Haut sind die kulturellen Muster zu verstehen, die sich alle über unsere Haut einschreiben.

Natürlich, so bekennt Guanzini, gäbe es Kulturen, in denen die zweite Haut eine größere Rolle spiele als in anderen. Die momentanen Abstandsregeln führen uns zu Bewusstsein, wie sehr wir ungeachtet kultureller Unterschiede ein Bedürfnis nach Berührung haben. Der Austausch über digitale Medien wie Zoom oder Skype stiftet zwar unmittelbare Kontakte, dennoch erleben wir das Fehlen einer körperlichen Präsenz des Gegenübers beim Sprechen als misslich.

Klar ist für die Theologin auch, dass alle Verbote, etwa jenes, sich die Hand zu geben oder bei Begrüßungen zu umarmen, genau jenes Verlangen nach Berührung und Überschreiten des Verbotenen erzeugen würden. In der jetzigen Situation wird deutlich, wie viel Bedürfnis der Mensch nach Berührung hat. Der im Moment gefühlte Verlust von Körperlichkeit eröffnet für Guanzini eine Grundfrage bezüglich Weltverständnis: "Wollen wir ein – ich nenne es – ‚gnostisches Verständnis‘ von der Welt, das sehr intellektuell ist, die Fehlerhaftigkeit des Körpers sieht und diesen letztlich hinter sich lassen will, so wie es etwa auch die platonische Philosophie anstrebt?" Demgegenüber stehe ein christliches Verständnis des Körpers, das gerade die Hinfälligkeit des Körpers betrachte und diesen in seiner Verletzlichkeit in den Mittelpunkt stelle, so Guanzini, die bekennt, dass die Kirche mit dem Körperlichen über Jahrhunderte selbst im Konflikt gewesen sei.

Körper als Schauplatz gesellschaftlicher Debatten

Für Guanzini sind der Körper und die Körperlichkeit ein zentraler Schauplatz gesellschaftlicher Diskurse – und er ist für sie auch ein Ort der Offenbarung, an dem Stärken und Zerbrechlichkeiten sichtbar werden. Den Verlust an Körperlichkeit durch die Coronavirus-Krise sieht Guanzini aber als prägende, kollektive Erfahrung: "Wir entdecken im Moment, dass wir ein gemeinsames Schicksal haben. Und umso mehr entdecken wir gerade jetzt, dass die Präsenz des anderen für uns entscheidend ist."

Die Haut, so beschreibt es der Schweizer Historiker Philipp Sarasin, sei seit dem 18. Jahrhundert eine „Schnittstelle zwischen Subjekt und Gesellschaft“. Die Haut ist ein zentraler Schauplatz, wenn es um die Erfahrung mit dem Körper geht. „Als Menschen oszillieren wir zwischen Abstand und Verbundenheit, zwischen Nähe und Distanz.“, erzählt Guanzini. Die Maske als eine Art von zweiter Haut des Menschen erhöht demgemäß das Erlebnis vom Schutz. Gleichzeitig macht es die Grenzziehungen zum anderen noch deutlicher.

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17.4.2020/kd/he

Univ.-Prof. DDr. Isabella Guanzini. ©midivertounmondo

Univ.-Prof. DDr. Isabella Guanzini. ©midivertounmondo