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Kontrast

Niki Popper über die Darstellung von Daten als Abbild der Realität.

Im Rahmen der Vortragsreihe "Stichproben", eine Kooperation des Mittelbaus der Katholischen Privat-Universität Linz mit dem Kepler Salon, thematisierte Simulationsforscher Niki Popper am 7. Juli 2020 die verschiedenen Methoden der Datenabbildung.

Die neue "Stichprobe" im Kepler Salon fand erstmals per YouTube-Stream statt. Aufgrund der Sicherheitsbestimmungen konnten nur wenige Gäste vor Ort anwesend sein. Eingeladen war der "Herr der Zahlen" Niki Popper. Der Mathematiker und Simulationsforscher hat in den vergangenen Monaten dadurch Bekanntheitsgrad erlangt, dass er die Regierung mit Zahlen und Kurven und – noch viel wichtiger – mit der Interpretation der Zusammenhänge, die sich in und durch diese Modelle lesen lassen, versorgt hat. Vor seinem Vortrag "Modell, Projektion und Wirklichkeit" stellte ihm Gastgeberin Aloisia Moser, Ass.-Prof.in am Institut für Geschichte der Philosophie (KU Linz), eine Frage die – wie es bei den Stichproben Tradition ist – durch das Bibelstechen1 beantwortet werden sollte. Die Frage bezog sich auf die Zahlenkurve während der Coronazeit, die auch als Berg dargestellt werden kann und die Gefahr einer zweiten Welle: "Werden wir den Berg noch ein zweites Mal besteigen müssen?"2 war die Frage und die Bibelstelle, die Niki Popper "anstach" warnte davor, den Propheten unterschätzt und verlacht zu haben.

In seinem Vortrag mit vielen Beispielmodellen (leider im Stream nicht so gut sichtbar) sprach Niki Popper über die verschiedenen Methoden des Modellbauens oder Datenabbildens. Er meinte, Modelle wären nicht Selbstzweck, sondern versuchten "richtig" abzubilden. Gleichzeitig ist es natürlich nicht nur eine Messung von Daten, die abgebildet wird, sondern verschiedene Modelle sind Antworten auf verschiedene Fragen. Das Modell spiegelt so die Realität oder stellt sie dar oder bildet sie ab - alles schwierige philosophische Begriffe.

Mit der Coronakrise gab es plötzlich ein weltweites Realexperiment, in dem die Modelle für Vorhersagen gebraucht wurden. Gerade zu Beginn ging es vorwiegend um Ressourcenplanung und das Modell sollte das schlimmste Ergebnis voraussagen, damit man gegensteuern konnte. Dies war etwa der Grund dafür, warum in der Messehalle Wien viele Krankenhausbetten eingerichtet wurden. Dass diese letztlich nicht benötigt worden waren, macht aus dem Modell keine falsche Prognose, sondern zeigt, dass Modelle ständig angepasst werden müssen und dass es eine Zeitverzögerung gibt. Dass die Zahlen oder Daten alleine nichts bedeuten, sondern in dem Modell interpretiert werden müssen, stand immer wieder im Vordergrund. Wenn wir davon ausgehen, dass die Wirklichkeit die gemessenen Werte sind, meinte Popper, dann gehe es um ein Postulieren der Zusammenhänge oder Wirkmechanismen. Die Modellierung ist die Rückrechnung aus gemessenen Daten. Es stellt sich dann die Frage, welches Modell sich für eine bestimmte Frage eignet. Und dass es besser ist, verschiedene Modelle zu haben mit verschiedenen Fragestellungen und die dann auch untereinander abzugleichen, da wir ja keinen direkten Zugang zur Realität, und damit das perfekte 1:1 Modell haben können.

Es kamen sowohl aus dem kleinen Publikum als auch durch den Chat und per Facebook Fragen an Niki Popper, die sich immer wieder auf die Form der Modelle bezogen. Eine Frage aus dem Raum betraf die Ästhetik des Modells, und welche Rolle es beim Argument des Modells spielt. Poppers Antwort strich noch einmal heraus, dass die Modelle dafür gebaut würden, Wirkmechanismen zu beschreiben. Eine weitere Frage, die diesen Gedanken aufnahm, war, ob denn Modelle nicht überhaupt nur Überzeugungswerkzeuge wären, und man mit oder durch sie überhaupt genuines Wissen über die Welt gewinnen könne. Dieses heuristische Element, also der zusätzliche Erkenntnisgewinn, kann manchmal genau durch eine gute Darstellung – Ludwig Wittgenstein würde es eine übersichtliche Darstellung nennen – gefunden werden. Aber es ist auch Wittgenstein, der in seiner frühen Philosophie eine interessante Theorie des Satzes oder Gedankens als Modell vertritt. So ergänzte die Gastgeberin, dass Wittgenstein im Traktatus-Logico-Philosophicus3 schreibt, dass ein Satz eine Art von Modell ist, indem er eine Sachlage probeweise zusammenstellt, oder genauer in Satz 4.01, dass der Satz "ein Modell der Wirklichkeit, so wie wir sie uns denken" ist. Das Modell hat dann gewisse Eigenschaften und Relationen mit den entsprechenden Gegenständen in der Welt gemeinsam. Es scheint dann aber so, als gäbe es auf der einen Seite die wahre Wirklichkeit und auf der anderen Seite die richtige Abbildung davon. Wenn man den Traktatus genauer ansieht, merkt man, dass Wittgenstein nicht eine Bildtheorie, sondern eher eine Bebilderungs- oder Projektionstheorie vertritt. Damit ist das Modell nicht Abbild der Wirklichkeit, sondern im Modell sind probeweise die Sachlagen zusammengestellt und auf die Wirklichkeit projiziert.

Eine Frage betraf Aspekte der Wirklichkeit, die in einem Modell einfach nicht vorkommen, zum Beispiel die Vereinsamung der alten Menschen, also emotionale Aspekte. Niki Popper erwiderte darauf, dass ein Modell eine Fragestellung modellieren würde, die diesen Aspekt nicht in Betracht zieht. Darauf kam aus dem Raum eine Nachfrage, ob man sich da einfach so rausziehen könne zu sagen: "das haben wir ja nicht modelliert" – dass dies ein ethischen Problem wäre. Wieder betonte Popper, dass man deshalb viele verschiedene Fragestellungen und verschiedene Modelle braucht, um sich an die Wirklichkeit anzunähern. Er gab auch zu, dass, sobald eine Ethikerin zu einer entscheidungstreffenden Gruppierung dazukäme, sich die Fragestellung ändern würde und neue Modelle gebaut werden müssten.

Und, nachdem man entschieden hat, welches Modell sich für welche Frage eignet und dann die Wirkzusammenhänge gesehen hat, bleibt noch immer die Frage, welche Entscheidungen getroffen werden. Diese Entscheidungen sind im Grunde die Verkürzung der Interpretation des Modells und im Falle der Modelle für Corona, die Frage welche Regelungen und Anordnungen getroffen werden. Auch hier ist es wesentlich zu sehen, wer in der Gruppe der Entscheidungsträger ist.

Mit der letzten Frage versuchte die Gastgeberin Niki Popper dazu zu bekommen, eine Empfehlung für Oberösterreich oder Österreich abzugeben, damit wir "diesen Berg nicht noch einmal erklimmen müssen".  Aber als guter Modellbauer und Simulationsexperte ließ Popper sich nicht auf eine schnelle Modellbildung und Prognose und damit einhergehende verkürzte Interpretation ein, sondern betonte noch einmal, dass laut seinen Modellen das Containment – also die Verfolgung von "Superspreadern", das Testen und in Quarantäne Stellen – die beste Maßnahme sei.

10.7.2020/am, kd


Das Bibelstechen ist eine mantische Technik, bei der ein Messer in eine Bibel gestochen wird, um eine Stelle – diejenige bei der die Messerspitze stecken bleibt – auszuwählen, mit der dann eine anstehende Frage beantwortet werden soll.

Bei der Pressekonferenz am 29. Juni 2020 verdeutlichte Gouverneur Andrew M. Cuomo anhand des Modells von einem Berg die Kurve der Covid-Inifizierten. Aufgrund der Einhaltung der gesetzten Maßnahmen flachte die Kurve ab und er kommentierte: „We do not want to climb this mountain again.“

Wittgenstein, Ludwig: “Tractatus Logico-Philosophicus” in Werkausgabe Bd. 1. Frankfurt: Suhrkamp, 1995.

Vortragender Niki Popper sitzt mit Moderatorin Aloisia Moser vor dem Publlikum.

Mathematiker und Simulationsforscher Niki Popper zu Gast bei der Vortragsreihe "Stichproben" im Kepler Salon.