Schrift:
A
A+
A++
Kontrast

Max Gottschlich über biologische und geistige Selbsterhaltung.

Aktuell wird die Legitimation der von der Bundesregierung getroffenen Schutzmaßnahmen im Zuge der Corona-Krise diskutiert. In der heutigen Ausgabe der Oberösterreichischen Nachrichten beschreibt Ass.-Prof. DDr. Max Gottschlich vom Institut für Praktische Philosophie / Ethik in der Kolumne "Die Sicht der anderen" die Substanz des modernen Selbstverständnisses des Menschen: die Freiheit.

Biologische und geistige Selbsterhaltung.

Die Auseinandersetzung um den Umgang mit der Covid-19-Pandemie geht an die Substanz des modernen Selbstverständnisses des Menschen: die Freiheit. Schon die Lage wird gegensätzlich gedeutet. Flacht sich die "Kurve" ab und bleibt das Katastrophenszenario im medizinischen Sektor aus, so verbuchen dies die einen als Bestätigung der Maßnahmen. Die anderen sehen darin einen Beleg dafür, dass Ängste geschürt wurden, ohne Not Grundrechte im großen Maßstab ausgehebelt wurden und in unverantwortlicher Weise unabsehbare Kollateralschäden in Kauf genommen wurden.

Die Auseinandersetzung hat, im Abstand betrachtet, zwei erfreuliche Aspekte:

Erstens dies, dass diese stattfindet. Der Mensch ist nicht bloß handelndes Wesen, das durch Anweisungen zweckmäßig zu steuern wäre, sondern er muss sein Handeln immer auch deuten. In Zeiten der Not sind schnelle Handlungsanweisungen im Interesse der biologischen Selbsterhaltung erforderlich. Doch es gibt auch eine geistige Selbsterhaltung. Diese fordert, sich über die Voraussetzungen und Konsequenzen dieser Handlungsanweisungen Gewissheit zu verschaffen. Gerade im "Ausnahmezustand" sollte das Bewusstsein der Regel oder Norm, an der sich ein Leben in Freiheit bemisst, wachgehalten werden.

Zweitens gibt es gewichtige Punkte, die weitgehend außer Streit gestellt sind: der Gedanke, dass Recht nicht gesetzliches Unrecht werden soll, dass die Einschränkung von Grundrechten nicht Sache einer willkürlichen Setzung sein kann, sondern belastbare Gründe braucht; dass diese Gründe transparent gemacht werden müssen; dass die Maßnahmen sowohl im Einzelnen als auch in Summe verhältnismäßig sein müssen; dass diese Verhältnismäßigkeit in der Wahl jener Mittel besteht, die nicht nur zweckmäßig überhaupt sind, sondern die gelindesten zum Ziel führenden Maßnahmen darstellen und dass diese auch rechtlich evaluiert und nötigenfalls modifiziert werden müssen.

Dies beruht auf einem Konsens in grundsätzlicher Hinsicht: dass Recht und Staat freiheitsermöglichend sind, ja selbst Präsenz von Freiheit sind und sein sollen. Recht ist nicht bloß ein Instrument zur effektiven Verhaltensregulierung, das durch den Staat als übermächtigen Souverän gesichert wird. Ein Staat, der auf Todesangst beruht, kennt für Sicherheitsgesetze kein Maß. Manche meinen, dass wir uns heute bedenklich an ein solches Verständnis angenähert haben. Verfechter der Maßnahmen bestreiten dies. Beide Seiten sind, so scheint es, überzeugt, dass sich die praktischen Regeln durch ihre Rückbezüglichkeit auf das Recht als Ausdruck der Freiheit legitimieren. Wenn ein Konsens darüber besteht, ist viel gewonnen.

Den Volltext "Biologische und geistige Selbsterhaltung des Menschen in Zeiten der Pandemie" finden Sie hier. Einen Beitrag darüber, warum die Philosophie gerade in Krisenzeiten etwas zu sagen hat, können Sie hier nachlesen.

5.5.2020/kd

Ass.-Prof. DDr. Max Gottschlich. (c) Martin Zillner

Ass.-Prof. DDr. Max Gottschlich.