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Kontrast

Lebensgeschichten zwischen Judentum und Christentum.

Zahlreiche BesucherInnen folgten der Einladung des christlich-jüdischen Komitees zur Veranstaltung zum Tag des Judentums am 16. Jänner 2020 an die Katholische Privat-Universität Linz. Unter dem Titel "Leben zwischen Judentum und Christentum – in Vergangenheit und Gegenwart" gingen die ReferentInnen der Frage nach, wie Judentum, Christentum oder auch beide Religionen die Identität von Menschen prägen.

Im historischen Teil des Abends zeigte Assoz. Univ.-Prof.in Dr.in Birgit Kirchmayr (JKU Linz), wie in der nationalsozialistischen Ideologie die Identität von Menschen von außen durch die fatalen "Nürnberger Rassegesetze" bestimmt und festgelegt wurde. Wer "jüdisch" war, wurde durch "Blutsdefinitionen" bestimmt. Die eigene Glaubenszugehörigkeit oder Religiosität spielte dabei keine Rolle. Mit perfiden Begriffen wie "Mischling", "volljüdisch", "halbjüdisch" und "vierteljüdisch" wurden Menschen kategorisiert. Kirchmayr beschrieb anhand zweier Biographien von Frauen aus Linz die konkreten Auswirkungen dieser schrecklichen Definitionen und Gesetze. Die beiden Christinnen waren aufgrund einer Beziehung mit einem Juden bzw. eigenen jüdischen Vorfahren direkt davon betroffen. Kirchmayr mahnte ein, diese schrecklichen Begriffe und Logiken immer wieder zu hinterfragen, zu dekonstruieren und die herabwürdigende und menschenfeindliche Ideologie dahinter zu entlarven.
 
Ing. lic.theol. Elias Ungar gab Einblicke in seine bewegte Lebens- und Familiengeschichte, die sich zwischen Judentum und Christentum ereignete. Sein jüdischer Vater und seine zum Judentum konvertierte (zuvor katholische) Mutter schafften es, während der NS-Herrschaft Österreich zu verlassen und nach Palästina zu emigrieren. Sie kehrten nach dem Krieg nach Linz zurück, wo auch Elias Ungar geboren wurde. Sein geistiger und spiritueller Lebensweg führte ihn vom Judentum über den Katholizismus, vom Engagement in Friedensbewegungen bis hin zum Noviziat in einem Kloster am Berg Athos und danach zum Studium der Orthodoxen Theologe, später zum Studium der Religionswissenschaft und Judaistik. In einem sehr persönlichen Vortrag beleuchtete er die Fäden seines Lebensteppichs und reflektierte die Muster, die daraus im Rückblick erkennbar wurden.
 
In einer Gesprächsrunde, unter der Moderation von Mag. Günter Merz, tauschten sich die Gäste darüber aus, was es heute bedeutet, jüdisch zu sein oder jüdische Wurzeln zu haben. Brigitta Oberforster-Nagar lebte lange Zeit mit ihrer Familie in Israel und seit kurzem wieder in Oberösterreich. Sie konvertierte vor über 15 Jahren zum Judentum und erzählte vom Leben als Jüdin in einer überwiegend christlichen Gesellschaft einer kleinen Landgemeinde. Dr. Harry Merl, langjähriger Arzt am ehemaligen Wagner-Jauregg-Krankenhaus und Begründer der systemischen Familientherapie in Österreich, überlebte als eines der wenigen jüdischen Kinder die NS-Zeit in Wien. Er beschrieb u. a. die "jüdische Zurückhaltung", ein Bedürfnis, nicht aufzufallen, das sich bei vielen jüdischen Menschen nach der NS-Schreckensherrschaft tief eingeprägt hat. Dr.in Charlotte Herman wuchs in Linz auf, lebte dann in Israel und ist seit 2013 Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde in Linz. Sie erzählte von ihrer jüdischen Kindheit in Linz und ihren Erfahrungen in der Kultusgemeinde.
 
Eines zeigte der Abend deutlich: Religionen sind keine abgeschlossenen Inseln. Auch Judentum und Christentum sind miteinander verwoben, auch in Lebensgeschichten von Menschen – aufgrund von Konversionen, interreligiösen Ehen oder einfach dem Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Religionszugehörigkeit.

Quelle: Diözese Linz (Gudrun Becker | Referat für Ökumene und Judentum) / © Franz Reischl

20.01.2020/kd
 

Gesprächsrunde beim Tag des Judentums.

Gesprächsrunde beim Tag des Judentums.