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Kontrast

Imelda Rohrbacher über Gefühle in der Literatur der Frühen Neuzeit.

"Stichproben" ist der Titel der aktuellen Vortragsreihe des Mittelbaus der Katholischen Privat-Universität Linz in Kooperation mit dem Kepler Salon. Am 10. März 2020 beschäftigte sich die Germanistin Imelda Rohrbacher auf Einladung von Aloisia Moser vom Institut für Geschichte der Philosophie der KU Linz mit der Frage, wie Gefühle um 1500 oder um 1700 dargestellt werden.

Bei der vorerst letzten Veranstaltung im Keplersalon fanden sich am Dienstagabend zwölf an der Frühen Neuzeit und ihrer Gefühlswelt interessierte Zuhörerinnen im Keplersalon ein, der gerade dabei war, alle Veranstaltungen aufgrund der Corona-Krise bis Ostern abzusagen. Gastgeberin Aloisia Moser, begann den Abend mit der Vorstellung der Germanistin Imelda Rohrbacher, die in Innsbruck, Wien und Pisa studiert hat. Sie ist Lehrbeauftragte am Institut für Germanistik der Universität Wien und wissenschaftliche Mitarbeiterin des FWF-Projekts "König, Weiser, Liebhaber und Skeptiker. Rezeptionen Salomos" in Linz. Traditionell begann der Abend mit einem "Bibelstechen", bei dem die Frage - was bei Imeldas Forschung rätselhaft geblieben sei - durch eine Bibelstelle beantwortet werden sollte. Imelda Rohrbacher hielt den Daumen zwischen die Seiten (das spitze Messer hat sie aus Bücherliebe verweigert) und traf just die Stelle, an der König Salomo Gott um Weisheit bittet. Durch Zufall hatte sich das Buch an dieser Stelle geöffnet.

Ihr Vortrag führte uns dann zu einem Fastnachtspiel aus dem Jahre 1466, "Das Spil von kunig Salomon mit den zweyen frawen", in dem Salomon mit (göttlicher) Weisheit entscheidet, welche von zwei Frauen die Mutter des Kindes ist, das von zwei Kindern überlebt hat. Salomo als Richter trifft die Entscheidung aufgrund der Gefühlsreaktion der Frauen, nachdem er das Urteil fällt, dass das Kind in zwei Hälften geteilt werden solle. Das Kind wird der Frau zugesprochen, die vor Entsetzen blass wird und zittert.

Als Ausgangspunkt brachte Rohrbacher die Beschreibung einer mittelalterlichen Zeremonie der deditio von Tivoli vor Kaiser Otto III im Jahre 1001, eine bewegende Beschreibung der Reuebezeigung der angesehenen Bürger, die in einer Art von Triumphzug "nur mit einem Lendenschurz bekleidet, in der Rechten ein Schwert und in der Linken eine Rute tragend, […] sich so zum Palast [bewegten]". Sie riefen, dass sie dem Kaiser gehörten und er ihnen auch das nackte Leben nehmen könne, wenn er sie für schuldig halte, oder sie am Pranger auspeitschen lassen könne. Sie erklärten "nie in ihrem Leben würden sie sich in Zukunft dem Befehl seiner Majestät widersetzen". Unterwerfungsakte wie dieser wurden als Beispiele einer zügellosen Bekundigung von Gefühlen im Mittelalter gelesen, als seien die Menschen damals kindlicher gewesen. Imelda Rohrbacher stellte die Sicht des Forschers Gerd Althoff dagegen, der nach genauerer Sichtung der Quellen Gefühlsausbrüche wie diese als codierte Nachrichten beschrieb, die deditio war nicht einfach ein Gefühlsausbruch, sondern eine Choreographie, die auch gleichzeitig mit der friedlichen Unterwerfung zur Begnadigung führte. In der anschließenden Diskussion wurde genau dieser Punkt angeregt diskutiert, dass hier eine Form von Gefühls-Körperbezeigung performativer Art geschah. Dass wir mit dem Sprechen nicht nur abbilden, sondern auch etwas in der Welt herstellen, ist die Idee der Performativität des 20. Jahrhunderts. Hier wird schon im Mittelalter performativ durch die Zeremonie nicht nur die Reue zum Ausdruck gebracht, sondern ritualisiert aufgeführt und erzeugt damit gleichzeitig die Vergebung.

Das dritte beeindruckende Beispiel der Darstellung und Besprechung von Gefühlen in der Neuzeit kommt aus M. de Scudérys Roman Clelie. Histoire romaine (1656-1660), dem eine "Carte de tendre", eine Art Landkarte, beigefügt ist, die den Weg zur Freundschaft auf drei verschiedenen Wegen einzeichnet. Eine wunderbare Diskussion über die feinfühligen Abgrenzungen im Land der Gefühle der Vergangenheit folgte.

Stichproben ist der Titel der neuen Vortragsreihe in Kooperation zwischen dem Mittelbau der KU Linz und dem Kepler Salon. Die Vorträge bohren gezielt in die Tiefe jeder der drei universitären Fachbereiche an der KU Linz: Theologie, Philosophie und Kunstwissenschaft, um Proben heraufzubefördern, die für alle drei Disziplinen von Gewicht sind. Gastgeberin ist Ass.-Prof.in Aloisia Moser vom Institut für Geschichte der Philosophie der KU Linz.

18.3.2020/he

Vortragsreihe Stichproben: Imelda Rohrbacher über Gefühle in der Literatur der Frühen Neuzeit.

Vortragsreihe Stichproben: Imelda Rohrbacher über Gefühle in der Literatur der Frühen Neuzeit.