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Kontrast

Gespaltene Gesellschaft? Die Krise als Ernstfall der Solidarität.

Ein Jahr nach der Ökumenischen Sommerakademie 2019 befinden wir uns in einer Krise, in der vieles, was damals tendenziell als "Spaltung der Gesellschaft" analysiert und diskutiert wurde, heute deutlicher zu sehen ist: Solidaritätsressourcen sind dabei ebenso klar hervorgetreten wie gesellschaftliche Spaltungen und soziale Differenzierungen. Anlässlich der Präsentation des Tagungsbandes diskutierten am Freitag, dem 3. Juli 2020 VertreterInnen von Kirche, Politik und Gesundheitswesen über Auswirkungen und Bewältigungskonzepte der aktuellen Corona-Krise als "Ernstfall der Solidarität".

Die individuellen Erfahrungen und ökonomischen Folgen der Maßnahmen zur Eingrenzung der Covid-19-Pandemie verdeutlichen die vorherrschenden Tendenzen gesellschaftlicher Spaltungen und fordern zu klaren Positionierungen in den politischen, wirtschaftlichen, gesundheitsökonomischen und auch kirchlichen Grundhaltungen heraus. Dazu nahmen im Rahmen der Pressekonferenz im OÖ Presseclub Diözesanbischof Dr. Manfred Scheuer, LH-Stellvertreterin Mag.a Christine Haberlander, Geschäftsführer Mag. Dr. Franz Harnoncourt von der Oberösterreichischen Gesundheitsholding, Univ.-Prof. Dr. Christian Spieß als Vorstand des Johannes-Schasching Institutes und Professor für Christliche Sozialwissenschaften an der KU Linz sowie Univ.-Prof. DDr. Severin Lederhilger als Generalvikar der Diözese Linz und Herausgeber des Tagungsbandes Stellung.

In den vergangenen Monaten war ein starker Zusammenhalt im Land spürbar, stellt Bischof Manfred Scheuer fest. Viele Menschen haben Einschränkungen und Verzicht in Verantwortung für das Gemeinwohl auf sich genommen. In der Krise wurde die Tragfähigkeit des österreichischen Sozialstaates unter Beweis gestellt. Die bewährte österreichische Tradition der Sozialpartnerschaft garantiere Stabilität und Verlässlichkeit und lege gute Grundlagen für eine solidarische Gesellschaft in Österreich. Scheuer streicht dazu die Prinzipien der katholischen Soziallehre: Person – Gemeinwohl – Solidarität – Subsidiarität und Nachhaltigkeit hervor. „Wir haben allerdings auch erlebt, dass eine Krise nicht automatisch zu Solidarität führen muss“, so Scheuer weiter. Es hat sich gezeigt, dass es keine homogene österreichische Gesellschaft gibt. Die Anliegen unterschiedlicher Interessenvertretungen auszutarieren war eine große Herausforderung. Es gehe nicht bloß um die Durchsetzung eigener Interessen, vielmehr „müssen jene, die sich für bestimmte Gruppen legitimer Weise einsetzen, auch das Gemeinsame im Blick haben“. Den Menschen wurde in den vergangenen Monaten die Fragilität unserer Gesellschaft bewusst. Es braucht daher das konstruktive Zusammenspiel von Wissenschaft, Politik und kulturellen bzw. religiösen Akteuren. „Zusammenarbeit ist ein Wert und keine Schwäche“, betont Bischof Scheuer.

Landeshauptmann-Stellvertreterin Christine Haberlander sieht es als gesamtgesellschaftliche Aufgabe, „möglichst viel von dem ‚Wir‘, das wir in den letzten Monaten aufgebaut haben, in eine Nach-Corona Zeit mitzunehmen“. Die Maßnahmen zur Eindämmung von Covid-19 wurden von einer überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung befolgt. Die Krise hat uns gezeigt, dass jeder ein Teil des Ganzen ist, und hat gerade jene vor den Vorhang geholt, die das System am Laufen halten. Der Zusammenhalt in der Gesellschaft, das gute Umgehen mit Unterschieden, Brüchen und Konflikten, ist ein entscheidendes Ziel, das jede Anstrengung wert ist. Es sei ureigene Aufgabe der Gesellschaft, Gemeinschaft zu sein und ihren schwächeren Mitgliedern die Chance auf Teilhabe und faire Lebensbedingungen zu garantieren. Für die Sicherung und Schaffung von Arbeitsplätzen gelte es nun daran zu arbeiten, „dass der Konjunkturmotor in unserem Land möglichst schnell wieder anspringt“, sagt Haberlander.

Im Gesundheits- und Sozialwesen hat die Corona-Krise sowohl den Wert als auch die Unverzichtbarkeit einer generations- und positionsübergreifenden Solidargesellschaft bekräftigt, sagt Franz Harnoncourt, Geschäftsführer der OÖ Gesundheitsholding. Diese hat sich auch in der Krise als stabil und tragfähig erwiesen. „Wir haben eine Selbstverständlichkeit an Solidarität in der Gesellschaft erlebt, die beeindruckend ist“, so Harnoncourt. „Gerade die junge Generation hat ihre Lebensmöglichkeiten eingeschränkt, um die Älteren zu schützen. Es wurde aber auch deutlich, dass sich Solidarität auf überschaubare Räume erstreckt.“ Die überstaatliche Solidarität sei jedoch aufgrund eigenstaatlicher Interessen an ihre Grenzen gelangt. Auch die Nachhaltigkeit der Erfahrungen und Erkenntnisse aus der Covid-Krise sei aufgrund der aktuellen Entwicklungen zu hinterfragen, kritisiert Harnoncourt den mittlerweile oft lockeren Umgang mit Sicherheitsvorkehrungen. „Wir werden uns an Maßnahmen wie Distanz, Mund-Nasen-Schutz, aber auch lokale Einschränkungen gewöhnen müssen“, denn es komme weiterhin auf die Selbstverantwortung jedes Einzelnen an.

"Wenn wir in der Krise etwas lernen können, dann ist es dies: Das österreichische Sozialmodell mit seinen ‚alten‘ Strukturen der Solidarität bewährt sich, wenn es darauf ankommt", resümiert Christian Spieß, Vorstand des Johannes Schasching Institutes und Professor für Christliche Sozialwissenschaften an der KU Linz. Vor allem haben sich jene Institutionen der Solidarität bewährt, die in den letzten Jahren politisch unter Druck geraten sind: das österreichische System der Sozialversicherung, das Kooperationsgefüge der Sozialpartnerschaft sowie die freie verbandliche Wohlfahrtspflege. Diese Institutionen prägen das österreichische Sozialmodell und sind wesentlich auf die katholische Soziallehre zurückzuführen. Die Notwendigkeit stabiler solidarischer Strukturen bestätigt sich auch dort, so Spieß, wo hinreichende Absicherungssysteme fehlen. Sozio-ökonomische Ungleichheit, Chancenungleichheit und gesellschaftliche Spaltung werden durch die anhaltende Corona-Krise verschärft. Die Leidtragenden der Maßnahmen und ihrer Folgen sind dabei besonders Flüchtlinge und MigrantInnen, Kranke und Alte, Erwerbsarbeitslose und armutsgefährdete bzw. von Armut betroffene Menschen, Familien (vor allem alleinerziehende Elternteile, de facto meist Frauen) und Kinder. Insgesamt zeigt sich, so Professor Spieß zusammenfassend, dass gesellschaftliche Spaltung dort überwunden werden kann, wo es stabile Strukturen der Solidarität gibt. Wo es sie nicht gibt, verschärft sich die gesellschaftliche Spaltung teilweise deutlich.

Die Corona-Krise kann demnach als Bewährungsprobe für eben jene Institutionen, die mit dem Prinzip der Solidarität begründet werden, angesehen werden: Sozialstaatlichkeit, Sozialpartnerschaft, verbandliche Wohlfahrtspflege und internationale bzw. europäische Partnerschaft. Dazu haben die Autorinnen und Autoren der Ökumenischen Sommerakademie in weitsichtiger Weise bereits Vorarbeit geleistet, indem sie Themenstellungen der Angst, der Ungleichverteilung von Vermögen und Steuerlast, der Infragestellung von Menschenrechten bis hin zu konkreten Aspekten der Inklusion und Integration im weiten Feld von Caritas und Diakonie aufgriffen haben, wie Severin Lederhilger, Generalvikar der Diözese Linz und Herausgeber des Tagungsbandes, beschreibt. Die Impulse, Anmerkungen und Debatten vom Sommer 2019 können daher als Inspiration und Motivation zu angemessenen Schritten in eine gestaltbare Zukunft verstanden werden, denn Aufgabe der Sozialethik – und nicht nur dieser – ist es: zu tun, was man sagt und zu sagen, was man tut. Der zum Gesamtthema passend präsentierte Tagungsband dokumentiert die wissenschaftlichen, kirchenamtlichen und praxisbezogenen Vorträge.

Der Tagungsband

Die gespaltene Gesellschaft
Analysen, Perspektiven und die Aufgabe der Kirchen

Lederhilger, Severin J.
ISBN/EAN: 9783791732008
Sprache: Deutsch
Umfang: 176 Seiten
Einband: kartoniertes Buch
Reihe: Schriften der Katholischen Privat-Universität Linz

Prof. Sighard Neckel (Hamburg) und Prof. Paul M. Zulehner (Wien) analysieren aus (religi­ons)soziologischer Sicht die gesellschaftlichen und kirchlichen Entwicklungen. Der katholi­sche Dogmatiker Sebastian Pittl (Tübingen) fragt nach der Funktion politischer Theologie angesichts neu-rechter Bewegungen, während sich der Sozialethiker Christian Spieß (Linz) den sozioökonomischen Bedingungen der Solidarität widmet. Der Jurist und Menschenrechtskonsulent Walter Suntinger (Wien) verweist auf die prekäre Realität der Menschenrechtspraxis. Die Direktorin der Diakonie Österreich Maria Katharina Moser (Wien) bringt die Perspektive diakonischen Handelns auf dem Weg zu Integration und Inklusion ein, während der evangelische Bibel­theologe Prof. Gerd Theißen (Heidelberg) sozialgeschichtliche Chancen und Probleme im Blick auf biblische Impulse aufzeigt und dazu ein „Menschenrechtsbekenntnis“ formuliert. Superintendent Gerold Lehner (Linz) mahnt in seinem nachdenklichen Statement über Spal­tung und Einheit den Auftrag von Christen im Dienst der Gemeinschaftsförderung ein.

Im Podiumsgespräch über das Verhältnis und die wechselseitigen Erwartungen bzw. Bei­träge von Kirchen und Politik werden die akademischen Ausführungen praktisch konkretisiert vom emeritierten Professor für Gesellschafts- und Sozialpolitik und ehemaligen EU-Parla­mentarier Josef Weidenholzer (Linz) sowie dem ehemaligen Vizekanzler und Bundespartei­obmann Reinhold Mitterlehner (Wien). Sie stellten sich dabei der Diskussion mit Caritas-Präsident Michael Landau (Wien) und dem evangelischen Bischof Michael Chalupka (Wien). Ergänzend dazu hat Diözesanbischof Manfred Scheuer (Linz) seine grundsätzlichen Überle­gungen zur Diversität in unserer Gesellschaft und der diesbezüglichen kirchlichen Verant­wortung zur Verfügung gestellt. Dieser Band zeigt Entwicklungen klar auf und fordert zum Dialog auf, stellt aber auch eine Einladung zu konkreten Maßnahmen dar.

Die Ökumenische Sommerakademie im Stift Kremsmünster wird getragen vom Ökumenischen Rat der Kirchen in Österreich, dem ORF, der Katholischen Privat-Universität Linz, dem Evangelischen Bildungswerk und der Linzer Kirchenzeitung mit Kooperationspartnern. Sie begleitet seit über 20 Jahren aktuelle Fragestellungen im Dialog mit Natur- und Humanwissenschaften, mit Ökonomie und Soziologie, mit Philosophie und Theologie. Die 22. Ökumenische Sommerakademie wird sich 2021 dem Thema "Der perfekte Mensch. Der Zwang zur Selbstoptimierung und der Umgang mit dem Schwachen" widmen.

6.7.2020/he

Pressekonferenz und Buchpräsentation im OÖ Presseclub: Gespaltene Gesellschaft? Die Krise als Ernstfall der Solidarität.

Von li: Geschäftsführer Mag. Dr. Franz Harnoncourt, OÖ Gesundheitsholding, LH-Stellvertreterin Mag.a Christine Haberlander, Univ.-Prof. Dr. Christian Spieß, Vorstand des Johannes-Schasching Institutes und Professor für Christliche Sozialwissenschaften an der KU Linz, Diözesanbischof Dr. Manfred Scheuer, Generalvikar Univ.-Prof. DDr. Severin Lederhilger.

Von li: Geschäftsführer Mag. Dr. Franz Harnoncourt, OÖ Gesundheitsholding, LH-Stellvertreterin Mag.a Christine Haberlander, Univ.-Prof. Dr. Christian Spieß, Vorstand des Johannes-Schasching Institutes und Professor für Christliche Sozialwissenschaften an der KU Linz, Diözesanbischof Dr. Manfred Scheuer, Generalvikar Univ.-Prof. DDr. Severin Lederhilger.