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Kontrast

Corona: Die Krise als Lebensschule. Rektor Franz Gruber in den OÖN.

In der heutigen Ausgabe der Oberösterreichischen Nachrichten beschreibt Univ.-Prof. Dr. Franz Gruber, Rektor der Katholischen Privat-Universität Linz, in der Kolumne "Die Sicht der anderen" gesellschaftliche Herausforderungen der Coronavirus-Krise.

Die Krise als Lebensschule

Das kurze 21. Jahrhundert hat uns schon drei große Lektionen erteilt: 9/11 machte deutlich, wir sind vor Terror nicht sicher; der Börsencrash 2008 zeigte, dass die Weltwirtschaft viel leichter als vermutet entgleisen kann; die Coronavirus-Krise zeigt in Zeitlupe, dass die Gesundheit der ganzen Menschheit mit einem Schlag bedroht ist – und damit die gesamte Infrastruktur der Zivilisation. Krisen erschüttern schockartig unsere Sicherheiten und Plausibilitäten. Bislang galt: Wir fühlten uns weitgehend frei, unser Leben uneingeschränkt zu leben. Hochmobil, global vernetzt, jederzeit und überall das konsumierend, was wir begehren. Und der Markt stellte alles bereit. Covid-19 stellt nun all das in Frage, was ohnehin längst zu hinterfragen war. Ein kleines Virus hat der globalen Logik des Immer-Weiter, Immer-Mehr, Immer-Schneller eine abrupte Notbremsung verpasst. Unglaublich!

Aber welche Schlüsse und Konsequenzen sind daraus zu ziehen? Unbeschadet der noch heute unabsehbaren Frage, was die Corona-Krise am Ende angerichtet hat: Die Welt wird danach eine andere sein, sie muss eine andere sein. Zuerst wird das Naheliegende geschehen: Die radikale Globalisierung und extreme internationale Arbeitsverteilung werden auf den Prüfstand gestellt: Was brauchen wir an Unabhängigkeit, um uns in der Krise mit dem Lebenswichtigsten selbst versorgen zu können? Wieviel internationale Arbeitsteilung ist sinnvoll? Die entscheidende Frage aber ist: Wohin wollen wir als Menschheit in Zukunft überhaupt gehen? In welcher Welt wollen wir leben? Ich sehe einige Lernschritte, die uns diese Krise aufzeigt.

Erstens: In der Krise kommt es auf Solidarität und Empathie an. Es ist großartig, wie diese Energien nun frei werden. Augenscheinlich wird aber auch, dass die weithin schlecht bezahlten Berufe wie Pflegerinnen, Kassiererinnen oder Erntehelfer sich in Krisenzeiten als Schlüsselberufe herausstellen. Das und der dramatische Einbruch des Arbeitsmarktes verlangt mehr denn je eine Politik der sozialen Gerechtigkeit.

Funktionierende demokratische Strukturen sind der zweite Punkt. Der Staat ist jetzt die alles dominierende Ordnungsmacht. Damit aber seine Macht, Grundrechte in Ausnahmezeiten außer Kraft zu setzen, nicht aus den Rudern läuft, bedarf es tief verankerter demokratischer und zivilgesellschaftlicher Haltungen, genauso aber weiterentwickelter internationaler Koordination. Ein Nationalstaat allein kann solche Krisen nicht bewältigen.

Drittens, Besinnung auf tragende Werte: den Schutz der Schwächsten; das Netz von Familien, Nachbarschaften, Freunden; eine intakte Natur; Eigenverantwortung. Aber auch spirituelle Werte zählen: Dankbarkeit, Achtsamkeit, Mäßigung. Wenn sich das Gespür für das rechte Maß  nicht in unserer gesamten Lebensweise abbildet, haben wir aus dieser Krise zu wenig gelernt. Entweder wir begreifen das so rasch als möglich, oder wir und die kommenden Generationen müssen es bitter fühlen.

Univ.-Prof. Dr. Franz Gruber, Rektor der Katholischen Privat-Universität Linz, Die Krise als Lebensschule. In: OÖN, 24.3.2020, Seite 4 Meinung & Menschen. Kolumne "Die Sicht der anderen".

24.3.2020/he

Univ.-Prof. Dr. Franz Gruber, Rektor der Katholischen Privat-Universität Linz. Foto: Volker Weihbold.

Univ.-Prof. Dr. Franz Gruber, Rektor der Katholischen Privat-Universität Linz. Foto: Volker Weihbold.