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Aktuelles Heft der ThPQ thematisiert Digitalisierung.

Das Heft 02/2020 der Theologisch-praktischen Quartalschrift sammelt Beiträge zum Thema heutiger Technologisierungs- und Digitalisierungsprozesse sowie der Aufgabe des Menschen, sich den Neuerungen kritisch reflektiert zu öffnen und diese verantwortet zu nutzen.

Liebe Leserinnen, liebe Leser!

"Mehr Mut zu digitaler Bildung", so lautete das Ergebnis einer Umfrage, die vom Meinungsforschungsinstitut Ipsos Public Affairs mit 9.005 Personen im Alter zwischen 18 und 65 Jahren in neun Ländern durchgeführt und von der Vodafone Stiftung im September 2019 veröffentlichte wurde. Laut dieser Studie stellen die Deutschen "der digitalen Bildung in Deutschland" im Vergleich zu anderen Ländern "ein schlechtes Zeugnis aus. Nicht einmal ein Viertel der Deutschen (23 Prozent) bewertet die digitale Bildung an Schulen als gut oder sehr gut. Noch unzureichender wird die Situation an Kindergärten bewertet."1 Dabei böte die Digitalisierung, die inzwischen alle Lebens- und Arbeitsbereiche, bewusst oder unbewusst, offensichtlich oder versteckt, erfasst sowie verändert hat, ja permanent weiter verändert, vielfältige Chancen und Möglichkeiten. Sie fordere aber auch heraus: den Einzelnen und die Gesellschaft, die Politik und die Wissenschaften sowie den gesamten Bildungssektor. Demnach stellen sich folgende Fragen: Wie gilt es in und durch Bildung mit der digitalen Welt umzugehen? Sind digitale und digitalisierte Informationen schon Wissen bzw. Erkenntnis oder welche Form der Aneignung ist vonnöten? Wie wirkt sich die Digitalisierung auf den Menschen, das Bild von ihm und seine Rolle im Geschehen um die Digitalisierung aus? Vor diesem Hintergrund will das aktuelle Themenheft – sehr praktisch – nachfragen, wie heute fruchtbringend und verantwortet mit Digitalisierung umgegangen werden kann und muss.

In diesem Sinne wird das Heft vom Leiter der Fachinformationsdienste und Koordinator des Index Theologicus an der Universitätsbibliothek Tübingen, Martin Faßnacht, eröffnet. Er zeigt überaus anschaulich, welchen Gewinn das Digitalisieren von wissenschaftlicher Literatur nicht nur für Forscherinnen und Forscher bringt, sondern auch für jene Menschen, die sich geografisch fern von Präsenzbibliotheken bilden wollen. Erläutert wird ein solcher Digitalsierungsvorgang am Beispiel unserer eigenen Zeitschrift, der ThPQ. Den Mehrwert von Digitalisaten verdeutlicht auch Franz Böhmisch, ehemaliger Assistent am Institut für Bibelwissenschaften des Alten und Neuen Testaments an der Katholischen Privat-Universität Linz. Er führt uns mitten in die Welt der Forschungswerkstatt biblischer Handschriften und Fragmente. Dank der Digitalisierung sind diese inzwischen nicht nur weltweit erreichbar, sie können auch mittels computergestützter Spezialprogramme viel genauer und mit überraschend neuem Erkenntnisgewinn ausgewertet werden, als dies noch in Zeiten des analogen wissenschaftlichen Arbeitens möglich gewesen ist. Vor welchen Herausforderungen die universitäre Lehre im Bereich der Theologie im Hinblick auf e-Learning steht und wie entsprechende Lehr-Lern-Konzepte verantwortet und mit einem wirklichen Kompetenzzugewinn für Studierende aufgebaut werden müssten, fragt Annett Giercke-Ungermann, Referentin im Fernstudiengang Religionspädagogik sowie Referentin für e-Learning an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen. Für den schulischen Bereich gibt Ewald Staltner, Direktor der Höhere Lehranstalt für wirtschaftliche Berufe Steyr, eine Antwort. Angesichts der Veränderungen, welche die Digitalisierung in der Arbeitswelt nach sich gezogen hat, hat man einen neuen Schulzweig, ausgestattet mit einem völlig neuen Lehrplan und innovativen Lehr-Lern-Konzepten, kreiert und installiert. Im Anschluss an diese praktischen Beispiele thematisiert Viera Pirker, Universitätsassistentin am Institut für Praktische Theologie der Universität Wien, die Digitalisierung und ihre Folgen aus theologischer Perspektive. Vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Veränderungsprozesse fordert sie eine Reflexion über das Menschsein bzw. das Menschenbild als solches und damit auch über die Rolle des Menschen und sein Handeln im fortschreitenden Digitalisierungsprozess. Michael Fuchs, Professor für Praktische Philosophie/Ethik an der Katholischen Privat-Universität Linz, schließt hier direkt an, wenn er das gegenüber dem 19. sowie 20. Jahrhundert veränderte Menschenbild nachzeichnet und dabei darauf aufmerksam macht, dass einzig dem Menschen die Fähigkeit innewohnt, kritisch zu denken und verantwortet zu handeln, eine Fähigkeit, die angesichts einer sich scheinbar dem technischen Fortschritt ausgeliefert fühlenden Menschheit nicht aus den Augen verloren werden darf.

Bereichert wird unser Heft durch drei freie Beiträge, die allesamt als Vorträge am Tag des Judentums im Jahr 2019 an der Katholischen Privat-Universität gehalten worden sind. Den Auftakt macht Gudrun Becker, die uns auf einen virtuellen Stadtrundgang durch das jüdische (Glaubens-)Leben in Linz mitnimmt. Im Anschluss daran erläutert Günter Merz, in welcher Weise Juden nach 1740 in Linz zwar geduldet waren, welche Einschränkungen jedoch damit im religiösen Leben sowie im Alltagsleben verbunden gewesen sind. Verena Wagner schließlich führt sehr plastisch die Entstehungs- und Errichtungsgeschichte der beiden jüdischen Gotteshäuser – Bethaus und Synagoge –, aber auch die Zerstörungsgeschichte, eingebettet in die beeinflussenden sozialen und gesellschaftlichen Faktoren, vor Augen.

Geschätzte Leserinnen und Leser!

Jede Epoche, jedes Jahrhundert, jedes Jahrzehnt birgt ihre/seine ganz eigenen Herausforderungen. Das gilt auch für unsere Zeit. Heutige Technologisierungs- und Digitalisierungsprozesse werden vielfach mit der industriellen Revolution des 19. Jahrhunderts verglichen. Ein derartiger Abgleich allerdings ist angesichts der beschleunigten und viel tiefergreifenden Veränderungsprozesse im 21. Jahrhundert kaum möglich. Eine Grundkonstante jedoch lässt sich benennen: Der Mensch! Ihm war und ist es stets Gabe wie Aufgabe, sich den Neuerungen wünschenswerterweise kritisch reflektiert zu öffnen und diese verantwortet zu nutzen, um so seine wie seiner Mitmenschen Zukunft fruchtbringend mitzugestalten.

Kleinere Veränderungen gehen auch am Redaktionsteam nicht vorüber. Andreas Telser, Assistenzprofessor am Institut für Fundamentaltheologie und Dogmatik, der unsere Arbeit mehr als zwei Jahre mit seinem profunden Wissen und seinem kritischen Blick bereichert hat, wird uns verlassen. Ihm sei im Namen der gesamten Redaktion herzlich für seine solide Arbeit gedankt. Wir wünschen ihm für seine weiteren Wege alles erdenkliche Gute und Gottes Segen. Klara-Antonia Csiszar, Professorin für Pastoraltheologie an der Katholischen Privat-Universität Linz, wird seinen Platz in der Redaktion einnehmen. Darüber freuen wir uns sehr!

1 https://www.vodafone-stiftung.de/kurzstudie-mehr-mut-zu-digitaler-bildung/ [Abruf 01.03.2020]

Ihre
Ines Weber
(Chefredakteurin)

4.5.2020/kd

(c) pixabay