Schrift:
A
A+
A++
Kontrast

Aktuelles Heft der ThPQ befasst sich mit dem Thema Leid.

Das Heft 01/2020 der Theologisch-praktischen Quartalschrift versucht mit seinen Beiträgen beispielhaft aufzuzeigen, welche Antworten Religionen auf die Frage nach der sinnvollen Integration existenzieller Leiderfahrung im menschlichen Leben formulieren.

Liebe Leserin, lieber Leser!

Ob als körperliches oder seelisches Leid, als Erfahrung der Selbstentfremdung oder der Sinnlosigkeit, Leid ist ein Grunddatum menschlicher Existenz, das klagend, verzweifelnd oder hoffend, in Auflehnung oder passiver Ergebenheit, alleine oder in Beziehungen zu anderen bewältigt werden will. Immer wieder stellten und stellen auch die Religionen die Frage nach dem Leid. Dabei sahen und sehen sie sich nicht nur vor der Aufgabe, Menschen Trost anzubieten, sondern ebenso waren und sind sie je neu gefordert, ihr Gottesbild mit der Erfahrung des Leids in Beziehung zu setzen. Zahlreiche weitere bedrängende Fragen erwuchsen und erwachsen daraus: Lässt sich Leid sinnvoll in menschliches Leben integrieren? Ist Trost möglich oder kann die Erfahrung von Leid möglicherweise sogar überwunden werden? Welche Antworten von den jeweiligen Religionen in der Vergangenheit und in der Gegenwart auf diese Fragen hin formuliert wurden und werden, das versuchen die Beiträge in diesem Heft beispielhaft aufzuzeigen.
Die Beobachtung, dass Leiderfahrungen für Jugendliche nicht mehr notwendig die Frage der Theodizee aufwerfen, wählt Georg Langenhorst in seinem Beitrag als Ausgangspunkt. Wie aber können sich junge Menschen heute mit der Frage nach dem Leid auseinandersetzen? Obwohl die Theodizee den Gottesglauben nicht mehr zu erschüttern scheint, bleibt dennoch die Frage nach dem Leid und der Möglichkeit des Trostes. Wie dieser gelingen kann, reflektiert der Beitrag am Beispiel des Buches Ijob. Darüber hinaus zeigt der Autor, welche Anregungen der Religionsunterricht für den Umgang mit Leiderfahrungen zur Verfügung stellen kann.

Klaus von Stoschs Beitrag wählt ebenfalls das Buch Ijob als Ausgangspunkt. Anhand dieser Figur werden drei mögliche Antworten auf die Leiderfahrung skizziert: Als Dulder nimmt Ijob alles – auch das Leid von Gott – in seinem Leben an und erträgt es im Vertrauen auf ihn. Als Rebell fordert er Gott heraus und will eine Erklärung für sein Geschick. Schließlich: Als Freund Gottes bemüht sich Ijob um die Integration der auf den ersten Blick unvereinbaren Gotteserfahrung. Wenngleich die Frage nach dem Warum des Leids letztlich nur von Gott beantwortet werden kann, seine tröstende Antwort und sein rettendes Handeln kann vorwegnehmend verwirklicht werden. Dazu habe Theologie anzustiften, nicht aber zur Erklärung des Leids und zur Beschwichtigung des Protests gegen Gott.

Marianne Grohmann stellt die biblischen Klagelieder in den Mittelpunkt ihrer Ausführungen zur alttestamentlichen Bild- und Sprachwelt zum Thema Leid. An zahlreichen Textbeispielen zeigt sie, wie individuelles und kollektives Leid dargestellt, ins Wort gefasst wird. Es wird deutlich, wie Menschen – um eine Antwort ringend – in ihrem Leid an sich selbst und an Gott zweifeln. Bemerkenswert dabei ist, dass sie Gott sowohl als Ursache ihres Leids als auch als Adressat ihrer Klage, ja als ihre einzige Hoffnung auf Rettung sehen können.

Wie sich die Erfahrung von Leid mit dem eigenen Gottesbild verbinden lässt, wird auch in der islamischen Tradition durch die Jahrhunderte hindurch reflektiert. Darius Asghar-Zadeh beginnt bei der Darstellung wichtiger traditioneller islamischer Umgangsformen mit Leiderfahrungen beim Koran, woraufhin er unterschiedliche Ansätze rationaler Glaubensverantwortung vom Mittelalter bis in die Gegenwart vorstellt. Bei allen Antworten steht ein vertrauendes Festhalten an Gott im Vordergrund, ohne jedoch die Problemreflexionen damit in Frage zu stellen.

Abseits der großen Religionsgemeinschaften finden sich in unserer Zeit zahlreiche andere religiös-spirituelle Deutungsangebote. Der Beitrag von Anne Koch wendet sich alternativen Religionsformen der Gegenwart zu und nimmt einen Ausschnitt des "regionalen spirituellen Dienstleistungsmarkts" in den Blick. An fünf Beispielen regionaler Anzeigemagazine aus Österreich und Bayern untersucht sie, ob und in welcher Form Leid als Thema aufgegriffen wird.

Dass Leiderfahrungen nicht nur ein gewichtiges Thema theologisch-spiritueller Reflexionen sind, sondern auch in der Kunst durch die Jahrhunderte hindurch zu den zentralen Themen zählen, zeigen die letzten beiden Beiträge dieses Hefts auf.

An Beispielen moderner Literatur präsentiert Christoph Gellner die vielfältigen Auseinandersetzungen mit Leid und Tod. Dabei reicht die Bandbreite, auf welch unterschiedliche Weise die Frage nach dem Sinn gestellt werden kann, von hoch emotionalen Schilderungen bis hin zu distanziert kühlen Reflexionen.

Der bildenden Kunst wendet sich Johanna Schwanberg zu. Sie veranschaulicht, wie sich die Sichtbarmachung des Leids – vom leidenden Menschen hin zur Wunde – verändert. Ebenfalls breite Ausgestaltung in der Kunst findet die theologische Deutung der Wunde Christi als Geburtsort der Kirche bei den Kirchenvätern. Außerhalb religiöser Deutungsmuster bleibt die Verletzbarkeit des Körpers bis in die Gegenwart in der Kunst präsent und regt so zur Auseinandersetzung mit dem Thema Leid an.

Der freie Beitrag von Hildegard Wustmans beschäftigt sich ebenfalls mit dem Thema Leid, nämlich dem durch Missbrauch verursachten Leid in der katholischen Kirche. Darin ergründet sie strukturelle Kontexte, die solchen Missbrauch ermöglichen. Ebenso sucht sie nach Möglichkeiten, den Opfern Verständnis und Anerkennung entgegenzubringen, um so zumindest eine Linderung ihres Leids zu ermöglichen.

Das vorliegende Heft wird durch zwei weitere Beiträge abgerundet. Hermann Glettler wendet sich dem Kulturauftrag der Kirche zu und argumentiert, Kirche habe nicht nur die Aufgabe, Kulturgut zu bewahren und zu erhalten, sondern ebenso Kultur zu prägen, Alltags- und Lebenskultur zu schaffen.

Florian Wegscheider schließlich stellt seine 2018 fertiggestellte Dissertation zu den Ursprüngen des Advents vor, denen er anhand verschiedener antiker Quellen nachgegangen ist.

Geschätzte Leserinnen und Leser!

Das Durchschreiten der verschiedenen Reflexions- und Antwortversuche zum Leid in Vergangenheit und Gegenwart macht eindrücklich sichtbar, wie wenig sich an der existenziellen Brisanz dieses Themas verändert hat. Zwar gibt es stets auf Neue Versuche, die Erfahrung des Leids zu erklären, zu verharmlosen, gar zu verschweigen, die damit einhergehenden Erschütterungen des eigenen Selbst-, Welt- und Gottesverständnisses jedoch brechen immer wieder durch. Im Rahmen aller Angebote zur Leidbewältigung kann es demnach nur darum gehen, wie Klaus von Stosch es festhält, ein (Über-)Leben mit der "offenen Wunde" dieser Frage zu ermöglichen.

Ihre
Susanne Gillmayr-Bucher
(für die Redaktion)

Beginnend mit diesem Jahrgang bietet der Verlag F. Pustet  ein elektronisches Abo für die ThPQ an. 

22.01.2020 / kd
 

(c) pixabay

(c) pixabay